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Das Vergessen der Jenische

Der Bundestag hat am 22. März einen Antrag mit dem Titel „Antiziganismus bekämpfen“ beschlossen. Hetze im Internet, Diskriminierung, Benachteiligungen soll entgegen getreten werden. Eine beim Bundesinnenminister angesiedelte Expertenkommission soll zudem herausfinden, was im  Einzelnen Antiziganismus ist. Ein notwendiges Unterfangen des Parlaments. Aber so, wie es ablief, was es alles andere als ein Glanzstück des Hohen Hauses.

Das Parlament konnte sich nicht auf einen Text für alle demokratischen Fraktionen einigen. Nein, die konservative Mitte wollte nicht mit der Linken stimmen. Und Grüne und Linke und FDP rückten nicht von ihrem Text ab. Beschluss streitig. Einfach unschön. Zweitens wurde die Kommission nicht dem Bundestag zugeordnet, sondern im erwähnten BMI angeflanscht. Warum das so sein soll, dafür gab es keine überzeugende Begründung. Wer der Kommission angehören soll, darüber rätseln die Abgeordneten heute noch.

Und drittens wurde ausschließlich über Sinti und Roma geredet, über andere Gruppen, die vom Antiziganismus betroffen sind, wurde kein Wort verloren. Das ist erst recht unschön.

Den Begriff Antiziganismus „lediglich als Synonym für Diskriminierung von Sinti und Roma oder als Verweis auf bestimmte Ausdrucksformen (wie zum Beispiel Hassrede oder Vorurteile) zu verwenden, verdecke die Spezifik, die Reichweite und die diesem Begriff zugrunde liegende Struktur, heißt es  im „Grundlagenpapier“ einer Allianz gegen Antiziganismus. Ausgearbeitet wurde dieses Papier unter anderem von der Deutschen Gesellschaft für Antiziganismusforschung. Mitgearbeitet haben der Zentralrat deutscher Sinti und Roma ebenso wie das European Roma Rights Center, die UN Menschenrechtskommission und ERGO, das European Roma Grassroots Organisations Network. Antiziganismus sei eine „spezielle Form des Rassismus, die sich gegen Roma, Sinti, Fahrende, Jenische und andere Personen richtet, die von der Mehrheitsgesellschaft als ‚Zigeuner’ stigmatisiert werden“, schreiben die Autoren.

Diesem Ansatz ist der Bundestag nicht gefolgt. Von anderen Fahrenden, den Jenischen insbesondere war keine Rede, weder bei CDU/CSU noch bei der SPD, den Grünen, der Linken, der FDP oder der AfD. Auf die Jenische trifft der Aphorismus Immanuel Kants zu, der auch dem römischen Philosophen Seneca zugesprochen wird: Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern; tot ist nur, wer vergessen wird.

Das Vergessen der Jenische hat Tradition. Die Süddeutsche Zeitung schrieb 2017: „Jahrhundertelang wurde das fahrende Volk der Jenischen in Europa diskriminiert. Bis heute ist es den Deutschen nicht recht geheuer – oder unbekannt.“ Sie sind eine transnationale europäische Minderheit, die eigene – teils sich ähnelnde – Dialekte  spricht, die ihre eigene Musik hat, ihr eigenes Zusammengehörigkeitsbewusstsein, ihre eigene Geschichte der Verfolgung und Unterdrückung. Sie sind in Deutschland Deutsche, in Österreich Österreicher und in der Schweiz Eidgenossen. Seit hunderten von Jahren. Der wohl bekannteste unter ihnen ist heute der Mittelstürmer der Les Bleus, Antoine Griezmann.

Bis zuletzt haben wir in Deutschland den Jenischen das Leben schwer gemacht: Denn das Kreislaufwirtschaftsgesetz legt fest, dass das Sammeln von Metall und Altkleidern angezeigt und genehmigt werden muss. Das trifft vor allem jenische Altwarenhändler. Die Kommune entscheidet heute, ob der das darf oder ob die Gemeinde das in die eigene Hand nimmt. Der Verband der Jenische sagte, im  Landkreis Böblingen seien sogar  Kopfgelder auf das Melden von rechtswidrig sammelnden Jenischen ausgesetzt worden.

Schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Jenische als „Asoziale“ angesehen – und auch so bezeichnet. Den Rechten wie manchen Linken waren sie wegen ihrer Lebensweise verdächtig. Die war dadurch gekennzeichnet, dass sie vom Frühjahr bis zum Herbst, bis Martini mit Waren durch die Lande fuhren, verkauften, Kessel und anderes mehr reparierten. Sie waren Kesselflicker, sie haben Körbe geflochten, Mausefallen hergestellt, Töpfe und Teller in der Kiepe transportiert. Und im Winter waren sie in ihren Quartieren.

Weil ihre Lebensweise der der Sinti und Roma ähnelte, wurden sie „weiße Zigeuner“ genannt. Sie haben keine Kriege begonnen, kein Land besetzt, anderen ihren –meist – katholischen Glauben nicht aufgezwängt. Sie waren und sind in der Mehrheit einfache Leute, denen es freilich an den Codes der akademisierten, sogenannten gutbürgerlichen Schichten gebricht. Bis heute ist ihr Zugang zur Bildung durch Ausgrenzung begrenzt. Die Nazis haben sie als „Asoziale“, als „Arbeitsscheue“ und als „Zigeuner-Mischlinge“ in Arbeitslager gesteckt, zwangssterilisiert, getötet. Wie viele starben, weiß bis heute niemand.

Sie wurden nach dem Krieg an die Ränder der Städte gedrängt, dann wurden sie in oft billige Quartiere verbracht. Erst in den achtziger Jahren wurden ihnen mehr Aufmerksamkeit zuteil – nicht zuletzt von kirchlichen Sozialwerken. Sie blieben aber ungewollte Außenseiter.

Da passt´s  doch irgendwie, wenn der Bundespräsident im Januar zu einem Kulturabend „für die Roma, Sinti und Jenischen“  einlud – und Schweizer Jenische hinzu bat. Über die deutschen wusste man offensichtlich nichts.

In der kommenden Woche wird der  Bundestag über das Programm „Jugend erinnert“ debattieren und beschließen. Einige SPD- Abgeordnete sind entschlossen, das Vergessen der Jenische zu durchbrechen. Gut so.

Bildquelle: Wikimedia, gemeinfrei

 

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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


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