Tag der Befreiung

Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung

 

Vor 73 Jahren, am 8. Mai 1945, endete der Zweite Weltkrieg mit der Unterzeichnung der Kapitulation durch Nazi-Deutschland. Mit diesem Tag und diesem Akt wurde zugleich das Ende der Nazi-Diktatur besiegelt. Deutschland hatte sich nicht aus eigenen Kräften von der Geißel des Faschismus befreit, das hatten die Alliierten übernommen, die Sowjets, die Amerikaner, Franzosen und Briten. Unter ungeheuren Verlusten hatten sie den der  Welt von Hitler aufgezwungenen Krieg geführt, allein 27 Millionen Tote hatte die Sowjetunion in diesem von ihr so genannten großen Vaterländischen Krieg zu beklagen, die Hälfte davon Zivilisten. Es war Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der seinen Deutschen am 8. Mai 1985 den Spiegel vorhielt: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung“, stellte er als historische Wahrheit fest. Dieser Tag müsse ein Tag der Erinnerung sein, Erinnerung aber heiße, „eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, dass es zu einem Teil des eigenen Innern“ werde. Dies allerdings stelle „große Anforderungen an unsere Wahrhaftigkeit“.

Der Blick Weizsäckers in die braune Tiefe schlimmster deutscher Geschichte traf alle die, die es bis 1985 immer noch nicht wahrhaben wollten oder zumindest so taten, als gingen sie diese Fragen nichts an. Weil sie ja nichts gesehen, nichts gehört und nichts gewusst haben wollten von all den Verbrechen der Nazis an den Millionen Juden, an Gegnern des Regimes, an Angehörigen von Minderheiten, deren Leben den Nazis nichts wert war. „Jeder Deutsche konnte miterleben, was jüdische Mitbürger erleiden mussten, von kalter Gleichgültigkeit über versteckte Ignoranz bis zu offenem Hass“, sagte Weizsäcker und fuhrt fort: Wer damals seine Augen und Ohren aufgemacht habe, „wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, dass Deportationszüge rollten“, wenn auch die „Phantasie der Menschen für Art und Ausmaß der Vernichtung nicht ausreichen“ mochte. Und: Nicht das Kriegsende sei die eigentliche Ursache von Flucht und Vertreibung Millionen Deutscher, sondern der Anfang jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte: „‚Wir dürfen den 8. Mai nicht vom 30. Januar 1933 trennen“, mahnte das Staatsoberhaupt. Ein Volk, das vor seiner Vergangenheit die Augen verschließe, werde blind für die Gegenwart.

Israel würdige Weizsäckers Rede

Diese Rede, auch dies gehört zur Wahrheit, stieß in Deutschland nicht nur auf Zustimmung. Der Vorsitzende der schlesischen Landsmannschaft, Herbert Hupka, empfand diese von Weizsäcker selber als seine „politischste und zugleich persönlichste“ Rede seiner Amtszeit als Zumutung.  Hatte der Bundespräsident zum Thema Gewaltverzicht u.a. ausgeführt, “ den Menschen dort, wo sie das Schicksal nach dem 8. Mai hingetrieben hat und wo sie nun seit Jahrzehnten leben, eine dauerhafte, politisch unangefochtene Sicherheit für ihre Zukunft zu geben.“ Der israelische Staatspräsident Chaim Herzog anerkannte Weizsäckers „historische Rede“.

Der 8. Mai ist ein besonderer Tag in Russland. Da wird Stalin weiter für den Sieg über Nazi-Deutschland geehrt. Wir haben das vor Jahren bei einem Besuch in St-Petersburg erfahren, als Tausende von Menschen, Alte, Junge, Familien mit Kindern, Männer in ihren alten Uniformen mit Ehrenzeichen auf den Zentralfriedhof strömten und  der vielen Toten gedachten. Übrigens dauerte der Krieg im asiatisch-pazifischen Raum noch drei Monate länger und endete erst mit dem Abwurf der Atombombe durch die Amerikaner über Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 mit der verheerenden Konsequenz von 200000 Toten.

Kurz vor Ende des Kriegs wurde mit dem KZ Dachau das letzte der Konzentrationslager der Nazis durch die Amerikaner befreit. Bilder der überlebenden KZ-Insassen wird der nicht vergessen, der sie sie gesehen hat, oft fast verhungerte Menschen, gequält, gefoltert, verprügelt. Zur historischen Wahrheit gehört, dass die Sowjets die einstigen Konzentrationslager in Sachsenhausen und  Buchenwald weiterführten. Im Berliner „Tagesspiegel“ wird aus dem Buch „Der SS-Staat“ von Eugen Kogon zitiert: „NKWD-Personal bewacht die Gefangenen, verwaltet das System. Gegen frühere Nationalsozialisten? Gegen Jedermann, der als Staatsfeind verdächtig ist“.

Aufstieg aus der Asche

„Aufstieg aus der Asche“ heißt der Titel des letzten Absatzes des lesenswerten Buches von Ian Kershaw „Höllensturz“. 1945, schreibt der Historiker, lebte Europa im Dunkel von Tod und Zerstörung. Städte, die nur noch einen Namen trugen, aber ansonsten aus Trümmern bestanden. Man nehme Warschau und Berlin als zwei Beispiele. Eisenbahnnetze, Kanäle, Brücken, Straßen von Bomben oft unkenntlich gemacht, in vielen Gegenden gab es kein Gas, Strom oder Wasser, Lebensmittel und Medikamente nur unter großen Schwierigkeiten zu bekommen, kein Heizmaterial. Viele Menschen litten an Unterernährung, man schaue sich die Bilder von damals an. Wohnungen Mangelware und wer eine hatte, musste sie mit anderen teilen. In Deutschland waren 40 Prozent der Gebäude der Vorkriegszeit zerstört, 10 Millionen Wohnungen kaputt. Bei Kriegsende mussten über 50 Millionen Menschen behelfsmäßig in Trümmern und Ruinen leben. Dazu kamen Millionen Vertriebene, ehemalige Zwangsarbeiter, Flüchtlinge, Kriegsgefangene. So weit Ian Kershaw.

Beim Historiker Heinrich August Winkler ist zum Ende der Nazi-Zeit zu lesen: „Der Holocaust führte der Welt vor Augen, was ideologische Verblendung im Bunde mit moderner Technik vermochte, wenn ein Staat sich erst einmal, so wie Deutschland im Jahr 1933, von der Herrschaft des Rechts verabschiedet hatte. Wenn die Ermordung der europäischen Juden im kollektiven Gedächtnis des Westens stärker nachwirkt als die millionenfachen Massenmorde des Stalinismus, dann nicht nur, weil die Shoah in ihrer kalten Systematik einmalig war, sondern auch aus einem anderen Grund: Dieses Menschheitsverbrechen wurde von einer Nation begangen, die kulturell zum Westen gehörte und darum an westlichen Maßstäben gemessen wurde- und gemessen wird. Ebendies war der Kern der deutschen Katastrophe, von der der Historiker Friedrich Meinecke 1�946 im Titel eines damals viel gelesenen Buches sprach.“

Vor kurzem habe ich Winklers kritisches Buch „Zerbricht der Westen?Über die gegenwärtige Krise in Europa und Amerika“ gelesen. Gerade an einem 8. Mai sollten wir hoffen, dass die Gegner Europas nicht Recht bekommen. Etwas Besseres gibt es nicht.

 

 

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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