Idealismus

Der Norddeutsche Rundfunk – ein Trauerspiel

Er war einst eine öffentlich-rechtliche Instanz – der Norddeutsche Rundfunk (NDR). Journalisten wie Joachim Fest, Dieter Gütt, Peter Merseburger, Stefan Aust gaben ihm Profil und Gewicht. Der Obrigkeit wurde er dermaßen unbequem, dass CDU-Ministerpräsidenten laut über die Zerschlagung der Drei-Länder-Anstalt nachdachten. Heute zerschlägt sich der NDR (inzwischen eine Vier-Länder-Anstalt) selbst – ein Trauerspiel.

Es ging deutschlandweit durch die Presse: Die Verantwortlichen des Senders stehen vor einem 300-Millionen-Finanzloch. Keine andere Anstalt der ARD hat vergleichbare Probleme. Und jetzt muss deshalb beim NDR gespart werden, dass es knirscht und weh tut – vor allem dem Heer der Freien MitarbeiterInnen. Viele von denen zeigen offen ihre Existenz-Angst.

So, wie es sich zumindest den unteren Chargen im NDR darstellt, tat sich das Riesen-Loch gleichsam über Nacht auf. Noch im Januar dieses Jahres bilanzierte der vorige Intendant Lutz Marmor bei seinem Abschied nach 12 Jahren: „Ich glaube, ich übergebe ein gut bestelltes Haus.“ Hohn oder schiere Ahnungslosigkeit ? 

Jetzt das Finanzdesaster. Das wird im Intranet des Senders ausführlich begründet. Oder es wird versucht. Hat man die komplizierte Argumentation gelesen, weiß man oder soll wissen: Schuld haben keinesfalls NDR-Hierarchen, sondern andere – u.a. die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF), andere Sender, die im Gegensatz zum pflichtbewussten NDR Rücklagen gebildet hätten – zulasten des Programms. Und auch Corona trägt irgendwie zum Defizit bei.

Aufgegeben werden jetzt ganze Sendungen. Programme, die im NDR dem Rotstift vollständig  oder teilweise zum Opfer fallen, füllen mehr als zwei eng beschriebene Seiten. Nur wenige Beispiele: Im Fernsehen: Aus für das „Bücherjournal“, drastische Mittelkürzungen beim „Tatort“, dem anerkannten Medienmagazin „Zapp“ und bei den „Weltbildern“ mit seinen wichtigen und interessanten Auslandsberichten. Im Hörfunk künftig kein „Mittagsecho“, kein „Echo des Tages“, keine „Berichte von heute“ und kein „Zeitzeichen“. Es sei wiederholt: Dies sind nur wenige Beispiele für die drastischen Einschnitte ins Programm

Und dieses Programm machen zum allergrößten Teil Freie MitarbeiterInnen. Also werden jetzt zwangsläufig viele arbeitslos. Dazu im NDR-Intranet zwei Sätze voller Mitgefühl: „Die Nullrunden bei den Trägerkosten und die Einstellung von Sendungen treffen vor allem die Freien. Das schmerzt Programmverantwortliche und Geschäftsleitung.“

Wenn’s denn so schmerzt, wäre Solidarität mit den Opfern der Sparpolitik gefragt. Besonders in einem Sender, der wie die anderen ARD-Anstalten gerne Missstände aufdeckt, Ungerechtigkeiten und soziale Schieflagen anprangert. Ein Sender, der die Plattform bietet für so nette Solidaritäts-und Spenden-Aktionen wie „Hand in Hand für Norddeutschland“.

Und Solidarität würde denen da oben doch gar nicht wehtun. Denn in den öffentlich-rechtlichen Sendern, also auch im Norddeutschen Rundfunk, werden immer noch üppige Spitzengehälter gezahlt. Herausragende Beispiele liefern die Intendanten, die allesamt weitaus mehr verdienen als die Ministerpräsidenten ihrer Bundesländer. Der Erste Bürgermeister der Hansestadt Hamburg, um ein Beispiel zu nehmen, bringt es auf ein Grundgehalt von etwa 220.000,– Euro im Jahr. Der NDR-Intendant darf sich über ein Jahressalär von 350.000,– Euro freuen. Und auch seine Direktoren, von denen es einige gibt, verdienen mehr als der Hamburger Regierungschef. Gewiss: Würden der Intendant, seine Direktoren und auch die über 50 anderen außertariflichen Spitzenverdiener im gebeutelten NDR auf einen Teil ihrer opulenten Gehälter verzichten, würde das 300 Millionen-Loch damit nicht gestopft. Aber manchmal können auch Gesten viel wert sein und den Schmerz der Opfer lindern. Zumal es im Intranet des Senders zu den Sparbemühungen wörtlich heißt: „Es geht nur gemeinsam.“

Deshalb Frage an den Pressesprecher des NDR: Gibt es Pläne, dass Spitzenverdiener des Senders auf Teile ihres Gehaltes verzichten ? Die Antwort kurz, eindeutig und gnadenlos: „Nein“.

Bildquelle: Wikipedia, von 32X, CC BY-SA 3.0,

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'Der Norddeutsche Rundfunk – ein Trauerspiel' hat einen Kommentar

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    5. Juni 2020 @ 21:48 Art Vanderley

    „Zapp“, „Weltbilder“, „Tatort“
    Ziemlich zielsicher, würde ich sagen. Da könnte man schon- Achtung Verschwörungstheorie- auf den Gedanken einer gewissen Tendenz kommen, denn das sind alles eher kritische Formate, auch der Tatort im fiktionalen Bereich.
    Im Zusammenhang mit der Entwicklung in anderen Sendern passt das durchaus ins Bild, die erbärmliche Entwicklung der „Anstalt“ im ZDF, der inhaltliche Verfall der „kulturzeit“auf 3Sat, man könnte noch mehrere Beispiele nennen von Formaten, die bis vor kurzem noch- mit Hängen und Würgen- als frei bezeichnet werden konnten.
    Medien leben von der Glaubwürdigkeit, was passiert, wenn man sie kaputtspart oder anderweitig abschafft, darauf hatte die Zeitungskrise einen kleinen Vorgeschmack geboten, und alles spricht dafür, daß der erst der Anfang war.

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