Weißer Elefant

Der weiße Elefant im Raum

„Der weiße Elefant im Raum aber ist die Frage der Migration.“ Ganz Deutschland rätselt seit einigen Tagen über diesen Satz, dessen Sinn man nicht auf Anhieb versteht und der deshalb erläuterungsbedürftig ist. Er stammt von Jens Spahn und steht in seinem Bewerbungsschreiben für den Parteivorsitz der CDU, veröffentlicht am 1. November 2018 in der FAZ. Der Satz soll wohl zum Ausdruck bringen, dass die Migration ein zentrales Problem ist, das in Deutschland politisch nicht bewältigt und bisher falsch behandelt worden ist. Zumindest kann man den Kontext nicht anders deuten, selbst wenn einem der Sinn des Satzes nicht unmittelbar einleuchtet.

Spahn will offensichtlich signalisieren, dass er sprachlich modern und international bewandert ist. Denn der „Elefant im Raum“ ist eine Redewendung aus dem Englischen, die sich ab und zu, wenn auch selten, in deutschen Reden und Texten findet und wohl Weltläufigkeit signalisieren soll. Allerdings kommt mir das so vor, als wenn man unser „Eulen nach Athen “ mit „Kohlen nach Newcastle tragen“ gleichsetzte. Kann man machen, meint das Gleiche, passt aber trotzdem nicht. Und aus der vermeintlichen Weltläufigkeit wird schnell ein mangelndes Verständnis für idiomatische Wendungen.

Zum anderen will der Autor wohl auch seine Kreativität unter Beweis stellen. Denn der Elefant im Raum ist nur ein Teil des Ganzen. Kompliziert bzw. rätselhaft wird es für den deutschen Leser dadurch, dass der Elefant auch noch weiß sein soll. Weiße Elefanten sind in der Natur sehr selten, aber in den englischen Kolonien in Südostasien, etwa in Burma, gab es sie und von dort gelangten sie in den englischen Wortschatz. Die Bedeutung der Redewendung war, um es noch weiter zu verkomplizieren, ursprünglich auch noch eine andere als im heutigen englischen Sprachgebrauch.

Was also soll uns zunächst der „Elefant im Raum“ sagen? Im Oxford Advanced Learner’s Dictionary wird er definiert als „a problem or question that everyone knows about but does not mention because it is easier not to discuss it.“ Also ein offensichtliches Thema, über das jedoch niemand sprechen will und dem man besser ausweicht. Das Thema Migration ist also für Jens Spahn ein offensichtliches Thema – soweit richtig -, aber dass man es sich leichter macht, indem man es bewusst nicht diskutiert: Ich weiß nicht, ob man das so sehen kann, dafür gab und gibt es zu viele Diskussionen, tagtäglich und überall.

Der weiße Elefant, auch da hilft uns wieder das OALD, ist „a thing that is useless and no longer needed, although it may have cost a lot of money.“ Also etwas Nutzloses, das auch noch viel Geld gekostet hat. Weiße Elefanten galten in Burma oder Thailand als heilig und wurden von früheren Monarchen als Zeichen der Wertschätzung verschenkt. Das war für den Beschenkten zwar eine hohe Ehre, aber gleichzeitig eine große, manchmal ruinöse Last, denn die Unterhaltung und Pflege war aufwändig, zumal das Tier nicht zur Arbeit eingesetzt werden durfte. Ist die Migration also etwas Nutzloses, das nur kostet und nichts bringt?

Im neueren englischen Sprachgebrauch bezeichnet ein weißer Elefant auch ein Projekt, das extrem teuer geworden ist, ohne den erwarteten Nutzen gebracht zu haben, etwa im Baubereich. In Deutschland fällt mir dazu spontan das Beispiel des Berliner Flughafens ein, aber das ist ein anderes Thema. Bezogen auf die Migration wäre also das viele Geld, das wir für ihre Bewältigung aufwenden, nicht sinnvoll ausgegeben. Das kann man so sehen, aber erstens handelt es sich um kein geplantes Projekt – im Gegenteil -, und zweitens ist der erwartete Nutzen nicht wirklich definiert bzw. zu berechnen. Deswegen macht eine reine Kosten-Nutzen-Analyse aus meiner Sicht wenig Sinn.

Etwas Teures und gleichzeitig Nutzloses, das jeder sehen kann, über das man aber besser nicht spricht. Das wäre meine Interpretation der Spahnschen Redewendung vom weißen Elefanten im Raum. Genauer: Die Migration ist weniger Segen als Fluch, und darüber will niemand so richtig reden. Sorry, aber gerade Letzteres ist eine steile These, wenn es so gemeint sein sollte. Man kann natürlich trefflich darüber streiten wollen, was uns die Migration kostet und welchen Nutzen wir davon haben, aber ich kann nicht erkennen, das dies nicht geschieht. Im Gegenteil wird für viele viel zu viel darüber geredet und zu wenig über die humanitäre Seite des Ganzen.

Spahns weitere Ausführungen lassen erkennen, dass er beim Thema Migration Antworten auf offene Fragen fordert und eine klare Positionierung seiner Partei, der CDU, vermisst. Er will die ungeordnete Zuwanderung begrenzen bzw. besser steuern, das Asylrecht erneuern und ein neues Einwanderungsgesetz auf den Weg bringen. Das sind nachvollziehbare Ziele, bei deren Verwirklichung aber noch konkrete Aussagen fehlen, wie man Humanität und Flüchtlingshilfe mit Ordnung und Kontrolle zusammenbringen will, wie er schreibt. Spahns eigene Darlegungen bestätigen, dass wir es mitnichten mit einem „weißen Elefanten im Raum“ zu tun haben, denn an der Thematisierung dieser Fragen herrscht wahrlich kein Mangel. Aber vielleicht hat der Elefant ja auch nur seinen Blick darauf verstellt, auf was es wirklich ankommt.

Titelbild: CC0 Public Domain

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Jürgen Brautmeier

Der Historiker war bis 2016 Direktor der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt und von 2013 bis 2015 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft aller deutschen Landesmedienanstalten. Heute lehrt er als Honorarprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Geschichte sowie Kommunikations-und Medienwissenschaft.


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