Erinnerungen

Die Kunst des Erinnerns – Struktur- und Stilelemente bei Peter Kurzeck am Beispiel des Romans Vorabend

Der Autor, der 2013 mit 70 Jahren verstorben ist, hat ein gewaltiges Romanwerk und zahlreiche von ihm selbst gesprochene Hörbücher hinterlassen. Fünf Romane hatte er bereits geschrieben, bevor er das Großprojekt unter dem Titel Das alte Jahrhundert in Angriff nahm. Es ist ein auf zwölf Bände konzipierter Romanzyklus, von dem er fünf fertigstellen konnte, bevor er starb. Vorabend ist der letzte, den er vollenden konnte.

Das ganze Werk Kurzecks ist eine komplexe autobiographisch-poetische Chronik, in der sich der Autor seiner Kindheit im hessischen Staufenberg wie auch seines gesamten Lebens über Erinnerungen vergewissert. In zahlreichen Variationen und immer wieder aufs Neue stellt sich dieses große Erinnerungswerk als eine Erzählung dar, deren Quellen nie zu versiegen scheinen. Man fragt sich bei der Lektüre auch nur eines Romans, wie das Phänomen des Kurzeckschen Erzählens, das praktisch endlos ist, zu erklären sei. (Nicht zu Unrecht nannte man ihn im Feuilleton den hessischen Proust).

Der Autor ist mit einem phänomenalen Gedächtnis ausgestattet, das wiederum auf genauester Beobachtung beruht. Sein Lebensprogramm als Schriftsteller bestand wohl darin, sich alles zu merken und alles, was er sich gemerkt hat, aufzuschreiben.

Das, was Kurzeck erinnert und aus dem Gedächtnis hervorholt, sind keine isolierten Ereignisse, Begebenheiten etc., sondern Verkettungen derselben. Es scheint so, dass ein sich selbst generierender Mechanismus greift, indem beim Erzählen oder Schreiben ein Element der Erinnerung schon das nächste und übernächste als Anschluss bereithält und hervorbringt. Der Autor setzt immer wieder von neuem an, und schon ist der Fluss der inneren Bilder in Gang gesetzt.

Eine weitere Erklärung besteht in der außergewöhnlichen Empathie Kurzecks. In alles und jedes, das er beschreibt, scheint er sich hineinzuversetzen. Jedes Individuum, jede Spezies, auch in der Natur und Dingwelt, erfährt bei ihm eine Würdigung und Wertschätzung, indem ihrem Dasein und Tun ein Sinn, ja sogar ein Wille unterlegt wird, und zwar immanent und nicht von außen herangetragen. Jede Kreatur erhält Subjekteigenschaften; nicht nur Menschen, auch Tiere und Gegenstände werden zu Subjekten, die mit Empfindungen und Gefühlen ausgestattet sind. Dies spricht neben der Empathiefähigkeit auch für eine ungewöhnlich ausgeprägte Phantasie des Autors. Dafür zwei Beispiele.

Ein Vogel im Wald: Der Wald, sagte ich, der Wald steht wie leergeräumt. Fängt noch einmal ein Vogel zu singen an und kriegt gleich einen Schreck! Weil es so still ist, weil außer ihm niemand da ist, weil er merkt, daß er ganz allein singt. Als einziger! Hat er sich in der Zeit geirrt? Ist vielleicht die falsche Zeit? Gleich weiß er sein Lied nicht mehr! Ein Vogel im Wald, sagte ich, der sein Lied nicht mehr weiß! Und hat auch schon vergessen, was für ein Vogel er ist – ein Pirol, eine Drossel, ein Kleiber? Sitzt da mit seinem Schreck in der Luft und sein Vogelherz klopft! So leer der Wald! Wie auf Abbruch! Jetzt ist der Vogel weg! Mit seinem Schreck weg! Sollst du umkehren? (605)

Die alten Häuser und die Sonnenblumen: So klein, sagte ich, die Häuser, so klein, als seien sie mit der Zeit, die verging, ein Stück in die Erde hineingesunken. Man steht davor und kann sich nicht vorstellen, was für ein Treppchen das sein soll, da drinnen, vom Erdgeschoß in den Oberstock. Aber dann sieht man das Treppchen. Holzstufen. Das Geländer gedechselt. Sogar Bohnerwachs. Jede Stufe ganz genau eingepaßt. Und unter dem Treppchen noch ein Holzverschlag, ein Besenschrank und die Kellertreppe. Außen Fachwerk, Holzschindeln, manchmal Schiefer. Das ist dann die Wetterseite. Die Häuser lehnen sich aneinander. Alle schief. Jedes anders schief, sagte ich. Stehen seit zwei- oder dreihundert Jahren so. Alte Haustüren. Grüne Fensterläden. Und sogar Wein am Haus. So eng diese Gäßchen auch sind, ist doch jedes Haus jeden Tag mit ein bißchen Sonne gesegnet. Sogar wenn es sich dafür mit einer Ecke schräg in die Gasse hineindrängen muß oder ein Stück zurücktreten … Man kommt so ein Gäßchen entlang und die Sonnenblumen neigen sich über den Zaun, als wollten sie grüßen. Als ob sie gleich zu sprechen anfangen. Oder geht es schon auf Mittag und sie sind eben eingeschlafen. Das Haus steht und blinzelt. (418f.)

Wie ist der umfangreiche Roman Vorabend strukturiert? 

Es gibt im Großen und Ganzen zwei Handlungsebenen und Orte des beschriebenen Geschehens: Der Erzähler befindet sich zum Teil in Frankfurt im Stadtteil Eschersheim, wo er mit Tochter Carina und Frau Sibylle an den Wochenenden zu Gast ist bei seinem Freund Jürgen und dessen Frau Pascale. Dieser Freund fordert ihn auf zu erzählen. Die Erzählungen beleuchten dann den Hauptort des Geschehens, nämlich Lollar und Staufenberg, im Oberhessischen zwischen Gießen und Marburg gelegen, wo der Erzähler seine Kindheit und Jugend verbracht und detaillierte Erinnerungen an die Region und ihre Menschen aufbewahrt hat. Insgesamt bildet Kurzeck einen Zeitraum von über dreißig Jahren (von den frühen 60ern bis in die 80er Jahre) ab.

Um Wandel und Variation in die Erzählungen aufzunehmen, greift Kurzeck unter anderem auf die Jahreszeiten in ihrem Wechsel zurück, auch um das Vergehen der Zeit zu dokumentieren. Wendungen wie Schon wieder Herbst oder Ein langer Sommer sollen ausdrücken, dass bereits wieder ein Jahr vergangen ist bzw. der Sommer im Empfinden des Erzählers möglichst lange dauern, am liebsten nicht vergehen soll, also anscheinend die bevorzugte Jahreszeit für ihn darstellt. Die Jahreszeiten werden ausdifferenziert: Nach dem Muster von Stifters Romantitel Nachsommer gibt es hier auch noch den Vorherbst oder den Nachfrühling (anstelle der sonst gebräuchlichen Früh oder Spät-Bezeichnungen), so dass es bei Kurzeck nicht nur vier, sondern acht bis zehn Jahreszeiten gibt; eine Differenzierung, die zur generellen Detailtreue seines Erzählstils passt. Häufig dienen auch die Tageszeiten und Angaben wie Schon früh dunkel der zeitlichen Orientierung. Man hat den Eindruck, dass die Zeit und ihr Wechsel als mehr oder weniger natürliche Rhythmen die Darstellung des Lebensrhythmus der Menschen transportiert. Anders gesagt: Der natürliche Wechsel der Jahreszeiten bietet eine Möglichkeit, um über den Wandel im Leben der Menschen erzählen zu können (die zweite besteht in der Veränderung im Konsumgüterbereich und in der Infrastrukturentwicklung in den 60er und 70er Jahren, s.u.).

Das Leben der Menschen auf dem Dorf, in Lollar und Umgebung, ist geprägt vom Buderus-Werk und der Eisenerzeugung. Seit Generationen arbeiten die Männer der Region hier schon auf der Hütt  im Wechsel der Schichten  (Früh-, Mittel-, Spät- und Nachschicht). Die Schichtarbeit im Werk der Schwerindustrie als einzigem nennenswert sicherem und relativ gut bezahltem Arbeitsplatzangebot in den 50er und 60er Jahren bis in die 80er hinein bildet das strukturierende Zentrum des Lebens; sie ist besonders für die inzwischen älter gewordenen Arbeiter auch ihr Lebenssinn, um den herum sich die Rudimente der arbeitsfreien Zeit gruppieren: eine eigene kleine Werkstatt im Hof oder auch ein Gärtchen mit Gemüseanbau und Blumen dienen als Ausgleich und der eigenen Regeneration (obwohl an diese eigentlich nicht gedacht wird, sie ist eher eine objektive Größe). Man muss immer etwas schaffen, auch wenn man den Verschleiß am eigenen Körper merkt; zur Muße in Form von Nichtstun ist man nicht in der Lage. Die schwere Arbeit auf der Hütt ist so selbstverständlich wie alternativlos, der Zwang, ihr nachzugehen, ist längst zum Motiv geworden. Das Tüfteln in der Werkstatt, hier und da eine Reparatur vornehmen, oder der Garten, der ständig bearbeitet sein will, dienen als ergänzendes Betätigungsfeld. Muße ist ein fremdes Wort, wenn man es kennte, fehlte einem dazu die innere Ruhe.

Die jüngeren Arbeiter sehen das schon ein wenig anders. Kurzeck erzählt von den Unterschieden der Generationen: Die Jüngeren gehen der Schichtarbeit auch unter Zwang nach, doch weniger rigide als die Älteren. Sie haben ausgeprägte Freizeitinteressen, machen den Führerschein, kaufen sich gebrauchte Motorräder oder Autos, gehen in die Disko, Kleidung und Mode sind ihnen wichtig, und sie haben Träume. Die schwere Arbeit und der sauer verdiente Lohn sind ihnen mehr und mehr Mittel zum Zweck statt Selbstzweck oder Sinnstiftung.

Den tieferen Einblick in das Leben der Schichtarbeiter und ihrer Familien gewährt der Schwager des Erzählers, selbst einer von ihnen und von hier, den oberhessischen Dialekt sprechend und inzwischen um die Fünfzig. Diesen Schwager, den der Erzähler als junger Mann gerne sonntags besucht hat, lässt Kurzeck immer wieder dessen jahrzehntelange Erfahrungen berichten, wobei dieser vor allem seine Arbeitskollegen und deren Eigenarten genauestens charakterisiert. Dabei erweist der Schwager sich als heller Kopf und guter Beobachter, der mit einer Mischung aus Nähe und Distanz, Einblicke in die Denkweise und Gewohnheiten seiner Kollegen gibt, denen er sich zwar zugehörig fühlt, aber längst nicht alles teilt, was diese denken und tun. Am Beispiel ihrer täglichen Bild-Zeitungslektüre, die er selbst nicht liest, beschreibt er, wie diese praktisch zur Sucht geworden ist. Er ist es auch, der von den verschiedenen Generationen unter den Arbeitern Genaueres zu erzählen weiß – bis in die Körperhaltungen beim Zeitungslesen in der Pause geht seine Differenzierung, um die Unterschiede zu verdeutlichen: Hier die Älteren, die sich selbst schmal und klein machen, dort die Jüngeren, die sich breitbeinig hinsetzen und lockerer sind oder so wirken. Die Jungen, sagt er und zeigt es, die sitzen ganz anders da, als wie die Älteren und die Alten. Die Jungen, die brauchen mehr Platz. Die machen sich ganz anders breit in der Frühstückspause. Von den Alten, sagt er, sitzt in der Frühstückspause keiner so richtig bequem. Daheim müssen sie vielleicht sogar abends die Füße hochlegen vor Schmerzen. Aber im Werk in der Frühstückspause, da gehört es sich in ihren Augen nicht, daß man bequem sitzt. Da kommen die gar nicht erst drauf. (316f.)

Am Schichtrhythmus des Schwagers und wie er sich dabei fühlt, kann man ablesen, welche Belastungen diese Form der Arbeit für die männliche Bevölkerung der Region hervorbringt. Das folgende längere Zitat steht für Kurzecks Form der Verallgemeinerung und ist gleichzeitig ein herausragendes stilistisches Beispiel seiner Erzählkunst:

Geschichten. Wie soll man die Zeit erzählen? Wenn man tief in den Wald hineingeht, wird man wieder ein Kind. Die ganzen Sechziger und Siebziger Jahre lang immer mehr Lastwagen auf der Lollarer Hauptstraße in beiden Richtungen durch Lollar durch. Tag und Nacht. Während Lollar noch in seiner hundertjährigen Buderusqualmwolke dahintreibt, in dem schweren Eisenhüttenrauch. Und schwarz die Häuser von diesem Rauch. Die Lastwagen donnern vorbei und die Häuser mit ihrem Schreck im Gesicht, die Häuser stehen und zittern. Und wir sehen meinen Schwager immer wieder zur Frühschicht gehen, sagte ich. Zehn Jahre und noch zehn Jahre. Erst seine Lehre mit Tankstellendienst beim Radio-Römer und ab 1954 zu Buderus. Wie alle hier. Ins Eisenwerk. Auf Schicht, auf die Hütt. Brotbeutel mit. Brotbeutel oder Aktentasche. Die meisten Arbeiter haben alte Aktentaschen, in denen nie Akten drinwaren. Brot und Thermosflasche mit Kornkaffee oder dünnem Bohnenkaffee. Gleich mit Milch und Zucker. Und in der Frühstückspause manchmal ein Bier. Zur Frühschicht geht man im Dunkeln. Fast neun Monate, wenn man zur Frühschicht geht. Geht man im Dunkeln. Vorgebeugt. Fröstelnd. Beeil dich! Feucht ist es, feucht und finster und kalt. Zur Frühschicht. Eilig und mit großen Schritten. Als sei man zu spät. Aber in Wirklichkeit ist man meistens ein bißchen zu früh dran, immer im Fabrikschritt! Beeil dich! Im Gehen sich vorbeugen. Im Kopf in Gedanken immer schon dort, wo man in Wirklichkeit erst noch hinwill. Die Aktentasche mit Thermosflasche und Brotbeutel unterm Arm wie ein totes Kind oder eher noch wie einen toten Hund. Was ist das für ein toter Hund? Am Werktor die Lampen. Das Pflaster naß. Um jede Lampe ein Lichthof. Am Werktor entweder die Bildzeitung oder sehen, ob man es diesmal vielleicht doch wieder einmal ohne die Bildzeitung schafft. In aller Herrgottsfrühe, immer wieder in aller Herrgottsfrühe zur Frühschicht. In der Finsternis. Wie ausgesetzt. Frierend. Stumm. Ein Enterbter. Untröstlich. Und sich jedesmal wieder vornehmen, daß man ab jetzt mit keinem mehr spricht. Bei der Arbeit nicht, weil es immer die gleichen Handgriffe sind. Und daheim auch nicht. Daheim ab jetzt wortlos im Keller sitzen. Für immer gekränkt. Zum Stein werden. Tief in der Erde drin. Ein Stein und zu keinem Menschen je wieder ein Wort. (615f.)

Mit Ausdrücken wie enterbt, untröstlich, für immer gekränkt durch die Arbeit oder zum Stein werden, womit eine Art von Erstarrung, Abtötung der Sinnlichkeit gemeint sein könnte, oder das Verstummen, gelingt Kurzeck eine Kritik der Schwerarbeit und der sie bedingenden Entfremdung. Diese verstärkt sich noch in einem Abschnitt, wo es um Frühverrentung geht:

Früher, sagt mein Schwager, der mit zwanzig im Eisenwerk anfing und jetzt ist er achtundvierzig. Früher, wenn einer von uns im Werk überhaupt so alt geworden ist und nicht vorher schon weggestorben, dann war der mit fuffzich, fünfundfuffzich erledigt. Abgeschafft. Dann als Frührentner. Invalide. Und konnte froh sein, wenn er ein paar kurze Jährchen noch vor sich hat. Jetzt, sagt mein Schwager, ist die Arbeit leichter geworden. Aber trotzdem fängt jeder an, mit fuffzich sich die verbleibende Zeit auf die Rente auszurechnen. Die Schwerarbeit, Schicht und Akkord, das bleibt in den Knochen stecken. Mit sechs- oder achtundfuffzich, sagt er, werschte uffs Birrro bestellt. Da sitzen dann immer (immer weiter im Dialekt) zwei aus dem Personalbüro und einer vom Betriebsrat. Die haben schon auf dich gewartet. Vorher hat ein Bürofräulein dir die Tür aufgemacht. So viele Leute, bloß wegen mir? Und gleich kriegst du dauerhaft einen Schreck.

So hat man sich der abgeschafften älteren Arbeitskräfte entledigt und die Belegschaft insgesamt im voll leistungsfähigen Alter gehalten – mit Frühverrentung, vielleicht noch einer Abfindung, alles mit Zustimmung des Betriebsrats nach dem Montanmitbestimmungsgesetz, heute würde man sagen: sozialverträglich.

Breiten Raum im Roman nehmen die Veränderungen im Konsumangebot und -verhalten aufgrund der sich ausbreitenden Supermärkte und Einkaufszentren auf der grünen Wiese oder dem freien Feld ein. Auch im Dorf zeigt sich der wachsende Wohlstand: Fernseher, Autos, Waschmaschinen kommen ab Mitte der 60er Jahre ins Leben der Menschen und lösen neue Erfahrungen aus. Am Beispiel eines durchschnittlichen Konsumenten gelingt es Kurzeck, den Eingriff in das Alltagsleben mit seinen eingefleischten Gewohnheiten zu verdeutlichen. Dieser Mann braucht einige Zeit, bis er sich durchringt, zum erstenmal in den Supermarkt zum Einkaufen zu fahren; und das auch nur, weil seine Nachbarn es schon vor ihm getan haben. Nach und nach wird er zum Jäger auf Sonderangebote, studiert die Prospekte, vergleicht die Preise nach Günstigkeit und macht sich Gedanken darüber, wie die vielen Prospekte unter die Leute kommen. Eine treffende Schilderung eines Konsumverhaltens im Wandel der Zeit mit all der ländlichen Unbeholfenheit und spießbürgerlichen Kleinlichkeit beim Kampf um den eigenen kleinen Vorteil:

Dann auch die ersten Prospekte im Briefkasten. Bunt. Zusammengefaltet. … Richtige Hefte. Mit Bildchen. Brandneu. Jedes Schnitzel, die Bratwurst, Salami, Edamer, Bierkästen, Klopapier, Spülmittel – alles ganz genau abgebildet. Immer der Preis dabei. Lauter Sonderpreise. Wirklich billig, wenn kein Betrug dabei ist. … Supermarkt. Einkaufszentrum. Erst einmal. Zum erstenmal. Und dann jede Woche. Wenigstens zweimal. Zumindest die meisten. Kennen sich aus. Haben ihre festen Einkaufstage. Vorher die Prospekte studiert. Man muß planen, muß alles ganz genau. Strategisch.  Je besser man plant, umso mehr kann man sparen. Und auch, damit dann nicht so ein Andrang.. Einkaufsvergnügen. In Ruhe einkaufen. … die Prospekte, Listen, Einkaufszettel, aber auch das jähe Glück glücklicher jäher Spontaneinkäufe. Und für das Ein- und Ausladen sich eine Reihenfolge. Perfektion. Und das auch der eigenen Frau eintrichtern. Immer wieder! Damit sie es auch kapiert! …

Feierabend. Der Abendfrieden. Abends den ersten Schluck Bier und die Prospekte studieren. Mit Sorgfalt. Sachkundig. Solange jede Woche bei der Tageszeitung ein Fernsehprogrammheft gratis dabei ist. Braucht man sich doch nicht noch extra eine Programmzeitschrift kaufen. Auch nicht die Hör Zu. (449f. /467)

Wiederum sind es – neben der exakten Beschreibung dessen, was in diesem Durchschnittskonsumenten vor sich geht – kleine Wendungen wie das jähe Glück glücklicher jäher Spontaneinkäufe, mit denen sich der Autor von diesem leicht ironisch distanziert, ohne aber von seiner Maxime abzuweichen, alles Beschriebene verständlich und nachvollziehbar zu machen.

Auch das Fernsehen greift empfindlich in die Gewohnheiten der Menschen ein. Es schafft nicht nur erweiterte Möglichkeiten der Unterhaltung und Information, es erzeugt auch neue Rhythmen im Alltagsleben wie bspw. das Zusammentreffen der Familie zum Fernsehen im Wohnzimmer. Dieses Zimmer war vorher praktisch ungenutzt, es war das Sonntagswohnzimmer, das unter der Woche niemand betrat und im Winter unbeheizt blieb. Nun ist es ein täglich genutzter Raum geworden und hat sich zum Fernsehzimmer gewandelt. Kurzeck möchte diesen Wandel nicht als Idylle festhalten, sondern ihn, in Bildern gemalt, als Prozess begleiten, um die Stufen oder Stadien der zunehmenden Abhängigkeit von Fernsehen, die „Fernsehzentriertheit“ des Familienlebens und die damit einhergehende Entfremdung nachzuzeichnen oder zu bezeugen.

Ein Bild, sagte ich, man müßte ein Bild malen. Wie sie alle jede Woche in ihren neuen Wohnküchen sitzen, Männer Frauen und Kinder. Jung und alt. Zwei-drei Generationen. Bei sich selbst daheim. … Sitzen und kauen. Bevor gleich das Fernsehen anfängt … Schon im Wohnzimmer. Das Fernsehzimmer. Ein Bild wie die Kartoffelesser von van Gogh, aber mit den fröhlichen Farben aus den Prospekten. Das gleiche Bild immer wieder malen. Erst jede Woche, dann zwei-dreimal wöchentlich. Immer wieder das gleiche Bild. Und dann noch eins. Zur Erinnerung. Die ganze Familie vorm Fernseher, Eltern und Kinder. Erst die Kinder noch klein und die Eltern noch so jung, daß man sie kaum erkennt. Fast wie auf dem Hochzeitsbild. Dann immer größer die Kinder. Ein neues Sofa. Der Bildschirm auch immer größer. Und dann? Dann ohne Kinder. Die Kinder längst weg. Die Eltern alt. Und der Bildschirm bunt, groß und bunt.

Nochmal ein Sonntagsbesuch. Die Kinder erwachsen. Verheiratet. Ehepaare mit Kindern. Bilder von Hochzeit und Taufe. Ein Fotoalbum. In einem Sessel die Großmutter. Jetzt Urgroßmutter. Noch rüstig. Schon ausgestopft? Alle als Schatten im eigenen ehemaligen Sonntagswohnzimmer, das jetzt das Fernsehzimmer ist. Fernsehen und Video. Erdnüsse, Salzstangen, Chips, Schokoriegel, Zigaretten, Bier, ein Likörchen, ein Korn und ein Whisky. Schatten, Familienschatten und dazu der Fernseher, wie er vor ihnen unentwegt leuchtet und spricht – wie in der Bibel der brennende Dornbusch. Erst einkaufen und dann fernsehen. Im Supermarkt so leicht vor uns her die glitzernden Einkaufswagen. An so einem Freitagnachmittag, an dem alle eher Schluß haben. Ein glückliches Land.(464f.)  

Und wieder, wie schon im Zusammenhang mit dem kritischen Blick auf die Schwerarbeit und beim Konsumverhalten, schafft Kurzeck es, mit Ausdrücken wie Schatten aufmerksam zu machen auf Tendenzen, die er für bedenklich hält: in diesem Fall, wie die Familienbeziehungen und das Alltagsverhalten im Zuge der „Modernisierung“ unterminiert und fremdbestimmt werden von der Dominanz des Fernsehens (und der hierüber transportierten Verhaltens- und Wahrnehmungsmuster, Wunschprojektionen, Bedürfniserzeugungen etc.) und des Konsums; so werden die Menschen zu Schatten ihrer selbst, zu glücklichen Konsumidioten gemacht, die ihre Selbstentfremdung gar nicht mehr spüren. Und passgenau sind dann besonders die Programme des Privatfernsehens darauf abgestellt, sie auf dieses passive Konsumieren zu reduzieren.

Zum Abschluss noch ein Zitat, das für die Schönheit des Stils von Peter Kurzeck stehen soll und dafür, wie er sich in lyrischer Sprache immer wieder seiner Umgebung in der Erinnerung vergewissert:

Wieder Oktober und wie du dann bei den Haingärten so ein steiles Treppengäßchen vom Burgberg heruntersteigst, ein Morgengäßchen (von dem du ein paar Jahre nicht wußtest, ob es noch existiert) und die Sonne kommt durch. Gleich auch von allen Seiten die Vögel, gleich auch Bienen und Schmetterlinge. Noch früh, noch nicht einmal zehn … Der Dunst verflogen. Windstill ist es und keine Wolke am Himmel. Altweibersommer. Solche Tage, sagte ich, die gibt es. Als ob man den Atem anhält. Alles leuchtet. So hell, so weit und so still ist die Welt und wieder so einfach, wie in deiner Kindheit. Jedes Ding in seiner eigenen unverwechselbaren Gestalt. Als ob du alles wie zum erstenmal siehst. Und doch jeden Augenblick, jeden einzelnen Augenblick wiedererkennst. (484)

Kurzeck erweist sich als ein Erzähler großen Stils: man gewinnt den Eindruck, dass er den Raum bis ins kleinste Detail verdichtet; während er die Ereignisse in der zeitlichen Abfolge bis ins Unendliche dehnt, auf dass sie als Stoff für sein Schreiben an kein Ende gelangen möge.

Bildquelle: Pixnio, Michal Jarmoluk, public domain

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Petra Frerichs

Dr. Petra Frerichs hat Literatur- und Sozialwissenschaften studiert. Seit 2005 arbeitet sie als freie Autorin. Letzte Veröffentlichungen: Petra Frerichs: Vom Glück zu finden. In Schrift, Form, Farbe (2016); Joke und Petra Frerichs: Leben und Schreiben - was sonst? Ein Streifzug durch die Werkausgabe von Dieter Wellershoff (2014).


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