Gemälde Sacco di Roma von Johannes Lingelbach

Die Rache des Kaiser – Folgen und Ursachen von Gewalt im 16. Jhd.

Über unsere Zukunft wissen wir wenig Genaues; die Gegenwart ist rasch vorbei. Sie wird sofort zu Vergangenheit. Über die Vergangenheit wissen wir vergleichsweise am meisten. Erlebtes, Gehörtes, Gelesenes, Verstandenes. Es ist also kein Wunder, dass Geschriebenes meist von Vergangenem berichtet beziehungsweise Behauptungen über Vergangenes aufstellt. Historische Romane, historisierende Erzählungen leben davon, sie haben Dauerkonjunktur, sind mittlerweile selbst Geschichte geworden. Ich erinnere mich aus meiner Jugend an Die drei Musketiere von Alexandre Dumas, an Gustave Flauberts Salammbo und an den Kampf um Rom von Felix Dahn sowie aus späteren Jahren an Heinrich Manns Die Jugend des Königs Henri Quatre und Die Vollendung des Königs Henri Quatre.

Es gibt ganz unterschiedliche historische Romane. Die einen nehmen die Zeit, in der sie stattfinden als Kulisse, um die durch triviale Begebenheiten zu beleben. Andere Romane ziehen ein Welttheater auf, rollen wie schreckliche Naturereignisse über die Menschen hinweg: Schicksal, Schicksal – nehmt das der höheren Zwecke (oder des Profits) wegen hin, wie es kommt. Dann gibt es welche, die ihre Helden in unabwendbare Kriege führen; Es gibt historische Romane, in denen die Armen wie einst  Sisyphos immer und immer wieder ihren Stein rollen müssen. In manchen treffen die Klassen aufeinander, wieder andere beschreiben Hochmut, Bestechlichkeit, Grausamkeit, Liebe, die sich nicht erfüllt. Die Wirkung dieser Romane ergibt sich der Identifikation der Leserschaft mit einer oder den Figuren, aus den Mechaniken der Zeit und einer spannenden Sprache. All das beruht auf Fantasie und Disziplin und Recherche, Kenntnis von Zeit und Ort und Gesellschaft. Der „Held“ des Romans, über den ich ein wenig mehr erzählen werde, der heißt Jacob Spengler. Spengler waren Handwerker, die Metall bearbeiteten, Spangen und anderes mit ihren Händen erzeugten. Zur Zunft wurden sie im 16. Jahrhundert, als der erwähnte Jacob umher wanderte.  

Vor einigen Tagen fiel mir ein Taschenbuch wegen seines Umschlags auf. Auf der Vorderseite war Johann Lingelbachs Bild des „Sacco di Roma“ zu sehen, der Plünderung Roms durch spanische Soldaten und Söldner aus aller Herren Länder, vornehmlich aus deutschen Landen im  Jahre 1527, also vor bald 500 Jahren. Lingelbach, ein in Frankfurt geborener und in den Niederlanden tätiger Maler, hat das Bild im 17. Jahrhundert gefertigt; ein historisches, naturalistisches „Comic“ dieses entsetzlichen Ereignisses.  

Am 5. Mai 1527 begann die Plünderung, am 6. Juni, einen Monat später ergaben sich Papst Clemens VII und die bis dato belagerte Engelsburg der Soldateska, nachdem Tausende ausgeraubt, erschlagen und geschändet worden waren. Die Plünderung Roms, die Eroberung Konstantinopels 1453 und die Belagerung Wiens  1529 durch Suleyman den I. – den „Prächtigen“, das sind wohl die Ereignisse der damaligen Zeit, die man mit dem heutigen Wort der „kollektiven Gewalterfahrung“ belegen würde. Lingelbachs Bild ist die Cover- Illustration für Gisbert Haefs historischen Roman Die Rache des Kaisers, 2009 erstmals erschienen und nun auf 382 Seiten und gegen 13 Euro 95 Cent im Unionsverlag erneut aufgelegt.

Haefs ist ein in Bad Godesberg lebender, im Januar des Jahres 70 Jahre alt gewordener sehr erfolgreicher Autor und Übersetzer, der neben anderen Bob Dylan, Conan Doyle und Georges Brassens übersetzt und eine Fülle Geschichten, Fantasie- und Historien-Romane, Krimis geschrieben hat.

Gisbert Haefs bietet der Leserschaft mehr als das, was ein gängiger historischer Roman aufweist.  Er hat ein Epos verfasst. Im Mittelpunkt dessen befindet sich ein junger Bursche, der erlebt, dass sein Heimatort und zugleich seine Familie von mordenden Kerlen ausgerottet werden. In den folgenden zehn Jahren zieht er mit einigen Gefährten, die ihm das Waffenhandwerk beibringen durch Europa, um herauszufinden, warum Ort, Familie und auch der Vater ermordet wurden und um den Führern der mörderischen Schar den Garaus zu machen. Das gelingt dem Jacob Spengler. Es ist ein Roman über den Grundsatz Auge um Auge, Zahn um Zahn. Am Ende der Geschichte, als sich der Kreis zu schließen beginnt,  begreift Jacob,  dass er demjenigen Jahre seines Lebens vertraut hatte, der die Morde an seiner Familie zu verantworten hat. Es ist eine bittere in einer Alltagssprache aufgeschriebene Geschichte, über die Zeit der Kriege des 16. Jahrhunderts, die freiheitsfremd und unerbittlich waren.

Die Rache des Kaiser ist Epos, das Kontinente umspannt, Lebenswelten des 16. Jahrhunderts näher bringt. Es ist eine Fabel auf Ursachen und Folgen von Gewalt und auf Bewegungsgesetze der damaligen Zeit, nämlich Macht durch Geld, Erfolg durch List und Tücke.  Es ist auch Fabel auf Freundschaft und Liebe, die sich ihren mühsamen Weg suchen muss.  Ich habe dieses als Roman getarnte Epos in einem Rutsch zu Ende gelesen, weil es spannend und anregend geschrieben ist.

Bildquelle: Wikipedia, gemeinfrei

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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


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