Schalke 04

Ein Schalker Fan braucht Mut

Bayern-Fan zu sein, das ist ja einfach. Die gewinnen fast jedes Spiel, sind gerade zum achten Mal hintereinander Deutscher Meister geworden, sind Rekord-Pokalsieger, waren schon ein paar Mal Champions-League-Sieger, haben Geld ohne Ende. Aber Fan von Schalke 04 zu sein, dazu gehört Mut. Wann war das nochmal, als Schalke Deutscher Meister wurde? Genau, 1958, nur der echte Fan der Blauen weiß das. Und muss sich von Dortmundern den Spott anhören: Ein Leben lang, keine Schale in der Hand. Als Schalke-Fan wettest Du Jahr für Jahr mit Freunden aus Bayern um die Wurst, heißt, wer Deutscher Fußballmeister wird, und natürlicih verlierst Du diese Wette, weil ein echter Schalker nie auf die Bayern setzen würde. Wäre ja noch schöner!

Und sonst? War Schalke auch immer für schlechte Nachrichten gut, Tragödien gleich, darunter tat man es nicht in Gelsenkirchen. Es passt ins Bild dieser zu Ende gegangenen Saison, dass die Schalker in der Rückrunde Tabellenletzter waren. Immerhin, sie sorgen für Schlagzeilen, das ist es, worüber man redet. Selbst gegen Paderborn konnten sie nicht gewinnen, nicht gegen Düsseldorf, gegen Köln, gegen Augsburg, Mainz. Dabei schrammten sie in der Hinrunde mehrfach an der Tabellenspitze vorbei. Mit „hätte“ wären sie Tabellenführer gewesen, hätten sie gegen Köln gewonnen, schafften sie aber nicht, weil der Kölner Jonas Hector in der letzten Minute ausglich. Hätte, das passt zu Schalke.

Es muss in den 80er Jahren gewesen sein. Ich war Parlaments-Korrespondent der WAZ in Bonn, dreimal die Woche Bundespressekonferenz mit dem Sprecher der Regierung und den Sprechern der Ministerien. An einem Montag gegen 14.30 Uhr, die Runde hatte gerade Platz genommen, da rief ein netter Kollege, der aus Essen stammte und natürlich Fan von Borussia Dortmund war, quer durch den Saal: „Alfons, wie hat eigentlich Preußen Münster gespielt?“ Der Kollege wusste, womit er mich treffen und die Lacher auf seine Seite ziehen konnte. Münster hatte Schalke 2:0 besiegt, die Blauen führten die Tabelle der 2. Bundesliga von unten an. Den Namen verkneif ich mir, ich petze nicht.

Ja, Schalke hat schon immer für Unterhaltung gesorgt, für Furore, für Schlagzeilen. Werfen wir einen Blick zurück in die Geschichte dieses einst erfolgreichsten Fußballklubs in Deutschland. 1930 war es, als ein Skandal die Runde machte und sich zu einer Tragödie ausweitete. Die Schalker Spieler, darunter Ernst Kuzorra, Fritz Szepan und Otto Tibulsky, hatten es nicht so genau genommen mit der Entgegennahme von Spesen, es galt im Fußballverband der Amateurstatus. Ein Kicker durfte 5 Mark nehmen, aber Kuzorra und Co kassierten 10 und 20 Mark, ferner bekamen sie Darlehen, Geschenke, andere Vorteile. Die Spieler wurden gesperrt. Der Schatzmeister des Verein, der angesehene Bankbeamte Willi Nier nahm sich diese Geschichte so zu Herzen, dass er in den Rhein-Herne-Kanal sprang und sich das Leben nahm. Der Leichnam von Willy Nier wurde in der Glückauf-Kampfbahn aufgebahrt, Spieler des FC Schalke trugen seinen Sarg zu Grabe und rund 6000 Menschen, Anhänger der Schalker, standen Spalier und trauerten. Man kann das wie anderes im Fan-Blatt der Blauen „Schalke unser“ nachlesen. Einen Teil der alten Geschichten kenne ich von meinem Vater, der damals mit Freunden den Werdegang der Knappen verfolgte.

Wiener lockten Szepan und Kuzorra mit Geld

Nach dem Urteil erhielt Fritz Szepan Besuch aus Wien, ein Vertreter von Admira Wien versuchte ihn und Kuzorra in die österreichische Metropole zu locken, wo sie 1000 Mark im Monat verdient hätten, Szepan erhielt zusätzlich noch 250 Mark, um ihm die Entscheidung zu erleichtern. Aber die Spieler blieben  in Schalke-heute sagt man auf Schalke-, weil man ihnen versichert hatte, dass die Sperre aufgehoben würde. Zudem zeigten die Schalker andere Vereine wie Bayern München an, weil auch Spieler dieser Klubs angeblich gegen das Amateurstatut verstoßen und überhöhte Gelder genommen hätten. Nach einem Jahr durften die Schalker wieder spielen, der erste Gegner, der sich zu einem Freundschaftsspiel in der Glückaufkampfbahn mit den Blauen messen wollte, war Fortuna Düsseldorf. Das Stadion fasste 35000 Zuschauer, gekommen waren 70000, nicht alle konnten rein, es war überfüllt und Berichte in den Annalen des Vereins, darunter im Fan-Blatt „Schalke unser“, besagen, Zuschauer hätten sogar auf den Torgehäusen gesessen.

Nach dem Krieg lebten die Schalker von den berühmten Geschichten ihrer berühmten Vergangenheit, vom Kreisel, den Meisterschaften und so weiter. Sie selber schafften es bisher nur noch einmal: 1958 gewannen sie die Meisterschaft gegen den Hamburger SV, der gerade wieder mal den Aufstieg in die erste Liga verpasst hat und mehr vom Ruhm von Uwe Seeler lebt als von konkreten Erfolgen. Meisterschaften liegen lange zurück. Wie auf Schalke.

Als die Bundesliga 1963 ihren Spielbetrieb aufnahm, gehörte Schalke dazu, selbstverständlich. Aber Meister wurde der 1. FC Köln, Schalke brachte sich schnell mal wieder ins Gerede, weil es Spieler gegen überhöhte Gelder von anderen Vereinen abgeworben haben sollte. Schalke wurde Vizemeister, ein Jahr später war der Abstieg eigentlich klar, weil die Blauen fast nur noch verloren, aber der DFB stockte die Bundesliga auf und Schalke durfte weiter in der höchsten Liga spielen. Man sprach damals von einer „Lex Schalke“. Willi Schulz, der Mittelläufer aus Günnigfeld, Stadtteil von Wattenscheid, was wiederum längst zu Bochum gehört, Kneipenbesitzer dort, wechselte nicht ganz billig zu einem anderen Klub, der heute Krisenverein wie Schalke ist: dem Hamburger SV. Stan Libuda ging zum Revier-Rivalen BVB und schoß für die Schwarz-Gelben das entscheidende Tor im Europa-Cup-Endspiel. Verteidiger Hans Nowack nahm ein Angebot des FC Bayern München an.

Bundesliga-Skandal und der Meineid

Schalke und das liebe Geld, ein Thema, das den Verein und die Spieler über Jahre begleitete. 1971, am 17. April, verlor Schalke das Heimspiel gegen Arminia Bielefeld mit 0:1, ein Spiel, das später neben anderen Spielen in den Mittelpunkt des Bundesliga-Skandals rückte. Hatten die Arminen den Schalkern doch je Spieler 2300 DM bezahlt, zusammen 40000 DM, damit sie das Spiel absichtlich verloren. Der Offenbacher Gemüsehändler Horst Gregorio Canellas, Chef der Offenbacher Kickers, hat diesen Skandal aufgedeckt, in den viele Vereine verwickelt waren, eben auch Schalke. Libuda, Fischer, Fichtel, Rüssmann, van Haaren, Wittkamp und wie sie alle hießen, wurden gesperrt. Schlimmer noch, einige Schalker Spieler wurden des Meineids angeklagt und verurteilt. Als sie nach Ablauf der Sperre wieder spielen durften, wurden sie beim Spiel gegen den HSV im Parkstadtion von Stadion-Sprecher Werner Hansch herzlich begrüßt und von 70000 Zuschauern mit Ovationen gefeiert. Schalke gewann 2:0. So ist Schalke. Ich war dabei.

1997 gewannen sie den UEFA-Cup, sensationell gegen Inter Mailand. Die Euro-Fighter wurden als Helden gefeiert, darunter tut man es am Schalker Markt nicht, wo Triumph und Trauer immer dicht beieinander liegen. Im Jahre 2001 hatten sie die Meisterschale 4 Minuten und 38 Sekunden in den Händen und wurden von den Bayern in der Nachspielzeit noch abgefangen. Ich war im Stadion und habe damals das Spiel gegen Unterhaching gesehen, das Schalke nach zweimaligem Rückstand mit 5:3 gewann, aber der Ausgleich der Münchner gegen den HSV in Hamburg ließ die Bayern wieder jubeln, während die Schalker in Tränen ausbrachen. Dabei hatte das Feuerwerk in Gelsenkirchen schon begonnen, die Raketen waren in die Luft geschossen worden,aber dann erhielten die Bayern einen Freistoß, den der aus Kaiserslautern stammende Schiri Markus Merk gegen die Hamburger verhängte. Der Däne Andersen drosch den Ball ins Netz, 70000 Zuschauer im Parkstadion konnten das Drama auf der Anzeigentafel mitverfolgen. Jedenfalls gewannen sie den Titel „Meister der Herzen“. Dafür kann man sich nichts kaufen, ohnehin schwankt man dabei zwischen Mitleid und Spott.

In den Folgejahren gab es immer wieder Gerüchte über die Finanzlage auf Schalke, die Bildzeitung mutmaßte 2015: Zieht Tönnies  den Stecker bei der Bank, ist Schalke platt. Aber ist Clemens Tönnies wirklich der große Bürge der Schalker? Er hat ihnen wohl mal einen Kredit gewährt, den die Gelsenkirchner aber verzinsen mussten. Und jetzt soll die NRW-Landesregierung Schalke mit einer Bürgschaft von 40 Millionen Euro, so das „Handelsblatt“, aus der Klemme helfen (Auch wenn Ministerpräsident Armin Laschet das heute nicht bestätigen wollte). Die Klemme, das sind die Gerüchte über 200 Millionen Euro Schulden, die den Schalkern Probleme bereiten, wie es seit Wochen heißt. Woher die kommen? Was weiß der Aufsichtsratschef von Schalke 04, eben Clemens Tönnies, der mächtige Fleisch-Produzent aus Rheda-Wiedenbrück, davon? Der kennt sich doch aus mit Geld, schließlich macht er Milliarden Umsätze mit seiner Fleisch-Fabrik, die aber selber wegen Corona ins Gerede gekommen ist und Tönnies unter Druck setzt.

Wo sind die Ablösesummen geblieben?

Wo ist das Geld geblieben, könnte man fragen? Die Einnahmen aus Ablösen für Draxler, Neuer, Özil, Sané, um nur die zu nennen?Und wer hat eigentlich die Verantwortung dafür zu tragen, dass Spieler wie Goretzka, Meyer und jetzt Nübel Verträge hatten,die es ihnen erlaubten, ablösefrei zu wechseln? Gelder, die Schalke fehlen, weil man auf Schalke  auch immer beträchtliche Gelder an Spieler zahlte. Jetzt wollen sie diese begrenzen. Der Not gehorchend.

Als der HSV erneut den Aufstieg in die 1. Bundesliga verpasst hatte, fragte mich ein guter Bekannter: Kannst Du mir das erklären? Die Klatsche des großen HSV zu Hause gegen das kleine Sandhausen? Wo liegt das eigentlich? Nein, habe ich geantwortet, ein Schalke-Fan sollte sich Ratschläge ersparen. In der SZ las ich: „Der HSV ist nicht der einzige einstürzende Altbau im deutschen Fußballland. Siehe TSV 1860 München, 1. FC Nürnberg,´oder  1. FC Kaiserslautern“, wo der Betzenberg seinen Ruf verloren hat, wo es keine Nachfolger für  Fritz und Ottmar Walter gibt, keinen für Werner Liebrich, Werner Kohlmeyer und Horst Eckel, den letzten noch lebenden aus der WM-Mannschaft 1954.  Oder, schreibt die SZ zum Thema einstürzender Altbau, “ in Ansätzen derzeit Schalke 04.“ Ich könnte noch Rot-Weiß Essen hinzufügen, den Deutschen Meister von 1955, der Spieler wie Helmut Rahn in seinen Reihen hatte, Bernhard Termath, Penny Islacker, August Gottschalk, den Torwart Fritz Herkenrath, Otto Rehhagel, Willi „Ente“ Lippens. Aber, so die SZ in ihrem Sport-Kommentar, „Tradition und Millionen sind zu wenig, wenn andere bessere Ideen haben.“ 

Tausend Freunde, die zusammenstehn, singen sie auf Schalke, das viele Freunde immer noch hat, rund 155000 Mitglieder, Freunde im Bundestag, auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gilt als Schalker. Aber das reicht nicht, wenn sie nicht bald anfangen, solide und seriös zu wirtschaften und jemanden  finden, der mit Geld umgehen kann. Der Fisch stinkt vom Kopf. Freiburg ist ein gutes Beispiel, wo mit wenig Geld viel erreicht wurde, wo man immer auf dem Boden geblieben ist und wo man, wenn ich mich erinnere, nur zwei Trainer gehabt hat in all den Jahren: Volker Finke und Christian Streich. Zur Nachahmung empfohlen. Die Schalker müssten lernen, mit ihren Möglichkeiten, ihrer erfolgreichen Nachwuchsarbeit, in die Spur zu finden. Das dauert und führt nicht gleich im ersten Jahr zur deutschen Meisterschaft, nicht mal zwingend zum Sieg über den BVB. Wenn nicht, siehe Essen, Kaiserslautern, München 60.

Bildquelle: Pixabay, Bild von jorono, Pixabay License

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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