Corona

Einfach meschugge

Das Wort meschugge ist im Laufe der Jahrzehnte aus dem Jiddischen ins Deutsche gewandert, um sich im Deutschen beträchtlicher Beliebtheit zu erfreuen. Es benötigt keine Gender-Sternchen, keine Doppelpunkte vor oder hinter sich, es irritiert nicht, ängstigt keine Minderheit, ob es zum Wortschatz von „Bernd“ Höcke, zählt, ist nicht gewiss, aber eher unwahrscheinlich. Es ist ein schönes Wort. Es bereitet Vergnügen, das Wort auszusprechen – probieren Sie mal! Es flutscht sozusagen wie von selbst aus der Mundhöhle. Es hat 2005 Eingang ins Neue Berliner Schimpfwörterbuch gefunden: „Der macht mir janz meschugge mit sein Jequatsche.“ Zitiert nach: Christoph Gutknecht:Wortgeschichte(n) – Macke, Meise und Meschugge, Jüdische Allgemeine

Gegen die laufende bundesdeutsche Corona- Debatte hilft das Wort nicht. Leider. Es ist – wie gesagt – schön, aber eine magische, den Verstand auf Touren bringende Wirkung hat es nicht. Leider

Der Debatte zufolge geht es mit Freiheit, Staat und Herrschaft im Land zwischen Aachen und Frankfurt a. d. Oder rasch bergab. Chaos allerorten. Desaster und Verzweiflung. Total- und Staatsversagen. Man schreibt und redet so, als ob die politische Klasse des Landes nicht gewählt worden, sondern im Schlussverkauf auf einer Restrampe erstanden worden sei. Armes Deutschland!

Da kann man schon meschugge werden.

Die Entscheidungen von Ländern und Bund aus dieser Woche werden als wirr, widersprüchlich, nutzlos oder gefährlich bezeichnet. Es zeichnet sich leider auch ein Muster ab, das mir überhaupt nicht gefällt. Es ist das von denen da oben und uns da unten. Die da oben sind die Nichtskönner  und die da unten sind die Armen und  Verzweifelten. Nun  kann jeder und jede sich überlegen, wo das Muster von denen da oben und uns da unten wohl herstammt.

Die Entscheidungen von Ländern und Bund werden von zwei „Ebenen“ bestimmt. Da ist zuerst einmal die Öffnungsebene.

Der Präsident des Ifo- Instituts für Wirtschaftsforschung, Clemens Fuest hat kürzlich folgendes erklärt: Achtzig Prozent der gegenwärtigen wirtschaftlichen Einbußen würden durch das Virus selbst verursacht, nur zwanzig Prozent durch Beschränkungen des Wirtschaftslebens.

Das bedeutet: Wer will, dass Investition und Absatz, Beschäftigung, Sozialsysteme  und Staat weiterhin wieder ordentlich funktionieren, muss allmählich lockern und Einschränkungen unserer Freiheitsrechte zurückführen.

 Die andere Ebene ist die des Schutzes vor einer Ansteckung mit Covid 19- Viren und den Folgen. Über 70 000 Menschen sind in Deutschland an den Folgen von Covid 19- Ansteckungen verstorben. Viele Tausende leiden wochen- und monatelang an den Folgen. In Großbritannien starben an den Folgen 124 000 Menschen bei einer Gesamtbevölkerung von 68 Millionen (Deutschland: 83 Millionen). In Spanien starben an den Folgen von Covid 19- Infektionen 70 000 Menschen bei einer Bevölkerung von 47 Millionen. Jeder und jede kann mit dem gegebenen Verstand prüfen, ob die Zahl für unser Land Indiz eines  Staatsversagens ist.

Wissenschaftler, Praktiker, Verwaltungsleute und politisch Verantwortliche – und die große Mehrheit der Bevölkerung – waren sich einig: Ohne wirksamen Schutz gibt es nur ein Mittel: zwischenmenschliche Kontakte soweit und gut es geht zu beschränken. Es liegt in der Natur solcher Viren wie aus der SARS-„Familie“, dass wir alle lernen müssen, sie zu bekämpfen und zu besiegen. Wir: Das sind  die staatlichen Organisationen, die Einrichtungen der Gesundheitsversorgung, eigentlich alles und jedes, bei und in dem Menschen zusammen kommen.

Mittlerweile gibt es verlässliche Tests, um Infektion festzustellen, mittlerweile kann das Virus durch unglaublich rasch geschaffene Impfstoffe besiegt werden. Jetzt kommt es darauf an, so rasch es geht und so umfassend es geht, Viren von ihren „Nährböden“ abzuschneiden. Da, genau da stehen wir.

Kein Chefredakteur und keine Intendantin hat bis heute mit einem Virus gesprochen (wird auch nicht passieren). Wir alle sind auf die „Übersetzungen“ angewiesen, die uns andere wie zum Beispiel Herr Drosten oder Frau Brinkmann zum Beispiel, Virologen, Epidemiologen, Statistiker, Mathematiker, Aerosol-Ingenieure  (und die zweite Hälfte all derer, die Fach-Frauen) liefern:

Diese Viren sind unter den Menschen so und sooft verbreitet.

Sie verbreitern sich mit diesem oder jenem Tempo:

Wir werden unter diesen oder jenen Umständen angesteckt etc.

Darüber hinaus haben diese Fachleute Merkzeichen definiert, ab deren Eintreffen Entscheidungen getroffen werden sollten/ müssten. „Solche Merkzeichen“ enthalten Aufforderungen, sie müssen kein Naturgesetz in sich bergen.

Das ist das ganze Geheimnis. Solche Merkzeichen können sich ändern. Der Ökonom Thomas Fricke hat nun in einem lesenswerten Beitrag an John Maynard Keynes erinnert: »Wenn die Fakten sich ändern, ändere ich meine Meinung. Was machen Sie?“

Folgen wir für einen Augenblick der Ansicht Frickes:“ …was dann auch wieder nicht richtig ist, wenn es wie diese Woche Pläne mit etlichen abgestuften Regeln gibt: Dann heißt es, das sei jetzt aber viel zu kompliziert, das verstehe doch kein Mensch, warum jetzt die Fahrschulen früher öffnen dürfen – und Zoos. Und andere Geschäfte ab diesem oder jenem Inzidenzwert. Das ist Klamauk-Kritik.“ Klamauk-Kritik ist auch nicht schlecht, fast so schön wie „meschugge“.

Bildquelle: Pixabay, Bild von mohamed Hassan, Pixabay License

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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


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