Bonn, Demonstartion gegen Antisemitismus

Es ist genug! Tag der Kippa aus Protest gegen Antisemitismus in Bonn

„Es ist genug!“ Sagt die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Bonn, Margaret Traub, vor ein paar Hundert Demonstranten, die sich vor dem alten Rathaus in Bonn versammelt haben, um gegen den wachsenden Antisemitismus auch in Bonn Flagge zu zeigen. „Es ist unerträglich“, fährt Frau Traub fort und meinte den Hass gegen Juden in den sozialen Netzwerken, die man besser asoziale Netzwerke nennen sollte. „Es ist genug!“ Wiederholt Frau Traub ihren mahnenden Satz, weil Menschen geschlagen und verunglimpft werden, weil sie Juden sind, weil sie eine Kippa tragen. Ja, auch in Bonn gibt es Antisemitismus, in dieser beschaulichen, internationalen Stadt, die auch Sitz der UNO ist, Menschen aus 180 Nationen leben in der kleinen Stadt am Rhein mit den großen Aufgaben.

Ein paar Hundert Menschen, 500 mögen es gewesen sein, sind dem Aufruf des Bonner OB Ashok-Alexander Sridharan (CDU) gefolgt, der nach der antisemitischen Attacke auf den jüdischen Professor Yitzhak Melamed in der letzten Woche einen Tag der Kippa ins Leben gerufen hatte. Eine beschämende Tat,  die ein grelles Licht auf diese weltoffene rheinische Stadt wirft. Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, eigentlich gehören diese Themen nicht in die Bundesstadt, die so international ist wie kaum eine andere in Deutschland. Als ein Pegida-Ableger vor Jahr und Tag in Bonn demonstrieren wollte, stellten sich den Rechtspopulisten und Fremdenfeinden Tausende von Bürgern entgegen. Dafür ist hier hoffentlich kein Platz. Aber die Attacke eines 20jährigen Deutschen mit palästinensischen Wurzeln im schönen Bonner Hofgarten, direkt neben der Universität, hatte viele erschreckt. Der Angreifer hatte dem Wissenschaftler die Kippa vom Kopf geschlagen, ihn antisemitisch beleidigt und geschubst. Die größte Peinlichkeit leisteten sich dann die Polizisten, die den Professor für den Angreifer hielten und ihn zu Boden warfen, ihm Handschellen anlegten, ein Polizist hat nach Zeugenaussagen den jüdischen Professor ins Gesicht geschlagen. Der Angreifer war später gefasst, dann wieder freigelassen worden, ist aber nach einem neuerlichen Vorfall mit Handgreiflichkeiten inhaftiert worden. Die Polizisten wurden versetzt.

„Ich selber bin sehr beunruhigt“, schilderte der Bonner Oberbürgermeister seine Gefühle nach der Attacke auf den Professor. Was in Bonn geschehen sei, dafür empfinde er Scham. Ja, man schämt sich als Bonner Bürger, dass so etwas in seiner Stadt wieder möglich ist. Bonn sei eine internationale Stadt, würdigte der OB die einstige Hauptstadt der Bundesrepublik. Er habe den Professor, der längst wieder in die USA zurückgereist ist,  eingeladen, Bonn zu besuchen. „Kommen Sie wieder“,  habe er dem Wissenschafter zugerufen. Ja, der Vorfall hat viele empört. Ein Mensch wurde angegriffen, weil er eine Kippa trug und sich damit als Jude kennzeichnete. Wo sind wir gelandet?

Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft

Der Antisemitismus ist ja eigentlich nie verschwunden gewesen aus diesem Land, heute ist er aktuell, er wird aus der Mitte der Gesellschaft mitgetragen. Meine Nachbarin während der Kundgebung, eine ältere Dame, erinnert daran, dass der Judenhass, der Antisemtismus in Deutschland nach dem Krieg nie wirklich verarbeitet worden sei. Keiner habe wissen wollen, was passiert sei, keiner sei dabei gewesen, viele hätten sich auch einfach weggeduckt. Heute vermisst sie, dass der Holocaust in der Schule nicht entsprechend unterrichtet werde, ja warum fahren Abiturklassen-um nur diese zu nennen- nicht nach Auschwitz, sondern nach Florenz? Man darf an den Dichter Brecht erinnern: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch…

Es ist wahr, woran  der OB erinnert an diesem Tag, dass Bonn Jahr für Jahr der Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee gedenke,  dass man die Bücher-Verbrennung durch die Nazis immer wieder zum Thema mache, dass man an die  Pogrome am 10. November mahne, als die Synagogen auf Geheiß der Nazis in Flammen aufgingen. Auch in Bonn geschah das damals. Und noch etwas anderes geschah: So wurde dem Literatur-Nobepreisträger Thomas Mann, der vor den Nazis in die Schweiz geflohen war und der später in die USA emigrierte, von der Universität Bonn die Ehrendoktorwürde am 19. Dezember 1936, kurz vor Weihnachten, entzog. Thomas Mann hatte sich u.a. für Carl von Ossietzky eingesetzt, damit der den Friedens-Nobelpreis erhielt. Am 28. Januar 1947 nahm Thomas Mann die ihm erneut angebotene Ehrendoktorwürde der Uni Bonn an.

Die Angst der Juden in Deutschland wächst. Wundert das jemanden? Beinahe täglich werden Juden irgendwo in Deutschland angegriffen, beschimpft, weil sie Juden sind. Mit dem Tag der Kippa wolle man ein Zeichen gegen Fremdenhass und Rassismus setzen, betonte der OB. Aus Angst vor Anschlägen müssen Menschen, die die Bonner Synagoge besuchen wollen, eine Sicherheitsschleuse passieren. So ist die Situation. Der OB lässt keinen Zweifel daran aufkommen, „dass wir Verantwortung für die Menschen haben“, die Juden, für alle, gleich, welcher Herkunft sie sind, welche Hautfarbe sie haben, welcher Religion sie angehören.

„Es ist genug!“ Nicht nur für Margaret Traub ist es genug, dass Juden angefeindet würden, es sei nicht zu ertragen, wenn „unsere Kinder in der Schule gemobbt werden, weil sie Juden sind.“ Die Politik dürfe nicht schweigen, wenn all das vor unseren Augen beinahe täglich geschehe. Und man liest zeitgleich in der FAZ, dass der Antisemitismus so schlimm sei wie nie. Es ist genug! Margaret Traub vergisst bei allen berechtigten Klagen und Kritiken die vielen Freunden nicht, die den Juden zur Seiten stünden. Es tue gut, dass man nicht allein sei.

 

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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