Analyse - Selbstkritik

Fähigkeit zur Selbstkritik

Politiker müssen bestimmte Charaktereigenschaften haben, wenn sie erfolgreich sein wollen. Dazu gehören ein gesundes Selbstbewusstsein genauso wie die Fähigkeit, mit Menschen umgehen zu können. Leider ist aber oftmals das Selbstbewusstsein übertrieben und die Umgänglichkeit unterentwickelt. Wenn noch Eitelkeit oder Arroganz hinzukommen, wird es besonders problematisch. Denke ich an bestimmte Personen? Natürlich, aber da wird jeder seine eigenen Beispiele nennen können.

Andererseits brauchen wir Politiker, die Ecken und Kanten haben und nicht glatt geschliffen sind, die den Mut auch zu unbequemen Entscheidungen haben und es nicht jedem Recht machen wollen. Deshalb ist die Bandbreite an politischen Akteuren so groß, die auch jeder anders beurteilt, und das ist gut so. Alter, Geschlecht, Herkunft etc. spielen natürlich auch mit und ganz wichtig die jeweilige Kompetenz. Wissenschaftlich erwiesen und leicht nachvollziehbar ist außerdem, dass auch eine gewisse Attraktivität vorhanden sein muss, aber auch hier hat gottseidank jeder andere Vorstellungen. Von selbst versteht sich, dass politische Karrieren in aller Regel mit ideologischen oder weltanschaulichen Überzeugungen verbunden sind und deswegen ein erkennbares politisches Profil vorhanden sein muss.

In politisch bewegten oder auch schwierigen Zeiten schwingt das Pendel, das die beschriebenen Eigenschaften von Politikern misst, stärker aus. Das beginnt mit „klarer Kante“ und kann bis zum blanken Populismus reichen. Gegenwärtig erleben wir so etwas, man denke nur an Präsident Trump in den USA oder die Politiker der AfD, bei denen das Pendel besonders weit ausschlägt. Sie werden dafür aus den unterschiedlichsten Gründen unterstützt, gelobt, bewundert, und von zwar denen, die sich von den anderen Politikern nicht mehr beachtet oder mitgenomnen fühlen. Und hier liegt das Problem.

Wir haben in den Parteien der Mitte viele Politiker, die erkannt haben, dass nicht nur Erklären, sondern vor allem auch Zuhören ein Gebot der Stunde ist. Viel zu lange wurde Politik und vor allem Parteipolitik nach dem Motto gemacht, dass die Gewählten schon wissen, wo es lang geht und sie deshalb ihre Vorstellungen umsetzen beziehungsweise durchsetzen können. Parteiprogramme und Reden dienten oftmals dazu, den Wählerinnen und Wählern einzutrichtern, was sie glauben und wollen sollten. Das Zuhören, der Diskurs, das Ringen um Argumente kamen dabei zu kurz. Dies hat sich bereits bei vielen zum Besseren gewendet, aber noch nicht genug.

Es geht nicht nur darum, die Politik aus den Hinterzimmern herauszuholen. Es geht vor allem darum, die Sorgen und Nöte der Menschen in ihrem Alltag, um ihre Arbeit, ihre Familien, ihre Umwelt etc. zu kennen und mit ihnen darüber zu sprechen. Und dabei kommt es darauf an, nicht nur zuhören zu können. Vielmehr kommt es darauf an, auch eine Fähigkeit zur Selbstkritik zu entwickeln, die in der politischen Arena so gut wie ausgestorben scheint. Dass ein Donald Trump eine derartige Fähigkeit nicht einmal in Ansätzen zeigt, ist offensichtlich, aber wann hat zuletzt ein namhafter Politiker hierzulande öffentlich bekannt, einen Fehler gemacht beziehungsweise eine falsche Entscheidung getroffen zu haben?

Wie schwer das ist, kann man verstehen, da beobachte sich ein jeder einmal selbst. Wer eine bestimmte Position erreicht hat und bisher erfolgreich war, zweifelt zu allerletzt an sich selbst. Aber niemand hat die Weisheit mit Löffeln gefressen, weshalb eine realistische Selbsteinschätzung und eben die Bereitschaft zur Selbstkritik so wichtig sind. In Thüringen wäre in diesen Tagen dazu reichlich Gelegenheit, aber nicht nur dort. Stattdessen gab und gibt es viel zu viele hilflose Erklärungsversuche, die verschleiern, wie sehr man sich verschätzt hat. Dass ausgerechnet die AfD triumphiert und sich in ihrem Erfolg sonnt, ist perfide. Aber das sollte die verantwortlichen Politiker in den anderen Parteien nicht davon abhalten zuzugeben, dass da etwas gründlich schief gelaufen ist und sie sich an die eigene Nase fassen müssen, anstatt mit dem Finger auf andere zu zeigen.

Die mangelnde Fähigkeit zur Selbstkritik ist eine der Ursachen für die immer wieder zitierte Politikverdrossenheit. Erst wenn die Handelnden in der Politik das erkennen, und zwar auf allen politischen Ebenen, und daraus für sich auch Konsequenzen ziehen, werden sie das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen. Erst zuhören, dann reden, Argumente abwägen und unterschiedliche Positionen anerkennen, Fehler einräumen und Konsequenzen ziehen, das muss der Weg sein, damit das Pendel wieder zurück zur Mitte schwingt. Es wäre ein Beitrag zur Stärkung der Glaubwürdigkeit der Politik und eine Chance zur Besinnung auf das, was wirklich zählt. Und das ist die Stabilität unseres politischen Systems.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Gerd Altmann, Pixabay License

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Jürgen Brautmeier

Der Historiker war bis 2016 Direktor der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt und von 2013 bis 2015 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft aller deutschen Landesmedienanstalten. Heute lehrt er als Honorarprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Geschichte sowie Kommunikations-und Medienwissenschaft.


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