Hunger und Obdachlosigkeit, Symbolbild

Gier schafft Hunger – Friedenspreis als Appell für globale Solidarität

In einer Online-Zeremonie hat das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen den Friedensnobelpreis 2020 erhalten. Das Nobelpreiskomitee in Oslo würdigt mit der Vergabe die Anstrengungen, den Hunger in der Welt zu besiegen. Das ist bitter nötig, aber leider wenig aussichtsreich. Der Skandal der ungleichen Verteilung ist himmelschreiend.

Die Erde bietet an sich genug, um alle Menschen satt zu machen. Doch Ausbeutung, Egoismus und Gier triumphieren über Gerechtigkeit und Solidarität. Die systematische Schwächung der Vereinten Nationen durch die USA – der unvollkommenen, aber einzigen Instanz einer Weltinnenpolitik – zeugt von der grassierenden Verantwortungslosigkeit gegenüber dem Planeten. Das Versagen beim Klimaschutz, bei der friedlichen Beilegung von Konflikten, der Rüstungskontrolle und auch der Pandemiebekämpfung sind weitere Belege und allesamt Faktoren, die den todbringenden Hunger verschärfen.

Mehr als 820 Millionen Menschen leiden laut der deutschen Bundesregierung weltweit Hunger. Das sind 60 Millionen mehr als vor fünf Jahren. Die Weltgemeinschaft steuert auf ein erneutes Scheitern an ihren selbstgesetzten Zielen zu. In zehn Jahren, so verspricht es die Agenda 2030, soll kein Mensch mehr hungern müssen – auch nicht in Afrika südlich der Sahara und in Südasien, den am stärksten betroffenen Regionen.

Das wäre ohne Zweifel ein wesentlicher Beitrag zu Stabilität und Frieden in der Welt. Doch die aktuellen Zahlen des Welthunger-Index sind hartnäckig erschreckend: 144 Millionen Kinder sind aufgrund chronischer Unterernährung wachstumsverzögert. 47 Millionen Kinder leiden an Auszehrung. 2018 starben 5,3 Millionen Kinder vor ihrem fünften Geburtstag, häufig infolge von Unterernährung. Die Welthungerhilfe nennt den Hunger in der Welt „das größte moralische und ethische Versagen unserer Generation“.

Der Wettlauf um die Covid-19-Impfung zeigt, dass wenig Aussicht auf mehr globale Gerechtigkeit besteht. Die reichen Länder mit rund 14 Prozent der Weltbevölkerung haben sich mehr als die Hälfte der erfolgversprechenden Impfstoffe gesichert. In Kanada zum Beispiel könnte jeder Mensch fünf mal geimpft werden, in den ärmsten Ländern drohen die Menschen leer auszugehen.

Es sei denn, der reiche Norden zeigt sich barmherzig und teilt – aus Eigennutz. „Die Corona-Pandemie kann nur nachhaltig überwunden werden, wenn alle Menschen weltweit einen fairen Zugang zu wirksamen Impfstoffen erhalten“, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel vorige Woche bei der virtuellen Sondersitzung der Vereinten Nationen erklärt. Und sie hat zu einer Stärkung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aufgerufen, die US-Präsident Donald Trump mit seinem Rückzug an den Rand der Handlungsunfähigkeit gebracht hat.

Die späte Antwort der UNO auf die Pandemie hat auch darin ihre Ursache. Nun sieht das Anti-Covid-19-Programm eine Covax-Allianz für eine faire Verteilung von Impfstoffen vor, so dass auch ärmere Länder ihre Bevölkerung schützen können. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte schon Ende Oktober darauf hingewiesen, dass fast die Hälfte der Weltbevölkerung in Staaten lebe, „die nicht über die Mittel verfügen, sich den Herstellern als Vorzugskunden anzudienen“.

Viele Länder haben beim UN-Sondergipfel ihre Unterstützung für die Allianz zugesagt, die USA und Russland gehören allerdings bislang nicht dazu. Die Hoffnungen richten sich nun aufs nächste Frühjahr, wenn der neue US-Präsident Joe Biden im Amt ist und den Rückzug der USA aus der WHO rückgängig macht. Ein entschlossener Kampf in weltweiter Solidarität sieht anders aus.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Kasun Chamara, Pixabay License

Teilen Sie diesen Artikel:
Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 5 165 Abonnenten.



Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


'Gier schafft Hunger – Friedenspreis als Appell für globale Solidarität' hat keine Kommentare

Als erste/r kommentieren

Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht