Wir versaufen....

Hier spricht die Seele des Volkes…

Alles begann mit dem Gassenhauer: „Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen“ von Robert Steidl. Tucholsky nannte das Lied mit Blick auf den Gegenstand dieser gesungenen Parodie, die zerstörerische Wahnsinns-Inflation: „Hier spricht die Seele deines Volkes…“

Aus dem klein-Häuschen der Oma wurde im  musikalischen Geschiebe und Getriebe der späten zwanziger  Jahre die eigentlich sinnfreie, vielleicht ein wenig anti-modernistische Parodie: „Meine Oma fährt Motorrad ohne Bremse…“, die wiederum nach dem zweiten Weltkrieg  in das Blödsinns-Lied um- getextet wurde:  „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad.“ Von Satire war da keine Rede. Der Blödsinn wird in der dritten Zeile  schließlich wieder „geheilt“, sozusagen: „Meine Oma ist ’ne ganz patente Frau.“

Das war so Ende der Fünfziger. Die wahnsinnig intellektuelle Zeit macht daraus gleich ein „Volksliedgut“ (was immer das sein mag;  ich denk da eher heute an „Verdamp lang her…“) Das alles kann man übrigens, wenn man will, ohne große Mühe nachlesen.

2019 wurde aus dem Hühnerstall ernst. Jetzt heißt es: „Meine Oma ist ne alte Umweltsau.“  Das wird nun Satire genannt. Man ist sich einig, dass das Satire sei, entschuldigt sich freilich nach allen Seiten, weil man die Satire gesungen habe. Gesungen zu hören aus Kinderkehlen, nicht durch Satiriker oder sich ähnlich nennende Menschen. Die Satire wurde also an Kinder delegiert. Mal was Neues. Was natürlich merkwürdige Trittbrettfahrer „aktiviert“: Ein 25 Jähriger, der sich freier Mitarbeiter des WDR nennt, twitterte: Lass mal über die Großeltern reden, von denen, die jetzt sich über #Umweltsau aufregen. Eure Oma war keine #Umweltsau. Stimmt. Sondern eine #Nazisau.

Und es beginnt/begann das, was in unserem Land üblich ist: eine sogenannte Rechts-Links-Diskussion. Hier stehen die Schutzvereinigung des Satirismus, dort die, die sich  Verteidiger der Omen, pardon Omas nennen. In der Frankfurter Rundschau war in einem Kommentar genannten Beitrag von Sonja Thomaser zu lesen: „Hier wird eine fiktive Oma, die repräsentativ für uns alle und unsere Umweltsünden steht, als `Umweltsau` bezeichnet, niedlich eingesungen vom WDR-Kinderchor zur Melodie von Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad.“  Und: „Besagte Oma ist lediglich ein Platzhalter für die Gesamtgesellschaft und das politische System.“ Schätze, meine Oma hätte Frau Thomaser ganz schön die Meinung gegeigt wegen dieses Blödsinns.

Von Rechten, die sich als „Bruderschaft“ vor dem WDR herumtreiben, erwarte ich nichts Vernünftiges; aber von der anderen Seite etwas mehr als schriftlichen Dünnpfiff. Ich wünsche uns allen: Aus! Neues Jahr! Vorhang! Singt, wenn ihr wollt,  das Lied von der Oma und ihrem „klein Häuschen“ und vor allem die vierte Liedzeile: „…und die erste und zweite Hypothek.“ 

Teilen Sie diesen Artikel:
Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 5 412 Abonnenten.



Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


'Hier spricht die Seele des Volkes…' hat keine Kommentare

Als erste/r kommentieren

Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht