Gänse

Impfaktionswoche – nötig und doch ein Armutszeugnis

Es ist richtig und bitter nötig, dass eine bundesweite Impfaktionswoche gestartet wurde. Noch immer haben sich viel zu wenig Bundesbürger gegen Corona impfen lassen. Die Quote muss mit allen Mitteln und um jeden Preis nach oben gedrückt werden. Aber diese Impfaktionswoche ist auch ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft. Die Frage steht im Raum: Sind Millionen Impfmuffel verblödet oder verwöhnt oder beides ?

Nehmen wir diejenigen Menschen aus, die wegen medizinischer Gründe nicht geimpft werden dürfen, die krank und bewegungsunfähig sind, die die deutsche Sprache nicht beherrschen oder keinen Zugang zu Informationen haben; alle anderen könnten sich problemlos die kostenlose Impfung gegen Corona in den Impfzentren oder beim Hausarzt geholt haben. Sie dürften inzwischen kapiert haben, wie wichtig und sogar lebensrettend diese Impfung ist. Dass die Risiken verschwindend gering sind gegen die tödlichen Gefahren von Corona, können nur Querdenker, Aluhut-Träger und andere Spinner bestreiten. Die Studien sind zu eindeutig.

Aber es ist, wie es ist. So muss Kanzlerin Merkel höchstselbst werben, werden die Impfungen angepriesen in Einkaufszentren, Bibliotheken, bei den Feuerwehren, in der Straßenbahn, auf Sportplätzen und in Moscheen. „Niedrigschwellige Impfangebote“ ist die Zauber-Formel. „Wenn die Menschen nicht zum Impfstoff kommen, muss der Impfstoff eben zu den Menschen kommen.“ Fehlt nur noch, dass die Spritzen auch im Wohnzimmer gesetzt werden, damit Impfmuffel nicht mal mehr die Pantoffeln abstreifen müssen, sondern vor dem Fernseher auf der Couch sitzen bleiben können. Wie beschämend ! In vielen Drittwelt-Ländern gibt es noch immer keine Impfungen gegen Corona, dort warten Millionen nach wie vor vergeblich auf den rettenden Pieks, würden meilenweit für eine Impfung laufen; und bei uns wird gebettelt und appelliert, damit die Menschen sich und zugleich auch die Gesellschaft schützen und die befürchtete vierte Corona-Welle vielleicht doch noch gebrochen werden kann. Erstaunlich, wie vehement sich auch und gerade FDP-Chef Christian Lindner für die Impfkampagne einsetzt. Eine Kampagne, die unzweifelhaft notwendig ist, die aber auch zeigt, dass der viel beschworene „mündige Bürger“ oft gar nicht so mündig ist, sondern gerne gepampert werden möchte. Erst kürzlich lehnte Lindner ein Tempo-Limit auf Autobahnen vehement ab, weil der „mündige Bürger“ selbst entscheiden könne, wie schnell er fahren will. Was denn nun ? Reif und mündig genug, um mit 200 Sachen über die Autobahn zu brettern, aber hilfsbedürftig, wenn es um die Einsicht in simpelste Zusammenhänge beim Schutz gegen Corona geht ?

Bildquelle: Pixabay, Bild von Zachtleven fotografie, Pixabay License

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Christoph Lütgert

Christoph Lütgert war Rundfunk-Korrespondent beim NDR, hat für Panorama gearbeitet und war später Chefreporter Fernsehen beim Norddeutschen Rundfunk. Lütgert wurde wegen seiner sozialkritischen Reportagen mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.


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