Rollstuhl

Kein Herz für Behinderte

Landauf, landab klagen viele Firmen darüber, dass sie keine Mitarbeiter finden. Die Zahl der offenen Stellen liegt auf einem Rekordniveau. Gesucht werden vorrangig Fachkräfte für den digitalen Sektor, für das Handwerk, die Pflege oder den Bausektor. In einigen anderen Bereichen der Wirtschaft vollzieht sich bereits seit einiger Zeit ein starker Strukturwandel, der – wie etwa bei den Banken – zum Abbau von Arbeitsplätzen führt und noch führen wird.

Auch die Automobilbranche muss umrüsten: Das E-Mobil und das Kohlenwasserstoff getriebene Auto werden sich deutlich von den Diesel- und Benzin-Wagen unterscheiden.

Die Zahl der Einbauteile, die bislang von einigen hunderttausend Arbeitern in den zahlreichen Autozulieferfirmen gefertigt werden, wird sich in Zukunft deutlich verringern, möglicherweise halbieren.

Revolutionärer Wandel der Berufswelt

Unternehmer und Arbeitnehmer müssen sich auf diesen zum Teil revolutionären Wandel, der von Robotern, Sensoren, künstlicher Intelligenz, Apps und Chips sowie vom Internet der Dinge, in dem alles mit allem verbunden ist, geprägt wird, umgehend einstellen. Neue Fähigkeiten und Qualifizierungen werden dafür notwendig sein, um nicht im scharfen internationalen Wettbewerb zu verlieren, um nicht in der Pleite und Arbeitslosigkeit zu landen. Die Sozialpartner, also Arbeitgeber und Gewerkschaften, haben hier gleich mehrere Herkulesaufgaben zu meistern.

In Qualifizierung investieren!

Die optimal qualifizierten Arbeitnehmer, die Job-Olympioniken und Fachexperten der Digitalisierung sowie die, die mobil und flexibel sind und sich beruflich schnell umorientieren, werden die strukturellen Veränderungen und neuen technologischen Herausforderungen ohne große Probleme bewältigen. Andere, die seit langem auf eingefahrenen Gleisen tätig sind, Routinearbeiten erledigen oder nicht bereit sind, in ihre Weiter- und Umqualifizierung selbst zu investieren, werden es schwer haben, im Job noch so wie bisher zu bestehen. Lebenslanges Lernen und Qualifizieren sind im Prinzip für jeden, dessen wichtigstes Kapital seine Arbeitskraft ist, notwendig, um sein berufliches Vermögen zu erhalten und zu erhöhen.

Schwerbehinderte nicht abschreiben!

 Am schwersten ist es bereits für Menschen mit Behinderungen. Viele Arbeitgeber zeigen wenig oder gar kein Herz für Schwerbehinderte. Eher kaufen sich Unternehmen von der Beschäftigungspflicht frei. Denn Firmen mit 20 oder mehr Beschäftigten sind hierzulande dazu verpflichtet, 5 % der Arbeitsplätze in ihrem Betrieb für Menschen mit Schwerbehinderungen bereit zu stellen. Doch etwa jedes vierte Unternehmen beschäftigt keine Schwerbehinderten und zahlt stattdessen lieber eine Abgabe. Dieses Freikaufen von einer sozialen Verpflichtung spiegelt eine große Herzlosigkeit gegenüber den Schwächeren in unserer Gesellschaft wider. In den Sonntagsreden mancher Firmenlenker, in denen diese die Soziale Marktwirtschaft in den höchsten Tönen preisen und die eigenen ethischen Prinzipien wie eine Monstranz vor sich hertragen, passt dieses unsoziale Handeln in der Praxis der Arbeitswelt ganz und gar nicht. In zahlreichen mittleren und großen Unternehmen könnten bei gutem Willen durchaus für Schwerbehinderte Arbeitsplätze eingerichtet werden. Denn diese Gruppe von Menschen gehört auch zu unserer Gemeinschaft. Und nicht wenige Schwerbehinderte sind durchaus zu guten Leistungen fähig, auch wenn sich nicht alle zu den Paralympics qualifizieren.

Bildquelle: Pixabay, Bild von BeatriceBB, Pixabay License 

 

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Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


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