Geld

Millionäre haben mit der Krise nichts zu tun – Am Ball können sie alles- aber nur da

Fußball, das Oktoberfest, die Kirchen, Opern, die Obdachlosen, die Tafel, kleine Unternehmer, Kneipen, Restaurants, wie passt das zusammen? Nein, sie firmieren natürlich nicht alle unter dem Dach, das den Fußball-Millionären egal in welcher Lage immer Schutz bietet, während viele andere um ihren Job, ihre Existenz bangen. Täglich werden die neuen Infektionszahlen und Toten wegen Corona gemeldet, und fast täglich muss ich lesen, wie die Bundesliga sich Sorgen macht, wann denn endlich wieder gekickt werden kann. Ganze Vereine bangen um ihre Zukunft, zum Beispiel wird in diesem Zusammenhang oft der FC Schalke 04 genannt, zugegeben mein Lieblingsklub. Dann lese ich auch fast täglich, wie Manuel Neuer um einen neuen Vertrag beim FC Bayern kämpft. Dabei geht es um Millionen, um Verträge über Jahre in einer Größenordnung, wo selbst den Spitzenmanagern aus der Wirtschaft wie einst VW-Chef Winterkorn die Luft wegbleibt. Normal ist das nicht, aber was ist heute schon normal? Oder wie es einst  Kurt Tucholsky sagte: Meine Sorgen möchte ich haben.

Die Verhältnisse, sie stimmen nicht mehr. Dass keine Gottesdienste stattfinden wegen Corona,  zu bedauern ist es, weil es mit Freiheit zu tun hat, die wir haben, die uns gewährt wird oder im Augenblick eben nicht. Auch wenn mich manche Klage wundert, wenn man die wirkliche Zahl der Kirchenbesucher dagegen hält. Gut, den Kirchen bleiben die Gelder weg, die die Besucher freiwillig in den hingereichten Korb werfen. Aber das ist maximal ein Zubrot, vielleicht reicht es für den Kauf von Kerzen. Gerade haben der bayerische Ministerpräsident Markus Söder und der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter verkündet, dass die Wiesn, das Münchner Oktoberfest ausfallen wird. Das größte Volksfest der Welt. Gewiss werden die Brauereien über den Verlust klagen, sie werden es verschmerzen, wenn sie mir dieses flapsige Urteil erlauben, weil sie es sich eher leisten können als die Tausenden von Kellnern, die von der Wiesn leben. Aber aus und vorbei. Wie die Cranger Kirmes in Herne und das Schützenfest in Neuss, eines der größten im Lande, wenn nicht gar in Europa.

Aber worüber machen wir uns Sorgen? Genau, wann denn endlich die Liga wieder anstösst, wann es in der Bundesliga wieder um Punkte geht, besser um Geld. Letzteres ist doch das Wesentliche am Profi-Fußball, auch wenn bestimmte Herren uns immer wieder etwas anderes erzählen. Geisterspiele soll es geben, ohne die üblichen ausverkauften Häuser, Geisterspiele, damit die Vereine, die die Fernsehgebühren schon kassiert und wohl ausgegeben haben, diese nicht zurückzahlen müssen. Ähnliches müssen sie befürchten von ihren Fans, die die Jahreskarten im voraus gekauft und bezahlt haben, und im Falle leerer Stadien die Ticketpreise zurückfordern könnten. Und dann ist da noch der Verlust auf der Service-Seite, weil nicht gegessen und getrunken wird, woran die Vereine auch verdienen. Fußball? Natürlich ist das kein Problem für die reichen Klubs wie den FC Bayern, der im Geld schwimmt, und dessen ehemaliger Präsident Uli Hoeness früher gern vom Festgeldkonto seines Vereins schwärmte, wohl auch, um die Konkurrenz neidisch zu machen. Auch der BVB, folgt man Herrn Watzke, hat keine Geldprobleme, so oder so.Wenn der Ball wieder rollt und Evonik erfolgreich bleibt. Bayer Leverkusen, der VFL Wolfsburg, finanziert vom Pharmariesen der eine, während der andere von den Erlösen von Volkes Wagen profitiert. Gewiss ist auch der RB Leipzig dank seines Hauptsponsors aus Österreich flüssig wie die TSG Hoffenheim. Aber wie geht es eigentlich den Freiburgern, den Frankfurtern, den Augsburgern, Union Berlin und und und.

Millionen für einen Torwart

Aber das tritt alles in den Hintergrund, weil vor allem eine Frage interessant erscheint: Was für einen Vertrag bekommt am Ende der Verhandlungen der gute Manuel Neuer? Seit gut zehn Jahren einer der Spitzenverdiener der Liga, der Spielführer der Bayern und der Nationalmannschaft, ein Gutverdiener, ein Millionär wie viele andere in der Zunft der Kicker. Ein Klasse-Torwart, ein Sportsmann, der auch außerhalb des grünen Rasens sich Verdienste erworben hat. Er hat gerade dementiert -oder hat er es von seinem Berater dementieren lassen- dass er um einen Fünf-Jahres-Vertrag in Höhe von 100 Milionen Euro feilsche, pardon verhandele. Spielt es eigentlich noch eine Rolle, ob es bei dem Vertrag um 100 Millionen geht oder nur um 80 Millionen oder gar nur um 70 Millionen. Nicht, dass der Neuer noch eines Tages am Hungertuch nagt. Der Mann ist 34 Jahre alt, einer der besten Torhüter der Welt. Als Torwart, las ich gerade, könne man ja mit 40 noch Spitzenleistungen bringen. Beispiele gibt es, so den Italiener Buffon.

Wir haben vor Jahr und Tag die Höhe der Einkommen von Managern beklagt, haben die Gier der Millionäre kritisiert, die den Hals nicht vollkriegen können, die neben ihren üppigen Gehältern noch Boni beziehen, obwohl die von ihnen geleitete Firma Mali einfuhr, die Aktien besitzen in unvorstellbarer Höhe, eine Betriebsrente, die die Vorstellungen normaler Rentner übersteigt. Mehr, mehr, mehr. Der Fall Winterkorn, einst Chef von VW, ist ein Beispiel, wobei der nicht der einzige war und ist, der sich dicke Gelder in die Taschen schieben ließ und lässt. Wenn es schiefgeht, geht man fröhlich pfeifend nach Hause, bekommt eine Abfindung in Millionen-Höhe. Alles normal. Normal?

Wo leben wir eigentlich? Wir reden über Menschen, die in Kurzzeit sind und nicht wissen, wo das endet. Wir reden über die Existenzsorgen kleiner Unternehmer, die befürchten, wegen Corona über die Wupper zu gehen.  Kulturschaffende wissen nicht, wovon sie leben sollen, der Opernsänger bangt um seine bescheidenen Einkünfte wie der Inhaber einer Buchhandlung. Täglich mehren sich die Klagen von Obdachlosen, denen kaum einer hilft, den Tafeln wird weniger gespendet, wer wenig hat, muss wegen Corona noch mit weniger auskommen. Solche Themen werden mal erwähnt, kommentiert und weiter geht es. Wie man früher sagte, wird die nächste Sau durchs Dorf gejagt.  Aber in unserem Fall scheint alles nicht so schlimm, Hauptsache die Bundesliga kann wieder spielen. Es soll einen Gipfel geben, der Begriff muss her, weil es ja um die Liga der Millionäre geht, einen Gipfel mit Söder und Laschet. Ob da die Frage aller Fragen entschieden wird: Wann endlich wird wieder Fußball gespielt, damit die Vereine nicht über die Wupper oder Emscher gehen oder welchen Fluss sie auch nennen mögen. Panem et cirsenses? Wie früher bei den Römern, Brot und Spiele, damit es ruhig bleibt im Volk?

Wer keine Lobby hat

Wer kümmert sich eigentlich um die Zukunft der Theater, die Einkünfte von Schauspielern und Schaustellern, Kleinverdiener die meisten von ihnen, deren Einkünfte  einfach ausbleiben, sie können nicht nachverhandeln, haben keine Lobby, keine Ministerpräsidenten, die eigens einen Gipfel planen, um zu bereden, was sie denn für den FC Bayern tun können, den FC Augsburg, den BVB, die Schalker, die Leverkusener, die Kölner, die Mönchengladbacher, die Düsseldorfer, nicht zu vergessen die Klubs aus den anderen Bundesländer in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Berlin und Sachsen. Hab ich einen Verein vergessen?

Ich lese und erfahre, dass wir auf eine Gesellschaft angewiesen sind, die funktioniert. Aber wie passt es zusammen, dass bestimmte Berufsgruppen zur Zeit viel Beifall erhalten, weil sie den Laden am Laufen halten, wie die Kanzlerin gesagt hat, und wir sie trotzdem miserabel bezahlen. Ich meine die Leute, die das öffentliche Leben und das Gesundheitswesen aufrechterhalten.

Die Welt werde nach der Krise anders werden. Können Sie täglich lesen. Und wer genau hinhört und hinschaut, kriegt die anderen Töne mit, die besagen, nichts werde sich ändern. Der Kapitalismus, der Egoismus werde sich nicht geschlagen geben. Trumps gibts nicht nur in Amerika. Die multinationalen Konzerne werden sich nicht so einfach die Macht aus der Hand nehmen lassen. Die Krise allein wird nichts verändern, es sei denn, sie zeigt uns an, was nicht mehr haltbar ist und sich ändern muss. Erst dann ist ein Umdenken nötig. Daran müssen wir arbeiten.

Fußballer wie Söldner

Ich war früher mal Fußball-Fan, aber dank der Geldschwemme ist das mit dem Ball und dem wirklich schönen Spiel untergegangen- erstickt in Millionen und Abermillionen. Merkt niemand, dass hier völlig überzogen wird? Kann mir mal jemand sagen, was die Spieler aus aller Herren Länder, die heute bei Dortmund spielen und morgen beim FC Barcelona, was die mit dem BVB zu tun haben? Statt BVB kann ich Bayern sagen, Schalke und all die anderen. Wenn ich Szenen sehe, wo ein Spieler ein Tor schießt und dann mit der Hand aufs Herz zur Trainerbank rennt, um zu demonstrieren, woran er hängt, dann muss ich darüber nur noch müde lächeln. Denn ich weiß ja, wenn die Ablöse stimmt und das Gehalt, das Handgeld, das Geld für den Berater und all die Prämien, dann wird er bei nächster Gelegenheit nach Madrid wechseln, Paris, London oder wohin auch immer. Wie Söldner es tun.

Wenn wirklich die Gesundheit von Millionen davon abhängt, dass wir uns distanziert verhalten, sozial auf Entfernung gehen, wenn stimmt, dass alles andere, größere Ansammlungen von Zeitgenossen Gefahren für viele andere bedeuten, weil das Virus übertragen wird, wenn das alles stimmt, was uns die Kanzlerin versucht seit Tagen klarzumachen, basierend auf den Rat ihrer medizinischen Fachleute, dann kann es doch eigentlich gar keinen Wiederanpfiff der Fußball-Bundesliga geben. Im Handball haben sie die Saison gestoppt und den THW Kiel vorzeitig zum Meister erklärt. Im Fußball geht das nicht? Mir ist es wurscht, wer dieses Jahr Meister wird. Meinetwegen sogar der BVB. Hauptsache wir bleiben gesund.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Gerd Altmann, Pixabay License

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


'Millionäre haben mit der Krise nichts zu tun – Am Ball können sie alles- aber nur da' hat 2 Kommentare

  1. Avatar

    23. April 2020 @ 12:38 Rolf-Dieter Hüttebräuker

    Diesem Kommentar sagt alles, es ist ausdrücklich nichts weg zu lassen oder hinzu zu fügen.
    Früher wurde argumentiert, das Fußballer auch nach Ihrer Spielzeit (Karriere) leben müssen und daher mehr vedienen sollten / wollten.
    So weit, so gut.
    Es stellt sich die Frage, wie viele hundert Jahre diese Personen bei gleich bleibendem Lebensstil eigentlich gedenken zu leben.

    Antworten

  2. Avatar

    23. April 2020 @ 17:29 Gisbert Kuhn

    Hast Du Dir mal so richtig den Kropf geleert? Ich unterschreibe jeden Satz.

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