NRW

Nordrhein-Westfalen war nie ein Land aus der Retorte

Am 2. Oktober 1946 trat der erste Ernannte Landtag des neuen Landes Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf zusammen. Vorher waren mit der Verordnung Nr. 46 vom 23. August 1946 die bisherigen preußischen Provinzen in der britischen Besatzungszone aufgelöst und der Nordteil der Reinprovinz mit Westfalen zusammengelegt worden. Diese Geschichte ist in zahlreichen Darstellungen nacherzählt und in regelmäßigen Abständen neu analysiert worden. Aber erst jüngst hat die Erzählung von der „Operation Marriage“, mit der die Besatzungsmacht eine für viele Zeitgenossen überraschende Entscheidung traf, eine neue Wendung genommen. Denn bisher hatte man die deutsche Rolle bei dieser britischen Festlegung auf ein gemeinsames Land mit dem Kern Ruhrgebiet für eher gering gehalten. Was man wusste, war, dass Konrad Adenauer, der CDU-Vorsitzende in der britischen Zone, als einziger namhafter Politiker nach seiner Meinung zu diesem Vorhaben gefragt worden war und es begrüßt hatte. Jetzt aber sind im Zusammenhang mit den Vorarbeiten zur Gründung eines Hauses der Landesgeschichte Nordrhein-Westfalens neue Nachforschungen zu dem Ergebnis gekommen, dass die Briten sehr gut informiert waren über die Diskussionen, die es in Deutschland schon in den 1920er Jahren zu einer territorialen Neugliederung gegeben hatte, und dies nach dem Krieg sehr wohl eine Rolle gespielt haben dürfte.

Schon in der Weimarer Republik war die übermächtige Stellung Preußens im Deutschen Reich als Problem erkannt und nach Lösungen für eine gleichgewichtigere Struktur auf der Ebene der Länder im Reich gesucht worden. Vor allem die Industrialisierung des Ruhrgebiets hatte die wirtschaftliche und damit auch politische Dominanz Preußens so stark werden lassen, dass vor allem aus der Wirtschaft Rufe nach einer Reichsreform laut geworden waren. Alle Pläne waren aber in die Schublade gewandert, weil die unterschiedlichen Interessen zu weit auseinander lagen und spätestens mit dem Dritten Reich Makulatur geworden waren. Aber, und das ist der springende Punkt, die Diskussionen und Vorschläge der sogenannten Reichsreformdebatte waren Blaupausen für die Neuordnung Deutschlands nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg.

Die Politiker, die in der Weimarer Republik an führender Stelle an den Debatten beteiligt gewesen waren, wurden 1945, sofern sie keine nationalsozialistische Vergangenheit hatten, von den Besatzungsmächten aus guten Gründen reaktiviert. Neben Adenauer beispielsweise Robert Lehr, ehemaliger Oberbürgermeister von Düsseldorf und Mitglied des Preußischen und Deutschen Städtetags, der im Oktober 1945 zum Oberpräsidenten der Nord-Rheinprovinz ernannt wurde, oder Hermann Pünder, von 1926 bis 1932 Chef der Reichskanzlei und ab November 1945 Oberbürgermeister von Köln. Lehr und Pünder waren ebenso wie der ehemalige Oberbürgermeister von Münster, Karl Zuhorn, den die Briten schon im Juni 1945 wieder in dieses Amt eingesetzt hatten, eindeutige Befürworter einer Zusammenlegung der beiden Provinzen. Ihre Memoranden und Pläne trafen bei der britischen Militärverwaltung vor Ort auf offene Ohren, ging es doch einerseits um die Verhinderung der Internationalisierung des Ruhrgebiets, wie sie russischen und französischen Interessen entsprochen hätte, und andererseits um die Sicherung der Versorgung des rheinisch-westfälischen Industriegebiets, die nicht allein aus dem nördlichen Rheinland kommen konnte, sondern auf die ländlichen Regionen Westfalens angewiesen war. Das südliche Rheinland war nicht Teil der Überlegungen, weil es in der französischen Zone lag.

Natürlich gab es auch Gegner eines derartigen Zusammenschlusses. Dazu zählten der ehemalige Zentrumspolitiker und westfälische Oberpräsident Rudolf Amelunxen, der ein eigenständiges Land Westfalen wollte, aber auch zum Beispiel Carl Severing, ehemaliger preußischer und Reichsinnenminister und führender Kopf der Wiederbegründung der Nachkriegs-SPD in Ostwestfalen. Überhaupt war seine Partei wie auch die zu der Zeit nicht unwichtige KPD gegen das Entstehen neuer starker Länder und favorisierte eine zukünftige zentralisierte Regierung für Deutschland. Auch diese deutschen Stimmen trafen in London auf Verständnis und Sympathie, handelte es sich doch um eine Labour-Regierung, die eher der SPD denn den konservativen Politikern Adenauer, Lehr oder Pünder nahestand. Nach intensiven Debatten setzten sich aber in London, wo die Entscheidung im Juni 1946 fiel, die Argumente der Militärregierung vor Ort durch. Vor allem der Stellvertretende Militärgouverneur Brian Robertson, der gute Drähte nach London hatte, spielte dabei wohl eine ausschlaggebende Rolle. Er dürfte der Transporteur der Argumente gewesen sein, die von seinen deutschen Gesprächspartnern unter Bezug auf die Reichsreformdebatte vorgebracht wurden.

In den Londoner Protokollen finden sich zwar keine direkten Belege für diese Vermutung, aber Gegner wie Befürworter auf deutscher Seite waren sich bewusst, dass die Entscheidung nicht ausschließlich am grünen Tisch gefallen war. Robert Lehrs Satz, den er im Juli 1946 auf Vorhaltungen zu seiner Rolle äußerte, macht dies ziemlich deutlich: „An dem Entschluss selbst haben wir nicht mitgewirkt, aber in den Fragen zur Aufgliederung der britischen Zone haben wir sehr stark das Unsrige dazu beigetragen.“ Und: „Hier ist nie behauptet worden, daß wir nicht Pläne zur Neugliederung der britischen Zone bearbeiten, sondern im Gegenteil, sie sind mit Sorgfalt erwogen worden.“ Es ist sicher kein Zufall, dass sich die Vorschläge für eine Neustrukturierung des Deutschen Reiches, die in der Weimarer Republik diskutiert wurden, in verschiedenen Varianten mit einem Land Rheinland-Westfalen befassten. Auf einer der Karten, die in diesem Zusammenhang entstanden, ist ein Gebiet eingezeichnet, das fast identisch ist mit dem heutigen Bundesland Nordrhein-Westfalen, einschließlich des ehemaligen Landes Lippe, das erst im Januar 1947 zu NRW kam, und ohne den südlichen Teil der Rheinprovinz. Dieser Vorschlag stammt von dem Verkehrsexperten und Bahningenieur Hans Baumann, der in seiner Dissertation aus dem Jahr 1922 die Verkehrsinfrastruktur und die Energieerzeugung als bestimmende Faktoren für lebensfähige Wirtschaftsprovinzen definierte – Faktoren, die heute so aktuell sind wie damals. Ob die Briten die Karte Baumanns kannten, darf bezweifelt werden. Aber seine Kriterien für die Schaffung einer Wirtschaftsprovinz Rheinland-Westfalen schon in den 1920er Jahren dürften sich mit den Überlegungen decken, die 1946 zu dem bekannten Ergebnis führten. Als Fazit kann man festhalten, dass die Briten gut informiert waren und dass der Operation Marriage offensichtlich sehr fundierte Überlegungen zu Grunde lagen, auch und nicht zuletzt von deutscher Seite. Ein Land aus der Retorte war Nordrhein-Westfalen auf jeden Fall nicht. Dies herausgearbeitet zu haben ist ein schönes Geschenk zum 75. Geburtstag Nordrhein-Westfalens.

Teilen Sie diesen Artikel:
Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 5 117 Abonnenten.



Jürgen Brautmeier

Der Historiker war bis 2016 Direktor der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt und von 2013 bis 2015 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft aller deutschen Landesmedienanstalten. Heute lehrt er als Honorarprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Geschichte sowie Kommunikations-und Medienwissenschaft.


'Nordrhein-Westfalen war nie ein Land aus der Retorte' hat keine Kommentare

Als erste/r kommentieren

Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht