Klaipeda

Osteuropa droht erneut zur Gefahrenzone zu werden – Ein neuer Eiserner Vorhang

„Vor 30 Jahren wurden wir Zeuge, wie ein isoliertes, hoffnungslos rückständiges Imperium zusammenbrach – ein Kollaps, den einige heute als die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts beschreiben. Natürlich war es“ keine Katastrophe, sondern der Beginn einer blühenden Aera,“ schrieb vor kurzem der litauische Schriftsteller Tomas Venclova in einem Essay für das Literaturfestival in Odessa. Die Stadt am Schwarzen Meer ist eine besondere Stadt, vor allem in literarischer Hinsicht. Es ist die Stadt von Isaac Babel und Adam Mickiewicz, von Alexander Puschkin und Anna Achmatowa, Boris Schitkow und Jury Olesha, und und, und ….. Die Menschen, die hier leben sind speziell. Tomas Venclova beschreibt sie so: „Die echten Odessaner Russen sind ein besonderes Gewächs. Anders als ein Russe aus Moskau oder St. Petersburg sind sie offener, verstehen sich besser mit ihren Nachbarn und sind, würde ich sagen, eher mediterran.“ Der Autor Venclova kommt aus Klaipeda, dem ehemaligen Memel, in Litauen. Ein Land, neben den anderen zwei baltischen Staaten und denen des ehemaligen Ostblocks, von denen er sagt und schreibt, sie seien frei oder relativ frei, von erstaunlicher Vielfalt: „Sie entwickeln ihre Wiedergeburt, sie entwickeln ihr Erbe und verfolgen ihre eigene Richtung, ein Erbe, das ihnen nicht von einer unmenschlichen Diktatur ausgezwungen wird.“ Eine Reise nach Kaliningrad, nach Klaipeda, nach St. Petersburg, nach Odessa führt in diesem zu Ende gehenden Jahrzehnt immer wieder in Konflikte, in Kriege, in Annexionen an Grenzen und Demarkationslinien. Und in den vergangenen gut zwei Monaten immer wieder nach Bjelarus, nördlich der Ukraine.

Dort, Tomas Venclova ist davon überzeugt, „ist vor unseren Augen ein Volk entstanden, das sich seiner Würde bewusst ist; ein Volk, das mit beneidenswerter Ruhe und Noblesse fordert, daß die Menschenrechte geachtet, die Gedanken- und die Gewissensfreihet geschützt werden“. Die zurückliegenden Wochen zeigen, die weißrussische Bevölkerung wird bedroht, massiv von den Unsicherheitsorganen des Lukaschenka – Regimes, die Menschen werden unter Druck gesetzt, betrogen, entführt, eingesperrt. Es ist eine Rückkehr zu Konflikten, Diktatur und Unfreiheit. Venclova nennt es eine Katastrophe. Mit anderen Worten, Osteuropa droht erneut zu einer Gefahrenzone zu werden, Grenzen, Gesetze werden mißachtet, verletzt. Aus den vormaligen Grenzen werden Demarkationslinien. An ihnen entlang wird entführt, zerstört, verwundet, getötet. Veclova. „Die Demontage des Eisernen Vorhangs war ein großer Sieg. In jüngster Zeit hat er sich mit wenigen geografischen Verschiebungen de facto wieder geschlossen.“

In Venclovas Heimatstadt Klaipeda gibt es einen starken russischen Bevölkerungsanteil. Die meisten jungen Leute sind westlich orientiert, favorisieren Großbritannien und Deutschland. Mit Russland wollen sie nichts zu tun haben. Besonders ausgeprägt ist diese Haltung in Städten wie Vilnius oder Klaipeda, auf dem Land ist das anders. Dort wollen etwa 20 Prozent die Sowietunion wieder haben. Die Hafenstadt an der Ostsee ist bei aller komplizierten Geschichte aber auch die Stadt der Malerei, der Bildhauerei, des neuen Theaters am Marktplatz unweit des Hafens. Wer in der „Gallerie Baroti“ ausstellt, hat es als Künstler in Litauen geschafft. Baroti hat die „Gallerie“ in einem wunderschönen Fachensemble vor über 20 Jahren gegründet. Er ist ein sehr bekannter Keramikkünstler, meist auf Reisen, stellt überall in Europa aus. Die jungen Leute, die viele seiner Ausstellungen in Klaipeda besuchen, wollen möglichst viel von ihm lernen, wenns geht,in der Stadt bleiben, wenns nicht geht, in`s westliche Ausland gehen, nach Kaliningrad oder St. Petersburg auf keinen Fall, aber auch nicht nach Riga oder Tallinn. Warum nicht? Das sei ihnen zu weit im Osten, da sei es doch auch nicht anders als hier.

In Kaliningrad lebt Ewgeni Snegowski.Er gehört einer Bürgerbewegung an. Eine sehr kleine bürgerliche Opposition. Sie will den Staat zwingen, seine eigenen Gesetze zu befolgen. Als Snegowski das erzählt, lächelt er. Der Endfünfziger weiß, er und seine wenigen Verbündeten sind für den Staat keine Bedrohung und für das System Putin auch nicht. Das hält er für zutiefst korrupt, was auch für Kaliningrad gelte: „Bis hinauf zum Gouverneur.“ Shegowski ist Lehrer für Russisch und Deutsch. War schon mehrfach verhaftet. kennt das alte KGB – Gebäude sehr gut von innen. „Zu gut.“ Er mag seine Stadt, die an beiden Seiten des Pregel liegt und 1947 in Kaliningrad umbenannt wurde nach Michail Kalinin, dem zeitweiligen Vorsitzenden des Präsidiums des Obersten Sowjets und Weggefährten Stalins: „Kalinin überlebte als Wendehals und Opportunist die Stalinzeit.“ kritisiert Ewgeni Snegowski, “ Er war wie fast alle anderen Führungsfunktionäre ein Zyniker. Diese Typen brachten nur Unheil über das Land.“ Und heute brächten sie es wieder, seufzst er, fühlt sich und seine Stadt sehr unbeachtet, in Europa fast vergessen. In Moskau nicht. Die Enklave an der Ostsee ist für den Kreml von erheblicher strategischer Bedeutung bei allen Konflikten im zentralen Osteuropa. Wie hatte es Tomas Venclova aus Klaipeda, das gar nicht so weit von Kalinigrad entfernt liegt, formuliert? In jüngster Zeit habe sich mit einigen geografischen Verschiebungen der Eiserne Vorhang de facto wieder geschlossen.

Bildquelle: Wikipedia, By Mantas Volungevicius , CC BY 2.0

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Jörg Hafkemeyer

Der Fernseh- und Radiojournalist arbeitete als Kulturredakteur und später als ARD Korrespondent in Washington und Mexiko. Seit 2002 ist Hafkemeyer Professor an der Berliner Universität der Künste.


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