USA

Schicksalswahl für die Demokratie

Amerika wählt, und wenn die Zahlen der frühen Stimmabgaben nicht täuschen, beteiligen sich die Amerikaner*innen in Rekordhöhe an der Entscheidung zwischen Amtsinhaber Donald Trump und seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden.

Nach 137 Millionen Wähler*innen 2016 werden nun 150 Millionen erwartet. Das entspräche einer Beteiligung von 65 Prozent aller Wahlberechtigten und wäre so hoch wie seit 1908 nicht mehr. Die hohe Mobilisierung lässt jedoch nicht ohne Weiteres auf ein Aufwachen der Trump-Gegner schließen und dass die Wähler*innen nun entschlossen wären, die Demokratie zu verteidigen.

Zwar liegt Joe Biden in den Umfragen stabil vor Trump, doch das Wahlsystem der USA macht es möglich, dass am Ende derjenige gewählt wird, der am Wahldienstag weniger Wählerstimmen erhalten hat. Hillary Clinton und auch Al Gore können ein Lied davon singen.

Hinzu kommt, dass der Amtsinhaber seit Monaten Zweifel daran sät, dass er eine Niederlage hinnehmen würde. Das ruft schlimmste Befürchtungen bis hin zu Gewaltexzessen hervor, erinnert man sich nur an Trumps kryptische Aufforderung im ersten TV-Duell an die rechtsextremen „Proud Boys“, sie sollten sich bereithalten.

Die extreme politische Polarisierung in den USA, die tief zerrissen sind zwischen blau und rot, Demokraten und Republikanern, macht den Ausgang der Wahl unberechenbar. Glühende Begeisterung für Trump oder tiefste Verachtung, dazwischen gibt es nichts. Die Wahlentscheidung geht nicht auf das Abwägen der besseren Argumente zurück, nicht das Gesamte der politischen Programmatik zählt, sondern nur Freund oder Feind.

Den politischen Anstand hat Trump seinen Anhängern in seiner ersten Amtszeit gründlich ausgetrieben. Nur wenige Republikaner haben sich angewidert abgewendet; wer zu widersprechen wagte, wurde abserviert. Rassismus, Lügen, Intrigen und Beleidigungen: Das alles hat nur seine Gegner entsetzt, während seine Fans jubeln, sich selbst für bessere Menschen halten und zu Rücksichtslosigkeit und Egoismus ermuntert fühlen.

Zwischen den Lagern gibt es keinen ernsthaften Austausch mehr, und es wird gewaltige Anstrengungen erfordern, die zerstörte politische Kultur wieder aufzurichten. Ohne Kommunikation kann Demokratie nicht funktionieren, und gesellschaftliche Debatten finden nun mal nicht auf Facebook und Twitter statt. Sie setzen die Bereitschaft voraus, miteinander zu reden, einander zuzuhören und Kompromisse einzugehen.

Die Wahl zwischen Trump und Biden ist in dieser Hinsicht tatsächlich eine Schicksalswahl. Wird Biden der 46. Präsident der Vereinigten Staaten, muss er die Spaltung überwinden, Brücken bauen, Verständigung schaffen – um der Rettung der Demokratie willen. Bekommt Trump eine zweite Amtszeit, wird ausgerechnet in den USA die Zerstörung der Demokratie voranschreiten.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Comfreak, Pixabay License

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


'Schicksalswahl für die Demokratie' hat einen Kommentar

  1. Avatar

    1. November 2020 @ 19:14 Traugott Hübner

    sehr guter Kommentar: Schicksalwahl ist zutreffend, aber es droht nicht nur Demokratieabbau sondern auch 4 Jahre weiterer verhängnisvoller Stillstand der Klimapolitik

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