Impfung gegen Corona

Spannend und brandgefährlich – Die Sache mit dem Impfstoff

Mit einer sensationellen Geschichte wartete vor wenigen Tagen ARD- online auf. Da hieß es: „Deutschland will sich `bis zu 100 Millionen` Dosen des Biontech-Impfstoffs sichern, so Gesundheitsminister Spahn. Dabei sieht der EU-Verteilungsschlüssel nur 56 Millionen Dosen vor. Gibt es heimliche Deals?“ Konkrete Vereinbarungen seien unklar geblieben, schrieben die investigativen Leute der ARD online und viele „Aussagen widersprechen sich“. 

Passiert war folgendes. Der Bundesgesundheitsminister war recht vollmundig aufgetreten, hatte erklärt, er strebe 100 Millionen Dosen Biontech-Impfstoff für Deutschland an, er bekam aus Brüssel von einer ersten Tranche in Höhe von 300 Millionen Dosen lediglich 56 Millionen zugesagt. Warum das „intransparent“ sein und warum es „heimliche Deals“ geben soll, blieb das Geheimnis der Schreibenden. Was zurück bleibt, das ist Vermittlung eines Gefühls fehlenden Schutzes und der Geheimniskrämerei. Brandgefährlich in heutigen Zeiten.

Gleichwohl ist der Themenkreis spannend. 56 Millionen Mal wird der Impfstoff im ersten Anlauf in Deutschland  verwendet werden. Man spricht heute ja von „verimpfen“. Das Präfix „ver“ ist modisch, ebenso das Präfix „be“ – man spricht beispielsweise jetzt von „beschulen“ statt von „zur Schule gehen“;  damit will ich diese Nebenbemerkung be-enden und mich weiteren Ärgernissen ver-schließen.

Es werden 60 Impfzentren in Deutschland eingerichtet werden, die mit den entsprechenden Materialien aus neun Versorgungszentren beliefert werden. Zu lesen ist, dass ein Impfzentrum  am Tag 4000 Impfungen vornehmen können soll. Rechnet man mit dieser Zahl, könnten in jeder Woche an sechs Tagen knapp 1,5 Millionen Menschen geimpft werden. So könnten, dieser Rechnung folgend, die 56 Millionen  Dosen locker verwendet werden. Binnen eines Jahres. 1, 3 Milliarden Dosen könnten laut Hersteller Pfizer 2021 weltweit produziert werden. 

Der Biontech-Pfizer Impfstoff hat einen gravierenden Nachteil: Er muss tief gekühlt gelagert und transportiert werden. Vakzine der Biotech- Art (Messenger RNA- Linie) müssen bei 70 Grad minus sehr tief gekühlt werden. Zum Vergleich: An Kühlketten gebundene  Arzneimittel sind bei Temperaturen zwischen 2 und 8 Grad plus zu lagern; lediglich „kühl zu lagernde“ Medikamente auf Zimmertemperatur. Allerdings herrscht auf diesem Feld mitunter Wirrwarr, denn Medikamente werden auf der Packung als kühl zu lagernd beschrieben, auf der Produkt-Übersicht von Pharmas, dem Stammartikel aber als Kühlkette- gebunden.

Die Tiefkühlung wird in Deutschland  schon nicht einfach zu verwirklichen sein. Aber in Entwicklungsländern solche Kühlketten einzurichten, das ist sehr schwierig. Daher werden sich manche Länder auf Impfstoffe zur Bekämpfung des Covid 19-Virus konzentrieren, die keine Tiefkühlung erfordern. Auch solche sind in der Findungs- und Erprobungsphase.

Was da rasch in Gang gesetzt wird, ist ein forscherisches, medizintechnisches, logistisches Vorhaben mit einem Aufwand an Fachpersonal, wie es das in der Menschheitsgeschichte noch nicht gegeben hat. Die US-Regierung will 4,5 Milliarden Impfdosen  einkaufen, Indien mehr als 1,5 Milliarden und Rotchina drei Milliarden Dosen. Außerdem sollen die weniger entwickelten Länder in Asien, Afrika, südamerikanische Länder und die in Europa ausreichend versorgt werden. Ein gigantisches Vorhaben also.

Ein kompliziertes außerdem: Forschen und entwickeln ist das eine. Der „Stoff“ muss produziert, portioniert, abgefüllt, gelagert werden. Es müssen genügend Spritzen und Desinfektionsmaterial da sein,  ausreichend geschultes Personal, Lastwagen, Flugzeuge. Die NZZ(Neue Zürcher Zeitung) schrieb, dass heute bereits im Stammwerk des Herstellers Lonza in Visp, mit 8000 Einwohnern im Kanton Wallis gelegen, ab Dezember 300 Millionen Dosen pro Jahr hergestellt werden sollen. Der Wirkstoff werde dann tief gekühlt per Speziallastkraftwagen nach Rovi in Spanien gebracht, dort weiter verarbeitet, um anschließend versandt zu werden.

Warum eine vielleicht dusslige Meinungsmache „brandgefährlich“ sein könnte, werden sie sich fragen. Weil es Leute gibt, die sich ermuntert sehen könnten. Aus einer – ohne durch persönliche Beleidigungen aufgeladene – Mail an Bundestagsmitglieder :„Sollten Sie sich nicht umgehend für die vollständige Wiederherstellung der Grundrechte und den Erhalt der Demokratie einsetzen, gehe ich davon aus, dass Sie auch ein Profiteur des weltweiten Wirtschaftskrieges und der Pharmaindustrie sind, die totale Überwachung anstreben sowie – ganz entgegen der Behauptungen der Regierung – sich nicht um die Gesundheit und das Wohl des Volkes sorgen. Die Wahrheit kommt irgendwann ans Licht und alle „Schuldigen“ und „Mitschuldigen“ werden zur Rechenschaft gezogen.“

Deshalb das Wort „brandgefährlich“. Der Name der Schreiberin ist dem Blog der Republik übrigens bekannt.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Alexandra_Koch, Pixabay License

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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


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