Helmut Kohl, 1987

Stückwerk: Kohl-Allee in Bonn

Bis zur Wiedervereinigung Deutschlands war Bonn Bundeshauptstadt. Hier stand die Wiege unserer Republik: Im Museum König wurde unser Grundgesetz geschrieben. Seit 1949 wurde hier regiert mit den Kanzlern Adenauer, Erhard, Kiesinger, Brandt, Schmidt und Kohl sowie Schröder an der Spitze. Bonn war Sitz des Bundestages und Bundesrates.

Abschied von der Bonner Republik

Über Jahrzehnte hat die Stadt am Rhein von diesem Politbetrieb profitiert. In der langen Zeit der Teilung unseres Vaterlandes galt Bonn immer als Provisorium und Berlin als die alte Hauptstadt, die im glücklichen Falle der Einheit Deutschlands auch als die neue Metropole revitalisiert werden sollte. Als 1990 dieser nationale Glücksfall, den zuvor viele für illusorisch und ausgeschlossen gehalten hatten, Realität wurde, flammte gar ein Kampf um Bonn und Berlin auf. Die Mehrheit der Abgeordneten des Bundestages votierte für Berlin, Bonn wurde zur Bundesstadt und erhielt per Vertrag viele Zusagen. Eine Reihe von Ministerien blieb am Rhein, einige Bundesbehörden behielten ihren Sitz in Bonn, einige zogen hierher um.

Kleinkariertes Gerangel im Stadtrat

 Es war der Bundeskanzler Helmut Kohl, der sich mit dem Bonn-Berlin-Vertrag für Bonn ganz stark engagierte. Immer wieder hob er hervor, dass hier am Rhein die Wiege unserer Demokratie stand, dass hier unsere Republik gegründet wurde. Bonn hat ihm sehr viel zu verdanken: Die Museumsmeile mit dem Haus der Geschichte und dem Kunstmuseum beweist bis heute dieses Engagement Kohls für die Stadt am Rhein. Doch viele Bonner haben vergessen, dass Erinnerung der Dank des Herzens ist. In geradezu kleinkarierten Debatten wurde lange Zeit im Rat der Stadt diskutiert, eine Straße oder einen Platz in Bonn nach Helmut Kohl zu benennen. Und das, obwohl viele Namen früherer, zum Teil weniger bekannter und verdienter Politiker auf den Ortsschildern prangen.

Nun endlich hat die Stadt entschieden, ein Teilstück der Bundesstraße 9 nach dem Altkanzler zu benennen. Dieser Abschnitt liegt zwischen der Genscherallee und dem Helmut-Schmidt-Platz. Damit haben die Ratsfrauen und -herren es geschafft, dass nicht viele Anwohner ihre Adressen ändern müssen. Am 15. August wird der Oberbürgermeister der Stadt Bonn, Ashok Sridharan, gemeinsam mit der zuständigen Bezirksbürgermeisterin das Straßenschild „Helmut-Kohl-Allee“ enthüllen. Nicht allzu viele, die dieses Straßenstück in Zukunft befahren, werden dadurch animiert, sich wenigstens für einen Augenblick an den Kanzler der Einheit und an den großen Europäer zu erinnern. Ein Bonner Glanzstück ist das indessen nicht.

Bildquelle: Bundesarchiv, B 145 Bild-F074398-0021 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0

 

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Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


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