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Wählerwanderungen – Mal real und nicht relativ betrachtet

Die landläufige Betrachtung von Wahlergebnissen verdeckt mehr als sie aufdeckt, aufweist und erklärt. An den Ergebnissen der beiden Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz lässt sich dies gut erläutern. Beide Wahlen fielen auf denselben Tag, den 14, März 2021, die vorausgegangenen Wahlen waren auf den 13. März 2016 gesetzt worden.

Das Grundübel besteht darin, dass den  Interessierten vor den Bildschirmen und Displays, Zeitungen und Radiogeräten stets und ständig lediglich Relativzahlen  geliefert werden; also Zahlen die Verhältnisse zwischen den konkurrierenden Parteien angeben. Fulminant wird der Wahlsieg der Partei die Grünen/Bündnis ´90 lediglich im Verhältnis zu den anderen, zur Konkurrenz. Tatsächlich haben die Grünen real am 14. März 2021 in Baden-Württemberg fast 40 000 Wählerinnen und Wähler im Vergleich zu 2016 verloren. Der Wählersaldo der Kretschmann- Partei ist demnach im Vergleich zu  2016 negativ. Das ist der Grundtatbestand, auf dem sich das fulminant aufbaut.

Wie dramatisch es in Baden- Württemberg  für die CDU aussieht, machen erst richtig die absoluten Zahlen deutlich: ein Minus von knapp 280 000, was bedeutet, dass jeder Fünfte, der 2016 bei C- Politikern oder Politikerinnen ankreuzte  2021 der CDU die kalte Schulter  gezeigt hat.

Das ist die Realität, nicht der „Absturz“ von 27 auf 24 Prozent in Relation zur Konkurrenz.

Auch der grandiose Wahlsieg der wirklich fulminanten Wahlkämpferin Malu Dreyer verdeckt, dass die SPD in Rheinland-Pfalz im Vergleich zu 2016 etwa 82 000 Wählerinnen und Wähler  verloren hat. Die Partei mit dem Herrn Baldauf an der Spitze verlor 142 000 Wählerinnen und Wähler,  die AfD 108 000, die FDP noch 25000 und die Linke 11000.

Gewonnen haben die Grünen mit einem Plus von knapp 70 000, die Freien Wählergemeinschaften mit 99 000 und die unter dem Sammelbegriff „Sonstige“ zusammengefassten „Kleinen“ mit über 50 000 Stimmen. In Baden-Württemberg sammelten die „Sonstigen“ immerhin 213 000 Stimmen mehr ein als 2016, nämlich 413 000, nur 120 000 weniger Deutschlands älteste Partei im „Ländle“. Insgesamt gingen in beiden Ländern weit über 700 000 Stimmberechtigte weniger zur Wahl als 2016.

Was ist da passiert?

Infratest – Dimap hat am Wahlabend berichtet, dass die Sozialdemokratie herbe Rückgänge zu verzeichnen habe, was die Kompetenzzuweisung im Sektor Soziales betreffe. Für die CDU ergibt sich Ähnliches im Sektor Wirtschaft.

Wahlentscheidungen hängen daher ausweislich der beiden Landtagswahl-Resultate an herausragenden Persönlichkeiten, die

  • Sympathie und Autorität verkörpern;
  • die so sprechen, dass eine fiktive Nachbarschaft begreift, was sie von denen hat, die da reden,
  • die keinen Dünkel mit sich tragen.

Damit meine ich: Wer mit Frau Dreyer redet, der weiß, dass es für sie kein oben gibt, zu dem sie gehört und ein unten, zu dem Gesprächspartner zählen. Das kann Mensch übrigens lernen.

Ich bin sicher, dass das Wahlen vorausgehende und Wahlen nachlaufende „Schnittstellengerede“ nichts taugt. Das ist etwas für Funktionärskasten ohne Bindung zum „Volke“. Menschen interessiert, ob Menschen zueinander passen, und ob Koalitions- Partner in der Lage sind, sich gegenseitig vor Fehlern zu bewahren sowie Fehler auszugleichen. So gesehen sind einige an der Spitze der SPD „Fehlbesetzungen“.

Es ist ein Irrtum, zu meinen die AfD sei auf dem Abstieg. Tatsache ist vielmehr, dass diese Partei sich eine Anhängerschaft verschafft hat, die zu dieser Partei steht und die bei Wahlbeteiligungen bis 70 Prozent an die zehn Prozent heranreicht.

Mein letzter Hinweis gilt den „Sonstigen“. Offenbar ist ein durchaus ernstzunehmender Teil des Wahlvolks in wachsendem Maße bereit, politisch „Neues“ beziehungsweise neben Hauptlinien liegendes zu probieren. Dies kann eine Erkenntnis bergen, die lokalen, an die neuen Kommunikationsmöglichkeiten gebundenen Bewegungen entspringt: Man benötigt keine historisch gewachsene Struktur mehr, das Internet bietet Mobilisierungsmöglichkeiten, von denen man vor einigen Jahren nur träumen konnte.

Damit korrespondiert der Bedeutungsverlust früherer „Einflussnehmer“ wie Kirchen, Gewerkschaften etc.

Also lasst die Guckerei auf das Verhältnis zwischen Grün und Rot und Blau und Schwarz sein. Schaut auf die realen Zahlen, hinter denen Wünsche und Enttäuschungen, Hoffnungen und Wut real existierender Leute stehen. Die sind da, warten auf Erwiderung, Antworten, Gegenrede und Unterstützung.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Free-Photos auf Pixabay License

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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


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