Fernwasserversorgung

Weshalb Fernwasserversorgung in Zeiten des Klimawandels immer wichtiger wird.

„Wie soll die ortsnahe Wasserversorgung gesichert werden, wenn die lokalen Ressourcen schwinden?“ Diese Frage stellen sich zunehmend Wasserversorger und (vermutlich) Politiker in Bayern und Baden-Württemberg. Sowohl im Norden Bayerns wie auch im ähnlich kleinteilig strukturierten Baden-Württemberg gilt es daher über neue Strategien und Kooperationen nachzudenken. Im Mittelpunkt dieses Prozesses stehen die Fernwasserversorger. Nicht nur die Bodensee-Wasserversorgung rüstet sich bereits für die Zukunft. Der größte Versorger des Landes hat soeben ein Zukunftsprojekt vorgestellt und höhere Preise angekündigt. Da lohnt es sich, mal etwas genauer hinzuschauen. 

Versorgungssicherheit ist kein Zufallsprodukt

Der Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung liefert an seine 183 kommunalen Mitglieder, das ist etwa jeder zehnte Wasserversorger des Landes, rund 137 Millionen Kubikmeter Trinkwasser aus dem gleichnamigen See. Damit werden vier Millionen Menschen, mehr als jeder Dritte Bürger des Landes, mit Trinkwasser versorgt. Verteilt wird das Wasser dann von den Kommunen oder ihren beauftragten Wasserversorgern. Das war schon immer so. Aber es verändert sich etwas im „Ländle“. Der Klimawandel bedroht die lokalen Quellen und fordert mehr Sicherheit für die Daseinsvorsorge. In weiten Teilen Süddeutschlands sind die lokalen Wasserressourcen auf Kluftsysteme im Festgestein mit geringer Speicherfähigkeit bzw. saisonaler Ergiebigkeit beschränkt. Damit steigen auch die Anforderungen an die Leistungsfähigkeit des Vorlieferanten und Fernwasserversorgers Bodensee-Wasserversorgung. Ein Beispiel: Die annähernd 1.700 Kilometer Rohrnetze nähern sich dem Ende ihre Lebensdauer. Eigentlich nichts Besonderes, auch andere müssen investieren, immerhin sollten bei regelkonformer 1%iger Reinvestitionsquote die Netze bis zu 100 Jahre halten. Aber wenn alle Anlagen zum gleichen Zeitpunkt auf ihr Nutzungsdauer-Ende zulaufen, dann kann es schon kritisch werden. Wer jetzt seine Anlagen nicht aus dem „Effeff“ kennt, der hat ein Problem – auch wenn er es noch nicht sieht. Angesichts der Klimawandels und der kritischen Infrastruktur gewinnt das Thema „Ausfallsicherheit“ im sonst so sparsamen „Ländle“ immer mehr an Bedeutung. In die Versorgungssicherheit wird aber investiert werden müssen. Schließlich hängen nicht nur Menschen, sondern auch eine starke Industrie von den Trinkwasserlieferungen aus dem Bodensee ab. Da hat ein Rohrbruch dann doch eine andere Dimension und gravierendere Auswirkungen, als die Leckage in einem gemeindlichen Ortsnetz. 

Der Bodensee unerschöpflich?

Ein zweites Beispiel: Der Klimawandel wirkt sich nicht nur auf die Sicherheitsanforderungen, sondern auch auf den Wasserbedarf aus. Angesichts der höheren Temperaturen in den Sommermonaten 2018 und 2019 verzeichnet die Bodensee-Wasserversorgung – wie auch andere – eine steigende Nachfrage nach Trinkwasser. Auch wenn die Verbandsmitglieder immer mehr Wasser benötigen, wie es heißt, hier kann Entwarnung gegeben werden. Mengen-Engpässe dürften nicht zu erwarten sein. Von den 11,5 Milliarden Kubikmeter Wasser, die jährlich in den Bodensee aus dem Rhein in den Bodensee fließen, entnimmt der Versorger aus den 60 Meter tiefen Brunnen gerade rund 0,25 Milliarden Kubikmeter. Täglich sind es 670 Millionen Liter, die aufgrund internationaler Vereinbarungen entnommen werden dürfen. „Weitaus durstiger sei die Sonne“, erklärte mir Geschäftsführer Michael Stäbler in einem Telefonat. Es ist also anders als bei den lokalen Brunnen genügend Wasser vorhanden. Und dennoch: wenn der Wasserbedarf weiter steigt, dürfen auch die Entnahmerechte zur Diskussion stehen.

Wenn die Systeme nicht ausreichen

Ein drittes Beispiel: Obwohl der Bodensee von Wasserknappheit nicht bedroht sein wird, so sind die Rohrnetze die Engpässe. Nicht einmal ihr Zustand ist das Problem, sondern ihre Dimensionierung und die Vorratshaltung. In immer stärkeren Maße verlassen sich die angeschlossenen Wasserversorger auf ihren Vorlieferanten. Vermutlich wird der eine oder andere auch schon mal über den Hochbehälter-Neubau nachdenken und sich dann doch auf den Vorlieferanten verlassen. wenn die lokalen Versorger ihren eigenen Brunnen vertrauen und dann plötzlich mit nachlassender Ergiebigkeit konfrontiert sind, beziehen sie das Wasser von ihrem Vorlieferanten – häufig über die vertraglich vereinbarte Bezugsmenge hinaus. Das bringt nicht selten dessen Systeme – und Energiekosten – unter Druck. Abgesehen davon mehren sich wie bei anderen deutschen Fernwasserversorgern, so auch bei der Bodensee-Wasserversorgung, Anfragen aus neuen Gemeinden, die der Solidaritätsgemeinschaft beitreten möchten. Mit diesen Anschlüssen – mal unterstellt, sie sind überhaupt noch möglich und von den anderen Mitgliedern gewünscht – sind wiederum erhebliche Investitionen verbunden. Das Umweltministerium erklärt in einer Stellungnahme auf einen Antrag der CDU zur Zukunftssicherung der Wasserwirtschaft, „Es ist davon auszugehen, dass die Mitgliederzahlen der Fern- und Gruppenwasserversorger mittel- und langfristig ansteigen werden, weil insbesondere ortsnahe Wasservorkommen aus Quellschüttungen bedingt durch den Klimawandel nicht mehr ausreichen und die Versorgungssicherheit durch ein zweites Standbein verbessert wird. Ziel der Landesregierung ist es dabei, ortsnahe Wasservorkommen vorrangig zu erhalten und die Versorgungssicherheit durch interkommunale Kooperationen zu erhöhen.“ Interkommunale Kooperationen bedeuten Verbundleitungen zur Absicherung der lokalen Systeme. 

Sicherheit hat ihren Preis

Damit wären wir beim vierten Beispiel: Die wirtschaftlichen Herausforderungen. Alle Investitionen münden folgerichtig auch in Preisen. Da unterscheiden sich Fernwasserversorger nicht von anderen Betrieben. Wohl aber stellt sich hier die Frage, ob deren Preissysteme noch zeitgemäß sind. Denn wie erklärte der Geschäftsführer der Landeswasserversorgung, dem kleineren Bruder der Bodenseewasserversorgung, „Eine wirtschaftliche Herausforderung liegt in den bisherigen Preis- und Umlagesystemen mit Betriebskosten- und ggf. Festkostenumlage bei bestehenden Bezugsrechten, da diese Systeme keine leistungsbezogenen Komponenten enthalten.“ Was das bedeutet, ist eigentlich ganz einfach. Wenn alle zur gleichen Zeit Wasser benötigen, was in Hitzetagen und wichtiger noch Stunden sehr wahrscheinlich ist, dann kann es eng werden in den Werken und Rohren. Damit das nicht passiert oder das System gar zusammenbricht, müssen die Fernwasserversorger in die Absicherung der Leistung investieren (das hatte wir schon). Das sollte sich dann auch in den Preisen wiederfinden und von jenen Abnehmern gezahlt werden, die ihre Abnahme zeitlich nicht verlagern wollen oder können. Denn, „Versorgungssicherheit und Qualität haben ihren Preis“. Wir haben das in einem anderen Zusammenhang einmal „Atypische Systemnutzung“ genannt. Auch in der Energieversorgung ist das bekanntlich ein zunehmendes Problem. Kurzum: Um die Kosten verursachungsgerecht und weiterhin solidarisch umzulegen zu können, brauchen die Fernwasserversorger überall in Deutschland geeignete Preissysteme, die die Kosten derartigen Leistungsvorhaltungen für die Spitzenbedarfe gerecht weitergeben. Die Technik dafür ist bereits vorhanden: digitale Wasserzähler. Diese können nicht nur die Punktwerte am Jahresende, sondern die Wasserabnahme in kleinsten Zeitabschnitten aufzeichnen und somit valide Daten für die Abrechnung liefern. Mehrere Fernwasserversorger arbeiten gerade an derartig innovativen Preissystemen. Letztendlich profitieren alle Kunden von der Verursachungsgerechtigkeit bei typischen und atypischen Abnahmeverhalten, der Kostendeckung, von der Flexibilität aufgrund sich verändernder Abnahmemengen und Vertragsverhältnisse sowie einer höheren Planungssicherheit. 

Kommt der ‚Masterplan Wasserversorgung‘ zu spät?

Investitionen in die Wasserversorgung sind ein Generationenprojekt. Wir sehen uns in der Verantwortung, Trinkwasser nicht nur heute bereitzustellen, sondern auch für künftige Generationen vorausschauend zu planen und zu bauen. Unterstützung erwarten wir hier von den Ergebnissen des ‚Masterplans Wasserversorgung‘, den das Land Baden-Württemberg Anfang 2019 aufgelegt hat und der aktuelle und relevante Daten und Prognosen zur Entwicklung des Trinkwasserbedarfs liefern wird,“ so Christoph Jeromin, technischer Geschäftsführer der Bodensee-Wasserversorgung. Nur leider wird der Verband nicht so lange warten könne, bis die Ergebnisse dieses Masterplans vorliegen. Erst in fünf Jahren soll das der Fall sein, hört man aus dem Umweltministerium. „Hitze und Trockenheit haben im vergangenen Jahr sehr deutlich vor Augen geführt, dass der Klimawandel auch unsere Wasserversorgung beeinträchtigen kann“, sagten die zuständigen Minister für Umwelt, Franz Untersteller, und für Verbraucherschutz, Peter Hauk, bei der Ankündigung des „Masterplans“. „Die Kommunen sind aufgerufen, sich frühzeitig mit möglichen Klimaauswirkungen zu befassen und sich vorzubereiten. Dabei wird der Masterplan eine wichtige Datengrundlage sein.“ Wieder einmal sind die Kommunen aufgerufen. Leider dürfte das für einige Planungen und Investitionen zu spät sein. Ähnlich wie in einigen anderen Bundesländern, so zeigt sich auch hier, dass bei der großräumigen Absicherung der kommunalen Trinkwasserversorgung das Land eine stärkere Rolle einnehmen muss. Vielerorts scheinen die Datengrundlagen zu fehlen. Aber auch bei der Finanzierung von Sicherungsmaßnahmen tritt Merkwürdiges zu Tage. Ähnlich wie in Bayern beim RZWas2018, sind auch in Baden-Württemberg Fernwasserversorger von staatlichen Mitteln für die Sicherstellung der Daseinsvorsorge Trinkwasserversorgung ausgenommen. 

Bodensee-Wasserversorgung erhöht den Wasserpreis

Wer den Text bis hierhin gelesen haben wird, der dürfte nicht überrascht sein, dass die Bodensee-Wasserversorgung eine Preiserhöhung angekündigt hat. Die Bodensee-Wasserversorgung plant für das Jahr 2020 mit Investitionen in Höhe von 35,5 Millionen Euro, die etwa je zur Hälfte im Leitungsnetz und in den technischen Anlagen im Bodensee-Wasserwerk in Sipplingen anfallen werden. Für das Jahr 2020 plant der Verband daher mit einer mittleren Umlage, d.h. einem durchschnittlichen Wasserpreis von 63,7 Cent pro Kubikmeter Trinkwasser – das sind 2,9 Prozent mehr als im Vorjahr.   Da weitere Preissteigerungen bei dem erforderlichen Investitionsprogramm für Sicherheit und Qualität unvermeidbar sein werden, kann es nicht überraschen, dass Michael Stäbler, der kaufmännische Geschäftsführer, ankündigt: „Um die zuverlässige, unterbrechungsfreie Trinkwasserversorgung aus dem Bodensee weiterhin zu gewährleisten, kommen hohe Investitionen auf den Verband zu. Diese werden in späteren Jahren moderate Preissteigerungen für unsere 183 Verbandsmitglieder mit sich bringen.“

Quo vadis Fernwasserversorgung?

In dem Maße wie sich die lokalen Wasserversorger mit dem Erschöpfen oder der Aufgabe ihrer örtlichen Wasserdargebote konfrontiert sehen, werden sie verstärkt auf Kooperationen setzen. Da vermutlich auch die Nachbarn in den Regionen ähnliche Auswirkungen des Klimawandels verspüren werden, dürften regionale Kooperationen anfällig bleiben und letztendlich zu teuer sein. Da helfen auch Fördermittel für die Verbundsysteme nur wenig. das ist – um bei dem Bild zu bleiben – ein Tropfen auf dem heißen Stein. Fernwasserversorger, die auf ein Netzwerk an Brunnen wie in Franken oder auf Stauseen oder den Bodensee zugreifen können, haben eine deutlich höhere Flexibilität und Sicherheit zu bieten, als es kleine Verbünde vermögen. Es ist bekannt, dass das Wasserhaushaltsgesetz und die Landesgesetze den Bezug aus „örtlichen Vorkommen“ den Vorrang einräumen, aber nicht nur Juristen wie Professor Reinhardt fragen, ob das Ortsnäheprinzip für die Wassergewinnung und Wasserversorgung in Zeiten des demographischen und klimatischen Wandels nicht ein Auslaufmodell ist. Sicher werden Fragen wie Wasserschutzgebiete, Resilienz der Systeme und Dargebote, EU-rechtliche Anforderungen und vieles mehr zu berücksichtigen sein, aber wir müssen uns auf die neuen Herausforderungen frühzeitig einstellen und viele Paradigmen in der Wasserwirtschaft in Frage stellen. Da wird vom mancher ‚Masterplan‘ zu spät kommen. Bei der Finanzierung werden die Gesellschaft und die Verantwortlichen alsbald merken, dass Sicherheit und Qualität ihren Preis haben. Auch hier bedarf es mehr Innovation. Damit soll Preiserhöhungen nicht Tür und Tor geöffnet werden, sondern ganz im Gegenteil, mit Preissystemen, die den Anforderungen an Flexibilität und Sicherheit gerecht werden, können die Kosten verursachungsgerechter verteilt werden. Es ist an der Zeit für derartige Umstellungen. Viele Stadtwerke und lokale Wasserversorger haben diesen Weg vor 10 Jahren eingeschlagen, jetzt sollte auch die Fernwasserversorger folgen.

Weiterführendes/Quellen

Bildquelle: Pixabay, Erik Lyngsøe, Pixabay License

Erstveröffentlichung auf dem Blog des Autors www.lebensraumwasser.com

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Siegfried Gendries

Als Umweltökonom der Rheinisch Westfälischen Wasserwerksgesellschaft verfügt Gendries über langjährige Erfahrung im Infrastruktursektor. Damit setzt sich der Blogger für die richtige Balance bei Wasserthemen ein.


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