Das Chaos ist in Sicht. Und Friedrich Merz in der Gefahr, sich in eine große, unrühmliche Tradition von Kanzlern und CDU-Vorsitzenden einzureihen: Eine Bundespräsidentenwahl zu versemmeln. Von Konrad Adenauer über Helmut Kohl bis zu Angela Merkel – im Umgang mit dem höchsten Amt im Staat waren sie alle nicht trittsicher.
Legendär die Geschichte, wie es Adenauer 1959 zum Verschiebebahnhof degradierte mit dem alleinigen Ziel: den ungeliebten Konkurrenten und Wirtschaftsminister Ludwig Erhard auszuschalten. Erst brachte er sich selbst ins Gespräch für das Präsidentenamt, zog dann zurück, sorgte für Chaos und musste schließlich akzeptieren, dass aus der Not geboren, der Sauerländer und Landwirtschaftsminister Heinrich Lübke in die Villa Hammerschmidt einzog. Lübke blieb in Erinnerung als ein Präsident, dem fehlte, was für das Amt unabdingbar ist: rhetorische Begabung. Jenseits dieses Mangels war er indes ein sehr politischer Präsident, da er sich in seiner zweiten Amtszeit ab 1964 unverhohlen für die Öffnung zu einer großen Koalition der beiden Volksparteien einsetzte.
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Spannend und voller Spannungen war das Verhältnis zwischen Richard von Weizsäcker, einem der angesehensten Bundespräsidenten, und Bundeskanzler Helmut Kohl. Der hatte 1984 die Kandidatur Weizsäckers zu verhindern versucht und wollte stattdessen den niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht ins Rennen schicken. Als der absagte, kämpfte Weizsäcker offen um seine Kandidatur, richtete quasi ein Bewerbungsschreiben an den CDU-Vorsitzenden Kohl und den CSU-Vorsitzenden Franz-Josef Strauß und wurde im Mai 1984 gegen den ursprünglichen Willen Kohls gewählt. Gedeihlich und eng wurde die Zusammenarbeit zwischen den beiden Christdemokraten im Kanzler- und Präsidialamt nie. Umso schmerzhafter für Kohl, dass er eine zweite Amtszeit Weizsäckers akzeptieren musste, weil sich ausgerechnet der SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel frühzeitig dafür aussprach, den Präsidenten wiederzuwählen. Zähneknirschend musste Kohl das ertragen.
Und wollte sich das Desaster mit einem ungeliebten Präsidenten nicht noch einmal antun. Frühzeitig sondierte er die Nachfolgefrage. Für einen kurzen Moment hätte er sich sogar den Sozialdemokraten Johannes Rau vorstellen können. Jedenfalls soll er Rau die Kandidatur angeboten haben, zog dann aber zurück und präsentierte den sächsischen Justizminister Steffen Heitmann als Wunschkandidat. Wieder ohne Erfolg. Als Heitmann wegen konservativer bis reaktionärer Äußerungen zu Ausländern und multikultureller Gesellschaft angegriffen wurde, schien es nicht mehr sicher, ob die FDP ihn bei der Präsidentenwahl 1994 mit wählen würde. Heitmann zog zurück. Kohl stand ohne Kandidat da. Der CSU-Vorsitzende Theo Waigel rettete die Situation, indem er den Verfassungsschutzpräsidenten Roman Herzog ins Gespräch brachte und Kohl vor einer Blamage bewahrte.
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Viel Glück hatte auch Angela Merkel nicht, wenn es um die Wahl des ersten Bürgers im Lande ging. 2004, als sich das Ende der rot-grünen Koalition abzeichnete, machte sie sich mit FDP-Vorsitzendem Guido Westerwelle auf die Suche nach einem Kandidaten. Für viele in der CDU war Wolfgang Schäuble als Kandidat gesetzt. Doch Merkel und Westerwelle entschieden sich für Horst Köhler, den Direktor des Weltwährungsfonds. Auf den ersten Blick keine schlechte Wahl. Doch das Verhältnis zwischen Köhler und Merkel erkaltete bald. Nachdem er 2009 für eine zweite Amtszeit gewählt worden war, gab Köhler das Amt im Frühjahr 2010 über Nacht entnervt auf. Anlass war öffentliche Kritik an einem Interview, in dem er sich dafür ausgesprochen hatte, dass auch wirtschaftliche Interessen notfalls militärisch abgesichert werden müssten.
Doch jenseits dieses akuten Ärgers ließ Köhler durchblicken, dass er sich bei seiner Arbeit nicht genügend von der Kanzlerin unterstützt fühlte.
Merkel zögerte nicht lange und brachte zur Überraschung für viele den niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff für das Amt im Schloss Bellevue ins Gespräch. Der hatte sich mit Kritik an der Bundesregierung nie zurückgehalten und keinen Zweifel daran gelassen, dass er sich für die Kanzlerrolle geeignet hielt. Die Vermutung lag für viele nah, dass Merkel sich mit seiner Benennung einen unliebsamen Konkurrenten vom Hals schaffen wollte. Das Schloss Bellevue als „Ablagerungsdeponie“ spotteten manche Kommentatoren. Die Entscheidung endete bekanntlich im Desaster. Nach nicht einmal zwei Jahren trat Wulff im Frühjahr 2012 wegen öffentlicher, aber nie bewiesener und gerichtlich zurückgewiesener Vorwürfe der Vorteilsahme zurück.
Nein, ein glückliches Händchen bei der Nominierung oder Ablehnung von Kandidaten für das Präsidialamt hatten die CDU-Vorsitzenden nur selten. Merz steht da in einer langen Tradition. Und ausgemacht ist zum heutigen Tage nicht, welche Bundespräsidentin oder welchen Bundespräsidenten er bei der Wahl am 30. Januar nächsten Jahres hinnehmen muss. Wie die Geschichte zeigt, waren es nicht immer die Wunschkandidaten der vermeintlichen Herren oder Herrinnen des Geschehens.
Bildquelle: Zeichnung vom Niehler Wochenmarkt: Wolfgang Schieffer (Waldmaler.de)













