Wolfgang Hilbig: Das Provisorium – Gegen das Vergessen

 

Der Autor (1941-2007) gilt als literarische Ausnahmeerscheinung (Michael Opitz), ist mit vielen Preisen bedacht worden, war Büchner Preis-Träger. Seine große Stärke ist die Lyrik. Mit dem Provisorium hatte er kurz nach der Wende einen autobiographischen Roman vorgelegt. Hilbig ist DDR-sozialisiert, hat sich bis zum 40. Lebensjahr als Industriearbeiter verdingt, dabei von Kind auf immer heimlich geschrieben, bevor er sich nach wiederholten Missachtungserfahrungen durch DDR-Verlage und Bürokratie als Schriftsteller eine neue Existenz aufbaute. Das Wort „aufbauen“ bleibt einem im Halse stecken, es trifft nicht. Denn gerade in diesem Wechsel steckt bei Hilbig eine tiefe Problematik. Und ähnlich wie der Schriftstellerkollege Kurt Drawert war auch er ein Grenzgänger zwischen Ost und West, der sich nirgends wirklich zu Hause fühlte (s. Joke Frerichs: Deutsche Zustände; Blog der Republik vom 19. Mai 2017).

Wäre hier nicht ein Sprachvirtuose am Werk, so würde man die Lektüre dieses Buchs an vielen Stellen gerne meiden. Nicht nur wegen der Beschreibung der Alkoholexzesse und ihrer physisch-psychischen Folgen. Es ist weit eher noch das Quälende in der Darstellung der elenden Existenz der Hauptperson C. aufgrund von Angstzuständen, Desorientierung und Minderwertigkeitsgefühlen – das ist schon harter Stoff, welcher einen zeitweise erschaudern lässt. Als Malocher hat er sein Dasein gefristet, bevor er sich als Schriftsteller definierte. In der Normalität des Alltagsgeschehens fühlte er sich deplaciert und fremd. Das Gefühl des Ausgeschlossenseins – vor allem in fremder Umgebung – hat sich in seiner Persönlichkeit derart eingenistet, dass es eine spezifische Haltlosigkeit beförderte und zu ständigen Selbstzweifeln führte.

Wolfgang Hilbigs Roman (2002 erschienen) kreist um ein alles umfassendes Identitätsproblem. C., sein Alter Ego, sagt von sich, sein Leben als Dichter sei auf einer Lüge gebaut. Als Arbeiter war er entfremdet, nicht nur aufgrund der körperlichen Strapazen, auch aufgrund einer sozialen Fremdheit (von sonst üblichen Kollegenkontakten oder gar Solidaritätserfahrungen ist nie die Rede, er war als Arbeiter immer isoliert) hatte er die Fabrik als ihm fremde, feindliche Welt erfahren und innerlich zutiefst abgelehnt. Als Schriftsteller fühlt er sich zwar in seinem Element (seine Texte sind ihm ein und alles, seine einzige Überlebenschance), aber in der Existenzform als öffentlicher Schriftsteller vor allem im Westen – trotz Ehrungen und öffentlicher Resonanz – fühlt er sich nicht wirklich anerkannt. Bei Lesungen, besonders vor einem weiblich-bürgerlichen Publikum, verspürt er Mitleid mit ihm als Form der Herablassung und Kränkung. Seine Selbstzweifel, nicht an seiner Literatur, sondern an seiner Person, an seiner äußeren Grobschlächtigkeit, die so gar nicht dem Bild des feinsinnigen Schöngeists entspricht, projiziert er auf sein Publikum oder die Öffentlichkeit als Zweifel an seiner Authentizität. Diese existentielle Verunsicherung führt so weit, dass er sich selbst infragestellt: Ein Wesen vielleicht, dem nur vorläufig, nur durch Zufall menschliche Gestalt verliehen war (…) eine Fälschung von vorn bis hinten. Wie ist der Widerspruch zu erklären, dass einer wie C. von seinem Schreiben zutiefst überzeugt, jedoch von seinem Selbst, seiner Natur zutiefst entfremdet ist? Sein Dasein als vorläufig definiert, seine Existenz zum Provisorium erklärt? Ja, sich selbst der Falschmünzerei bezichtigt?

Die ganze Verstörtheit des C.  gründet in der ihn umtreibenden wie quälenden Frage nach seiner Identität. Hilbig spricht von seiner verworrenen Nicht-Identität (oder gar Anti-Identität), wenn C. sich wieder einmal im Rahmen einer Lesung einem Publikum präsentiert. Man fragt sich, warum dieser verstörte Autor überhaupt so zahlreichen Einladungen zu Lesungen gefolgt ist, wenn sie doch eine Qual für ihn waren. Finanzielle Gründe spielen anscheinend nicht die Hauptrolle, denn durch die zahlreichen Preise und halbwegs stattlichen Honorare hatte Hilbig keine Geldsorgen. Die Antwort liegt in der ambivalenten Bedeutung, welche Öffentlichkeit für den Autor selbst hatte: sie war nicht nur die Sphäre, vor der er sich am liebsten verkroch, er lechzte auch nach ihr, betete sie an in seinem unstillbaren Hunger nach Anerkennung und Wunsch nach Zugehörigkeit.

Es ist gut nachvollziehbar, wie einschüchternd ein bildungsbürgerlicher Kontext auf jemanden wirkt, der nicht mit dem silbernen Löffel im Mund zur Welt gekommen ist. Aber um zu erklären, warum einer wie Hilbig oder C. – wortgewaltig und gebildet – sich dermaßen minderwertig und ausgeschlossen fühlt, muss seine DDR-Sozialisation herangezogen werden. Er selbst ist es, der diese Identität für minderwertig hält. Und zwar immer dann, wenn er im Westen ist – ob auf Reisen in Paris-Montparnasse (ganz ohne Abstriche, er war wieder das, was er gewesen war, und er war verloren) oder auf Lesungen in westdeutschen Städten. C. hasst das Land DDR, diesen Vorhof der Realität, weil es seine Zeit [zum Schreiben, PF] verschluckt hatte; weil er es als ein auf Lüge gebautes Herrschaftssystem ansieht, das ihn selbst als Lügner hervorgebracht hat; als einen, der sich stets herausredet, der vortäuscht, etwas anderes zu sein, als er wirklich ist; als jemand, der Hass in sich verspürt, der vor allem auch auf sich selbst gerichtet ist. Der Romantitel bezieht sich, aus der Perspektive der Nachwendezeit entworfen, auch auf die DDR-Gesellschaft selbst: ein Provisorium.

Aber bei aller Verachtung des Regimes ist C. auch Bürger der DDR genug, um im Westen keine Heimat finden zu können, einer, der ständig hin und her reist, von Ort zu Ort und wieder zurück nach Leipzig, der ruhelos und getrieben vor sich selbst und seiner Ortlosigkeit flieht, auf und davon, der immer nur vorläufig irgendwo, d.h. auch bei irgendeiner Frau, unterschlüpft, haust, im Provisorium existiert. Kritisch, ja mit Abscheu sieht C. auf das hektische Treiben der auf den Status von Konsumidioten reduzierten Menschen in Städten Westdeutschlands, wo alles im Überfluss zu haben ist. Dem Schein der Warenwelt kann er nichts abgewinnen, es sei denn, dass er den freien Zugang zu Büchern zu schätzen weiß. In den Orten des Westens geht C. jegliches Orientierungsvermögen abhanden, er irrt nachts durch die Straßen ohne Erinnerung, völlig schutz- und ziellos, ohne Halt. Seine einzigen Bezugspunkte sind Bahnhöfe – die Orte des Flüchtigen schlechthin – und Hotels. Das Hotel war die prototypische Behausung für sein Dasein in der Vorläufigkeit.

Das Identitätsproblem, das bisher unter  Aspekten der Existenz – Arbeiter/Schriftsteller – und der geographisch-kulturellen Verortung – Ost/West – zur Sprache kam, ist nicht erschöpfend behandelt ohne das gebrochene Verhältnis von C. zu Frauen, Liebe und Sexualität. Die Frauen im Roman kommen zum einen als Zuhörerinnen bei Lesungen vor, die, da sie einer anderen Klasse angehören, von denen sich C. eher abgeschreckt oder gedemütigt fühlt, als dass er sie als begehrenswerte Geschöpfe wahrnehmen könnte. Zentrale Frauenfiguren sind seine Freundinnen in Leipzig und Nürnberg; zu letzterer (Hedda) verspürt er ein inniges Gefühl, er sieht in ihr nicht nur eine Seelenverwandte, sondern auch das Objekt seiner Begierde. Aber auch diese Beziehung ist – wie alles bei Hilbig – höchst problematisch und fragil. Sein generelles Verhältnis zu Frauen umschreibt der Autor mit der Figur des Tantalos und meint damit ein unstillbares Verlangen nach etwas, das nicht erreichbar ist. Als Sinnbild dieser Unerreichbarkeit könnte, wenn auch auf ganz erbärmlichem Niveau, die Glasscheibe stehen, die in sog. Peepshows den gierig-lüsternen Voyeur von der Erotiktänzerin hinter der Scheibe trennt; C. hat im Westen solche Darbietungen immer wieder aufgesucht, auch an Pornokinos ging er nicht immer vorbei.

Hier tun sich wahrlich Abgründe einer gebrochenen Persönlichkeit auf, die wenn, dann nur noch psychoanalytisch zu erklären sind. Auch die Tatsache, dass Hilbig einerseits von exzessiven sexuellen Begegnungen mit Hedda in der anfänglichen Phase der Beziehung erzählt und sich im selben Roman für umfassend impotent erklärt, jedenfalls wenn er sich im Westen aufhält, bedarf der Deutung. Hier könnte es eher damit zusammenhängen, dass C. sein Umfeld dermaßen feindlich wahrnimmt, dass er weder zur Sexualität noch zum Schreiben in der Lage ist – als hätte man ihn jeglicher Mittel der Selbst-Entäußerung beraubt. Aber erst gegen Romanende – diese autobiographische Anordnung gegen die Chronologie ist reizvoll zu lesen – erfährt man, welche Mechanismen in seiner Lebensgeschichte generiert wurden, die ihn recht eigentlich unfähig gemacht haben zu Gefühlsäußerungen,  Nähe- oder Liebesbeziehungen: Alles, was er selbst gewesen war in diesem früheren Leben, war nach und nach zermürbt, zerpflückt und zermahlen worden … Alle Möglichkeiten, auf Liebe zu reagieren, waren auf ein Nichts zusammengeschrumpft, alles in ihm war auf Abwehr eingerichtet, auf Verbarrikadierung, Verpanzerung, und vor jedem Zugang zu ihm lag ein Labyrinth von Lüge und Betrug.

Am Widerspruch, lieben zu wollen, aber nicht lieben zu können, zerbricht auch die Beziehung zu Hedda. In seiner tiefen Verzweiflung greift C. selbst auf Gott und seinen Gottesglauben (der dem eines Dostojewski oder Rachmaninov entspricht, nicht dem eines gewöhnlichen Kirchgängers) zurück und konstruiert einen Gegensatz von Liebe und Schreiben: Gott hat ihm die Liebe verweigert … weil er ihn zum Schreiben ausersehen hatte. Damit ist die dritte Komponente der Identitätsproblematik angesprochen: Neben dem Zwiespalt zwischen den Existenzformen und der geographisch-kulturellen Verortung ist es der zwischen Schriftstellerei und Liebes- bzw. Nähebeziehungen. In allen dreien steckt eine Widersprüchlichkeit und Unverträglichkeit oder Unvereinbarkeit. Und dazwischen fühlt sich ein C. (oder Hilbig) zerrieben, zerrissen, vernichtet.

Hierin liegt der tiefere Grund für seinen Selbsthass, seine Verstörtheit und seine Verworfenheit. C. hat ein Selbstbild, das einem Schrecken einflösst. Er spricht von sich als Tier, Monster, Bestie, das in ihm steckt, welches das Ergebnis davon war, dass er immer an sich vorbei gelebt hatte. Er schildert sich als heruntergekommen, verwüstet (vom Alkohol), verwirrt, verwahrlost, desorientiert – schonungslos bis zur Ekelschwelle in der Darstellung. Wenn er sein aufgedunsenes Gesicht im Spiegel oder sogar sich selbst im Fernsehen sieht, überkommt ihn Entsetzen (die fahrige Missgeburt, diese Qualle), und seine Stimme zu hören ist ihm ein Graus. Er empfindet sich als lebende Leiche, fühlte schon in jungen Jahren das Eingeschlossensein in einen Sarg.

Man ist an Büchner oder Lenz erinnert, wenn man von diesem unglücklichen Autor C. das folgende liest:

Was war diese Bestie? – Sie war sein Dasein: sein Dasein ohne Herkunft, sein Leben ohne Geschichte …

Die Leere hat mich ausgeatmet und an die Luft gesetzt, und sie hockt unsichtbar vor mir und gähnt, die Bestie, und sie kann mich in jedem Augenblick wieder einatmen. Und ich bin ihr gefolgt (ich habe meinen Tanz aufgeführt vor ihr) … sie hat mir einige Seiten verstattet, einige Abbilder ihrer ästhetischen bestialischen Majestät … ein paar Blitze fernen Glücks, die durch die Leere gezuckt sind. Dies habe ich zu Papier gebracht und es danach verbrannt, im Küchenofen der rauchgebräunten Küche verbrannt oder, später, in der Öffentlichkeit verbrannt. So bin ich tatsächlich ein Mann gewesen, der mit dem Feuer umgegangen ist, und davon sind mir eine Dürre und ein riesenhafter Durst gewachsen …

Das Zitat ist eines der Beispiele, die von der schriftstellerischen Größe dieses Autors zeugen.   Dieser Roman ist aber auch ein Dokument über die Tragik von biografischen Brüchen und Identitätskonflikten, in die viele Bürger*innen der DDR durch die Wende hineingeraten sind, denen es nur nicht möglich war, derart radikal darüber zu berichten. Das war Intellektuellen (Schriftsteller*innen, Künstler*innen, Wissenschaftler*innen) „vorbehalten“, weil es ihr Metier und ihre Aufgabe ist, darüber zu reflektieren. Und sei es in dieser erschütternden Radikalität, wie Wolfgang Hilbig (oder auch Kurt Drawert in seinem Roman Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte) es getan hat.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Peter H,  Pixabay License 

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Petra Frerichs

Dr. Petra Frerichs, Studium der Literatur- und Sozialwissenschaften, schreibt über Literatur (und Kunst), am liebsten gegen das Vergessen von guten alten Sachen.


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