Reichstag

30 Jahre Einheit und (k)ein bisschen weiter? – Ein Blick auf Berlin 

 

30 Jahre ist es her, seit die Bürger in Leipzig und Ostberlin unter großem Risiko auf die Straße gingen und gegen die SED-Diktatur zu demonstrieren, um mehr Freiheiten für sich zu fordern, Meinungs-, Versammlungs-, Pressefreiheit, die Freiheit zu verreisen, wohin man wolle, nicht nur in den Ostblock. Wir sind das Volk, riefen sie und boten dem Regime, der Stasi und der Volkspolizei die Stirn. Kerzen waren, wenn Sie so wollen, ihre einzigen Waffen, die Volkspolizei schaute zu und traute sich nicht, mit wenigen Ausnahmen ließ man den Knüppel beiseite und die Panzer in den Kasernen. Am 9. November war dann der Schluss- oder besser Höhepunkt, die in den Augen von Millionen Bürgern der DDR verhasste Mauer wurde geöffnet und fiel dann. Wie auch später der Eiserne Vorhang. Auch dank eines Michail Gorbatschow, das soll und darf nie vergessen werden.

Aus „Wir sind das Volk“ wurde „Wir sind ein Volk“, was vielleicht folgerichtig war, aber nicht geplant von den Initiatoren der Protest-Bewegung, dann kam die deutsche Einheit. Bejubelt, ein Land schien im Trance-Zustand. Es wuchs zusammen, was zusammen gehörte, wie es Willy Brandt formulierte, der einst Regierender Bürgermeister der Stadt gewesen war, ehe er Bundeskanzler wurde. Geschichte von höchstem Rang, die niemand so erwartet hatte. Eine Diktatur fiel, ohne dass ein Schuss abgegeben wurde. Die Menschen hatten sich die Freiheiten geholt. Und heute? Was ist daraus geworden?

Man muss sich nur in Berlin umschauen, um zu bestaunen, was in diesen 30 Jahren alles verändert wurde. Eine Stadt oder Teile von ihr wurden umgegraben. Berlin-Mitte, das neue Regierungsviertel mit Kanzleramt, den Bürogebäuden für die Abgeordneten, dem Reichstag mit der Glaskuppel, den Botschaften rund ums Brandenburger Tor, der französischen, britischen, amerikanischen und russischen, man denke an den Potsdamer Platz, den man nicht wieder erkennt, wenn man ihn vergleicht mit dem Zustand aus der Zeit der Mauer. Hier waren damals große Areale so gut wie menschenleer, es war ja Grenz-, also Mauergebiet, schwer bewacht.

Sie schossen auf Menschen wie Hasen

Ein Rückblick: Wer es riskierte, in den Westen zu flüchten über die Mauer oder drunter her, nahm in Kauf, dass man ihn abknallte wie die Hasen, wie das mal ein bekannter Fernseh-Korrespondent, Lothar Loewe, drastisch, aber zutreffend formulierte, worauf man ihn rauswarf aus Ostberlin. Das war 1976. Loewe war der erste Korrespondent der ARD in Ostberlin, der Grundlagenvertrag zwischen Bonn und Ostberlin war vier Jahre vorher unterzeichnet worden. Honecker hatte in dem Jahr auch das Verbot, Westfernsehen zu schauen, aufgehoben. Loewe war zuvor in Washington und Moskau gewesen, ein erfahrener Journalist. Durch seine Berichterstattung über die Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz in Zeitz aus Protest gegen die Schul- und Jugendpolitik der SED wurde der Vorfall in der DDR bekannt, die daraufhin versuchte, Loewe loszuwerden. Vergeblich. Loewe berichtete dann über die Ausbürgerung Biermanns und den Hausarrest Havemanns im Herbst 1976, nicht unbedingt zur Freude der SED-Herrscher. Doch am 21. Dezember desselben Jahres war es mit der Zurückhaltung der SED vorbei, als Loewe in einem Kommentar den Satz sagte: „Hier in der DDR weiß jedes Kind, dass die Grenztruppen den strikten Befehl haben, auf Menschen wie auf Hasen zu schießen.“ Am Tag drauf wurde ihm die Akkreditierung entzogen, er  musste binnen 48 Stunden Ostberlin verlassen. Ein Jahr zuvor war der „Spiegel“-Korrespondent in Ostberlin, Jörg Mettke, ausgewiesen worden wegen der Berichte im Hamburger Nachrichtenmagazin über die Zwangsadoptionen in der DDR. 1978 wurde das Büro des „Spiegel“ in der Hauptstadt der DDR geschlossen, ein Jahr später ZDF-Korrespondent Peter van Loyen ausgewiesen.

Ich schreibe das heute nochmal auf, nicht um nachzutreten, sondern damit nicht vergessen wird, wie die Zustände mal waren in der DDR, damit nicht irgendwo der Glaube hängenbleibt, es sei alles so toll gewesen im Arbeiter- und Bauernstaat. Das war es gewiss nicht. Wer als Bürger der BRD-so hieß die Bundesrepublik damals, ein Begriff, der wiederum im Westen verpönt war- über Westberlin nach Ostberlin wollte, konnte dies über den Übergang Friedrichstrasse tun. Es macht sich heute kaum einer eine Vorstellung von den Schikanen, denen man ausgesetzt war. Ich habe das in meinem ersten Studienjahr Mitte der 60er Jahre in Berlin erlebt, als ich bei einer vom Alexanderplatz stammenden Familie in Berlin-Dahlem wohnte und zu besonderen Anlässen Geschenke zu den Verwandten im Ostteil der geteilten Stadt brachte, darunter vor allem Kaffee, Zigaretten, Schokolade. Man fühlte sich wie der Weihnachtsmann, wenn man durchgelassen wurde. Einmal ließ man mich passieren, ich musste allerdings die Naturalien am Grenzübergang zurücklassen. Die Enttäuschung der Verwandten war riesengroß, als sie mich mit leeren Händen an der Wohnungstür empfingen.

Lange her, ich weiß, alte Geschichten, die niemand mehr hören will? Mag sein, vergessen kann ich das nicht. Und schönschreiben erst recht nicht. Noch eine Ergänzung zum Kommentar von Lothar Loewe: Insgesamt sollen 327 Menschen an der innerdeutschen Grenze  getötet worden sein. Eine Zahl, die aber nicht verlässlich ist, da die DDR-Verantwortlichen Tote haben verschwinden lassen, Unterlagen wurden bewusst zerstört, Todesfälle vertuscht, wie das der Historiker Jochen Staadt ermittelt hat, der vor Jahren versuchte, sich einen Überblick über die Opferzahl, verursacht durch das DDR-Grenzregime, zu verschaffen.

Manche fühlen sich abgehängt

Deutschland- einig Vaterland. Das wird heute kaum noch gesagt. Dem Jubel aus 1989/90 folgten später Proteste, Wehklagen, Kritiken wegen der Praxis der Treuhand, die viele DDR-Betriebe auflöste und Tausende und Abertausende Menschen arbeitslos machte. Ob das so nötig war? Kompromisslos? Der Kapitalismus fegte übers Land und machte vieles platt, die schnelle Mark war das Ziel vieler westdeutscher Geschäftemacher. Ohne Rücksicht auf die Einheimischen, die machtlos dem Treiben zusahen. Man muss sich das heute noch gelegentlich  anhören, wenn man mit Menschen aus dem Osten der Stadt redet, die längst in Rente sind. Sie haben erlebt, wie ihre Frauen den Job über Nacht verloren, weg waren sie vom Fenster, arbeitslos, oft ohne Chance, einen neuen Job zu finden. Sie verstehen nicht, dass die Renten heute hoch, 30 Jahre danach, niedriger sind in den neuen Bundesländern als in den alten, sie verstehen nicht, dass sie immer noch weniger,  verdienen im Osten, nur weil sie im Osten leben. Sind wir Bürger zweiter Klasse? fragen sie. Zu Recht.

Manche fühlten sie abgehängt von der Entwicklung, deprimiert, weil sie nicht mehr mitkämen oder auch niemand sie mitnähme, niemand ihnen zuhöre. Niedergeschlagen seien andere, weil sie keinen Job fänden und irgendwie versuchten, sich mühsam über Wasser zu halten. Man sieht in Berlin in der Tat viele Obdachlose, Bettler, im Grunde an jeder Ecke. Gut, es gibt Bettler auch in einer  eher bürgerlichen Stadt wie Bonn, aber in Berlin kommt einem das massierter vor.

Hätten wir uns mehr Zeit nehmen müssen für die Vereinigung zweier Länder, die so unterschiedlich geworden waren, die zwei sehr verschiedenen Systemen angehört hatten? Der Historiker und Buch-Autor Ernst Piper(Rosa Luxemburg. Ein Leben) hat kürzlich bei der Diskussion über sein neues Buch auch über diese Zeit gesprochen und Diskussionen mit Hans-Jochen Vogel erwähnt, dem damaligen Oppositionsführer in Bonn. Vogel habe für eine Debatte über die gemeinsame Verfassung plädiert, eine Aussprache über das und damit eine Auseinandersetzung mit dem Grundgesetz eben, damit die Menschen in der einstigen DDR sich mit dem Grundgesetz hätten befassen können. Nicht einfach Beitritt nach Artikel 23, was im Grunde ja Übernahme der DDR durch die Bundesrepublik bedeutete, nach dem Motto: Ihr seid die Verlierer, also werdet ihr geschluckt. Andererseits gab es die Forderung nach der D-Mark: Entweder kommt die Mark zu uns oder wir kommen zur Mark, was eine Fortsetzung des Flüchtlingsstroms von Ost nach West bedeutet hätte. Tausende und Abertausende hatten ihre alte Heimat bereits Richtung Westen verlassen.

So kam es zur übereilten Währungs-Union mit einem Umtauschkurs von 1:1, den  Bundesbank-Präsident Karl-Otto Pöhl nicht wollte und deshalb zurücktrat. Ich kann mich an die Pressekonferenz im Saal der Bundespressekonferenz im Bonner Tulpenfeld noch gut erinnern. Helmut Kohl hatte sich durchgesetzt und Mahnungen von Experten in den Wind geschlagen. Für die ostdeutsche Wirtschaft bedeutete das den Tod.

Zum Thema deutsche Einheit gehört aber, dass es sehr wohl blühende Landschaften gibt. Man schaue sich in Prenzlauer Berg um, oder in Rostock, Schwerin, in Thüringen und in Sachsen. Ich habe viele Häuser und Straßen in der Zeit der Wende gesehen, Straßen, die den Namen nicht verdienten vor lauter Löchern, Häuser, die man heute als unbewohnbar bezeichnen würde, um es mal drastisch zu sagen, mit dem Klo auf dem Flur, eines für mehrere Familien, der Putz fiel von den Wänden, grau sah vieles aus, nicht einladend. Als ich 2003  für ein paar Jahre nach Berlin zog, mietete ich eine Wohnung in der Kollwitzstraße, Prenzlauer Berg, 11 Euro der Quadratmeter. Das Haus war total heruntergekommen und musste komplett renoviert werden.

Potsdam, der Vorgarten Berlins

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin, singen die Fußballfans, wenn sie ihrem Verein zum Pokal-Endspiel in der deutschen Hauptstadt nachreisen. Berlin ist eine Reise wert, ja doch. Auch in diesen noch ziemlich kalten und nassen Wochen. Der Besucher erlebt eine Stadt voller Baustellen, gerade so, als sollte die Metropole schon wieder umgegraben werden, Baustellen in Mitte, Zäune am Reichstag, Baustellen auf dem Mittelstreifen „Unter den Linden“, am neuen Schloss, das ja wiederaufgebaut wird, nachdem Walter Ulbricht einst die Ruinen beseitigen ließ. Baustellen in Potsdam, dort entstehen Wohnungen, von denen man hofft, dass die Bürgerinnen und Bürger sie auch bezahlen können. Überhaupt Potsdam. Fast wie der Vorgarten Berlins, sehr gepflegt, der Landtag, daneben das wunderschöne Museum Barberini, wo gerade  die Werke des alten Picasso ausgestellt sind, seine Zeichnungen seiner letzten Frau Jacqueline, Hunderte von Bildern. Ja auch das gehört zu Berlin, wenngleich Potsdam die Landeshauptstadt von Brandenburg ist. Aber der Berlin-Tourist sollte den kurzen Weg mit der S-Bahn nach Potsdam nicht scheuen.

Berlin ist dreckig, finden seine Bewohner. Ok, so richtig sauber ist die Stadt nicht. Berlin muss die Hauptstadt der Graffiti-Verschmutzung sein, wenn es diesen wenig schmeichelhaften Titel gibt. Manchmal sind ganze Häuserzeilen voll bemalt, nein, das ist keine Kunst, was man den Hausfassaden antut, das ist eher Sachbeschädigung.

Berlin sei arm, aber sexy hat es mal der frühere Bürgermeister Klaus Wowereit gesagt. Ja, Berlin ist angesagt, wie das heißt, es wächst und wächst, es wird gefeiert, was auch immer, wo auch immer und wer auch immer. Die Stadt ist laut und nervig, das Tempo ist hoch, die Bürger rennen durch die Straßen auf dem Weg zum Bus, zur Tram oder U-Bahn. So ist das halt in einer Millionen-Metropole.

Die Bonner verstehen bis heute nicht, warum der politische Betrieb vom Rhein an die Spree zog. Dabei war es doch am Rhein so schön. Stimmt. Und dennoch gab es das Versprechen, in die alte Hauptstadt zu ziehen, wenn die Spaltung des Landes vorbei sei. Nur hatte damals niemand damit gerechnet. Und als es quasi über Nacht passierte, brachen einige in Tränen aus. Andere hatten es eilig und konnten gar nicht schnell genug nach Berlin ziehen. Es war eine Mehrheits-Entscheidung des Deutschen Bundestages, an der alle Fraktionen beteiligt waren, an der Spitze Willy Brandt, Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher, Wolfgang Schäuble. Und 1999 zog die Regierung Schröder/Fischer nach Berlin um, in damals provisorische Gebäude, die schon von den Nazis und später den Kommunisten genutzt worden waren. Dann begann der Umbau, der offensichtlich nicht aufhört. Und damit meine ich nicht den Flughafen, auf dessen Eröffnung man seit Jahren wartet, wenn er denn je fertig werden sollte. Die Qualitätsmarke „Made in Germany“ wird hier mächtig in Frage gestellt. Die Bonner sollten darüber nicht lachen. Sie haben ihre eigenen Erfahrungen mit Großbauten. Man frage ihre frühere Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann, wie das vor Jahren war mit dem geplanten Kongresszentrum WCCB, neudeutsch World Congress Centre Bonn, man frage sie, wer den Namen Hyundai einst verwechselte mit dem Namen des großen Autokonzerns, eine unglaubliche Geschichte, die die Stadt Millionen gekostet hat. Und man frage den heutigen OB und die Verwaltung, wie es eigentlich steht mit der Renovierung des Beethovenhalle, die nicht fertig werden wird bis zum 250.Geburtstag des größten Sohnes der Stadt, Ludwig van Beethoven.

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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