Ach, Herr Präsident …!

Was sollte das denn“, möchte man Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble fragen. Da hat er in einem Zeitungsinterview eine Mahnung formuliert, aber niemand weiß oder kann wissen, wen er da eigentlich ermahnt hat. Schöne gedankenschwere Sätze schlichtweg ohne praktischen Nutzwert ins Nichts geredet.

Der anstehende Corona-Gipfel von Bund und Ländern solle „ausgewogene Entscheidungen“ treffen. Was, bitteschön, sind „ausgewogene Entscheidungen“ ? Darunter darf sich jeder vorstellen, was er will. Und dann der präsidiale Satz, dessen Weltfremdheit am Wochenende im Harz aufs Trefflichste entlarvt wurde. Schäuble: Bei den Corona-Maßnahmen „bleibt es zentral, dass die Executive die Verantwortung des Einzelnen fest im Blick hält und auf so viel Freiheit wie möglich setzt.“ Da kann man nur noch stöhnen: „Ach, Herr Präsident …!

Die Realität als Kontrast zu den flockigen Gedanken aus dem politischen Wolkenkuckucksheim: „Wir haben hier Chaos hoch drei, es bricht alles zusammen“, rief ein verzweifelter Polizeisprecher in ein Rundfunk-Mikrophon. Er beschrieb die Situation im verschneiten Harz. Als gäbe es kein Corona, als gäbe es nicht die Bitten, unnötige Reisen zu unterlassen, als gäbe es kein Abstandsgebot stürmten tausende Tagestouristen das winterliche Mittelgebirge. Autos stauten sich auf den Straßen, Polizei musste ganze Strecken sperren, Großraumparkplätze waren schon am Morgen komplett ausgelastet. Die Skilifte waren zwar wegen der Pandemie außer Betrieb, aber das hinderte die Menschenmassen nicht, sich trotzdem auf den Weg zu machen. Im Harz sei „die Hölle los“, so die Sprecherin des Harzer Tourismusverbandes. Landkreise, Gemeinden, Polizei und Tourismusverband gaben gemeinsam den eindringlichen Appell heraus: Die Leute sollten doch bitte zuhause bleiben. – Vergeblich !!! Am Abend in der „Tagesschau“ ähnliche Bilder aus anderen deutschen Mittelgebirgen, etwa dem Sauerland. Überall die gleiche Uneinsichtigkeit, überall die gleiche Unvernunft.

Jetzt nochmal Wolfgang Schäuble, unser Parlamentspräsident: „Es bleibt zentral, dass die Executive die Verantwortung des Einzelnen fest im Blick hält und auf so viel Freiheit wie möglich setzt.“

Wer kann dem Präsidenten mal erklären, warum ein LockDown nach dem anderen verfügt werden muss und warum die Zahlen der Infizierten und Corona-Toten immer noch nicht runtergehen wollen ? Es ist eben so eine Sache mit der Verantwortung des Einzelnen.

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Christoph Lütgert

Christoph Lütgert war Rundfunk-Korrespondent beim NDR, hat für Panorama gearbeitet und war später Chefreporter Fernsehen beim Norddeutschen Rundfunk. Lütgert wurde wegen seiner sozialkritischen Reportagen mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.


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