Impfung gegen Corona

Angreifen, nicht mauern – es fehlt eine offensive Impfstrategie

Im Fußball ist es leider eine beliebte Taktik, defensiv in ein Spiel zu gehen, wenn man den Gegner schlecht einschätzen kann. Hinten wird erst einmal alles dicht gemacht, es wird gemauert. Das führt oft dazu, dass sich vorne keine Tore schießen lassen und am Ende allenfalls ein Unentschieden steht. Umschalten von Defensive auf Offensive ist schwer, aber eine zu defensive Haltung führt selten zum Erfolg, nicht nur im Fußball.

In genau diesem Dillemma stecken unsere politischen Akteure bei ihren Versuchen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie. Der siebenseitige Beschluss der Regierungschefs und -chefinnen aus den Morgenstunden des 23. März 2021 ist rein defensiv, so wie es fast alle vorherigen Beschlüsse schon waren. Schließungen, Beschränkungen, ja selbst Testungen sind alles defensive Maßnahmen. Diese sind sinnvoll und nötig. Aber noch viel nötiger wäre der Drang nach vorne, also der Angriff.

Nach jedem torlosen Fußballspiel läuft die Analyse sehr schnell darauf hinaus, dass es im Angriff, in der Offensive gehapert hat und man sich deswegen über das Ergebnis nicht wundern darf. Wundern muss man sich jetzt aber, dass sich nach stundenlangen, quälenden Verhandlungen über Abwehrmaßnahmen keinerlei Hinweise finden, wie wir in die Offensive kommen. Diese Offensive ist mit einem Wort umschrieben: impfen! Auf den sieben Seiten der Beschlussvorlage finden sich keinerlei Überlegungen beziehungsweise Beschlüsse zur Impfstrategie. Hier müssen wir in die Offensive kommen. Dass es geht, beweisen die Beispiele anderer Länder, die es besser machen.

Wo sind die Vorschläge und Maßnahmen zur Erhöhung der Lieferungen von Impfstoffen? Wo sind die Vorschläge und Überlegungen zur schnelleren Einbeziehung nicht nur der Hausärzte, sondern auch vieler anderer, die impfen können? Wo sind die Überlegungen und Nachjustierungen der Priosierungsreihenfolge? Das sind doch die Fragen, auf die es ankommt, wenn man agieren und nicht nur reagieren will. Es sind auch keine neuen Fragen, aber sie werden nicht beantwortet, weshalb man sich über die Enttäuschung, die Unzufriedenheit, ja den Frust über das Handeln der Politik nicht wundern darf.

Allmählich muss man sich fragen, woran es liegt, dass unsere handelnden Politiker nicht selber sehen, welch trauriges Schauspiel sie gegenwärtig abliefern. Ist es Überforderung, ist es mangelnder Mut, ist es Erschöpfung, oder was ist es sonst? Die Erklärung, dass es an unserem föderalen System oder an unserer deutschen Gründlichkeit liegt, ist mir zu einfach. Die immer ausführlicheren und komplizierteren Verordnungen und Erlasse beweisen mir, dass man sich im eigenen Denken verheddert hat, man hat den Kopf nicht mehr frei, man kann nicht mehr umschalten von Defensive auf Offensive, um im Fußballbild zu bleiben.

Vielleicht hilft ja die Osterpause, also die verschärfte Abwehr von Gründonnerstag bis Ostermontag, um in dieser Zeit nicht nur die dritte Welle des Virusangriffs zu brechen, sondern um neue Kraft zu sammeln für entschlossenes und offensives Handeln in der Impfkampagne. Darin liegt das Geheimnis des Erfolges. Und: Die Stimmung muss besser werden. Dazu kann ein anderer Ansatz beitragen, der neben dem Reagieren und Verteidigen das Agieren und Angreifen nicht vergisst und sich erkennbar mehr darauf konzentriert als bisher geschehen. Das mag sich selbstverständlich anhören, ist es aber anscheinend nicht.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Alexandra_Koch, Pixabay License

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Jürgen Brautmeier

Der Historiker war bis 2016 Direktor der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt und von 2013 bis 2015 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft aller deutschen Landesmedienanstalten. Heute lehrt er als Honorarprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Geschichte sowie Kommunikations-und Medienwissenschaft.


'Angreifen, nicht mauern – es fehlt eine offensive Impfstrategie' hat einen Kommentar

  1. Avatar

    24. März 2021 @ 13:26 Wolfgang Friesdorf

    Fußballspiel als Vergleich macht schon erhebliche Mängel klar; im Gegensatz zum Fußballspiel wird eine Pandemie aber nicht durch einen Wechsel zwischen „Offensive“ und „Defensive“ beherrscht (und am nächsten Samstag findet nicht das nächste Spiel statt). „Not“-wendig sind eine systemische längerfristige Bewältigungsstrategie (Angriff & Verteidigung), klare Etappenziele und eine überzeugende Beschreibung des Weges. Eine solche Katastrophe (bislang ca. 75 Tsd. i.V. mit COVID-19 !!) können wir nicht aussitzen. Sie erfordert ein straffes top-down-koordiniertes Zusammenspiel aller Akteure (natürlich auch der Bevölkerung) mit Zuweisung von Aufgaben/Verantwortungen und engmaschiger Kontrolle der Ergebnisse. Krisenmanagement ist Aufgabe der Regierenden – sie versagen in meinen Augen vollständig. Ich kann an dieser Stelle das Fass des Versagens nicht aufmachen: Digitalisierung, Bildung, Gesundheitswesen, Energieversorgung, E-Mobilität, Flüchtlinge … Trostlos! Hoffnung auf eine Stimmungsbesserung der erschöpften Top-Regierenden über die Ostertage wird vergebens sein; wir brauchen einen grundlegenden Wechsel. Wo sind die hoffnungsvollen Alternativen?

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