Europa gegen die Juden

Antisemitismus: Hört das denn nie auf! – Studie belegt wachsende Judenfeindlichkeit

Ich habe gerade das Buch von Götz Aly gelesen: Europa gegen die Juden. Das Buch, 2017 auf den Markt gekommen, beschreibt die Hintergründe, Anfänge und den tödlichen Höhepunkt des Antisemitismus in Europa. Der Autor, Journalist und Historiker, belegt, dass der Boden in vielen Ländern bereitet war für den Hass und den Neid gegen die jüdische Minderheit, bereitet, sodass die Nazis ihr mörderisches Werk beginnen und vollenden konnten. Es gab so gut wie keinen Widerspruch in diesem Europa gegen diesen einzigartigen Zivilisationsbruch. Wer das alles liest, was den Juden in Polen, Russland, in Ungarn, in den baltischen Staaten, in Frankreich, in Holland  und vor allem in Deutschland angetan wurde, weil sie Juden waren, ehrgeiziger, intelligenter, weil sie es oft genug zu etwas gebracht haben, hat man sie drangsaliert über die Jahrzehnte, sie beleidigt, entrechtet, sie von Studien ausgenommen, ihnen bestimmte Berufe verwehrt.  Man hat sie vertrieben, gejagt wie Vieh, ihnen dann ihr Eigentum genommen, Wohnung, Möbel, in die Gaskammern geschickt und ermordet. Die wenigen, die den Holocaust überlebt haben, hatten es nachher schwer, in ihre alten Wohnungen wieder zurückzukommen. Man wollte sie nicht mehr. Allein die Nazis haben sechs Millionen Juden umgebracht, von in Europa damals lebenden rund 11 Millionen Juden haben nur wenige das Grauen überstanden. Heute zählen wir noch 1,5 Millionen in Europa, das gern von seinen Werten spricht, das sich gern das Abendland nennt. Damals, nach 1945, hieß es: Nie wieder. Heute wissen wir, dass es den Antisemitismus längst wieder gibt, dass sich Juden wieder bedroht fühlen. Sie werden beleidigt und beschimpft. Das ergab eine neue EU-Studie, die auch belegt, dass viele Jüngere nichts wissen vom Holocaust.

Besonders dramatisch sei der Anstieg der Judenfeindlichkeit in Deutschland. 75 Prozent der befragten Juden in den befragten 12  EU-Ländern verzichten aus Angst auf das Tragen jüdischer Symbole in der Öffentlichkeit. Fast jeder Zweite meidet gewisse Straßen in bestimmten Städten. Judenfeindlichkeit äußert sich nicht nur im Internet, dort vor allem verstärkt, sie ist demnach auch auf der Straße zu beobachten. Und nicht wenige Juden sitzen auf gepackten Koffern, damit sie im Falle der Not entkommen können. Man schämt sich als Deutscher, als Europäer.

Um auf das Buch von Götz Aly, der dafür wie berichtet den Geschwister-Scholl-Preis erhalten hat, zurückzukommen: Während des Zweiten Weltkriegs hatte Nazi-Deutschland viele Länder Europas besetzt. Götz Aly hat ermittelt, wenn man von Dänemark  und  eingeschränkt von Belgien absehe, hätten die Nazis, gemeint „die deutschen Vollstrecker“ der Juden-Vernichtung,  „überall spezifische Ansatzpunkte für ihre Gewaltmaßnahmen gegen die Juden der jeweiligen Länder“ vorgefunden. „Sie griffen lange gehegte Wünsche nach einem ethnisch reinen Nationalstaat auf, nach dem Verschwinden jüdischer Flüchtlinge und unliebsamer Konkurrenten“. Und stets hätten die deutschen Besatzer einzelne Regierungen, staatliche und lokale Verwaltungen und bestimmte Bevölkerungsgruppen an den Enteignungen, Ghettoisierungen und Deportationen“  beteiligt.  Das habe ihnen „die Beihilfe lokaler Polizeieinheiten und Verwaltungen und- in unterschiedlichem Ausmaß- das Wohlwollen oder zumindest die Gleichgültigkeit beachtlicher Teile der örtlichen Bevölkerungen und Eliten“ gesichert. Die Gier nach den Besitztümern der „Fremden“, gemeint der Juden wurde so befriedigt.

Es ist längst Zeit, vor dieser antisemitischen Stimmung zu warnen. „Es gibt kein Europa mehr, wenn sich Juden in Europa nicht mehr sicher fühlen“, hat der Erste Vizepräsident der EU-Kommission Frans Timmermans bei der Vorstellung der Studie gesagt. Es ist Zeit, aufzustehen und gegenzuhalten, es ist Zeit für eine Haltung gegen die wachsende Judenfeindlichkeit.

Quelle: Götz Aly: Europa gegen die Juden. 1880-1945. Fischer-Verlag 2017. Frankfurt. 430 Seiten. 26 Euro.

Bildquelle: S. Fischer Verlage

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


'Antisemitismus: Hört das denn nie auf! – Studie belegt wachsende Judenfeindlichkeit' hat einen Kommentar

  1. 15. Dezember 2018 @ 15:05 Achim Maser

    Meines Wissens ist der Antisemitismus in der Nachkriegszeit schon immer latent gewesen. Aktuell wird er durch rechtspopulistische Akteure wieder konkreter, nicht zuletzt aber auch durch das Internet sehr gefährlich. Es ist unter keinen Umständen hinnehmbar, dass sich Juden nicht nur in Deutschland wieder an Leib und Leben bedroht fühlen. Vor diesem Hintergrund macht mir Sorge, dass in aktuellen Debatten in meinen Augen sehr oft inflationär mit Antisemitismusvorwürfen (ebenso Verschwörungstheorien und NS Vorwürfen) umgegangen wird und zwar von Leuten, die eigentlich gemeinsam gegen solche unappetitlichen Erscheinungen vorgehen sollten. So trägt so manche Diskussion leider dazu bei, die antisemitischen Tendenzen zu stärken statt zu schwächen und profitieren können die wirklichen Demokratiefeinde, Antisemiten, die es so schaffen, dass in einer breiteren Ööffentlichkeit der Eindruck entsteht, man werde als Kritiker in eine rechte Ecke gedrängt. So wird die Warnung vor Gefahren eines Tages nicht mehr wahrgenommen, wenn es drauf ankommt. Ich weiß nicht, ob es nicht langsam zu spät wird, denn es kommt schon viel zu lange drauf an.

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