Coronavirus

Corona – das große Versagen der Politik … und auch der Bürger

Nun wird der ganz große Hammer des totalen oder fast totalen Lockdown gegen das tückische Virus doch rausgeholt. Anders geht es eben nicht, weil die Politik kläglich versagt hat. Versagt haben aber auch Millionen Bürger.

Wir könnten längst durch sein und ein weitgehend normales Weihnachten feiern, hätten wir früher richtig reagiert und agiert; so radikal und konsequent wie es die Wissenschaft gefordert hatte. Asiatische Staaten, beileibe nicht nur Diktaturen, haben es uns vorgemacht. So aber wurden in Deutschland tausende Menschenleben geopfert und Milliarden und Aber-Milliarden Euro sinnlos verpulvert.

So vernichtend muss die Zwischenbilanz ausfallen.

Mit dem ersten Lockdown stand Deutschland im Ländervergleich ziemlich gut da. Keine Bilder wie in Italien, wo Corona-Leichen massenhaft in Militär-LKW abtransportiert werden mussten. Wir fühlten uns als Europameister im Kampf gegen Corona, und waren es wohl auch. Dann kam der Sommer, wegen des Klimawandels wieder zu warm. Auch das verdrängten wir, lebten und genossen viel zu sorglos. Dabei konnte und musste jeder wissen, dass das Virus längst nicht eliminiert war und nur auf Herbst und Winter wartete, um wieder zuzuschlagen. Jeder konnte und musste wissen, dass wir eigentlich weiter auf der Hut bleiben mussten, wie Wissenschaftler, Kanzlerin und der vielfach verspottete und angefeindete SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach mahnten. Nein, Millionen Menschen lebten, als sei Corona Vergangenheit. Statt Mindestabstand Gedränge in Bars und den Szenevierteln, Partys ohne Grenzen, überfüllte Strände – dies nur wenige Beispiele. Und die Politik nahm die Warnungen vor der nächsten Infektionswelle offenkundig auch nicht ernst. Der Sommer wurde nicht genutzt für effektive Vorsorge. Schlimmstes Beispiel: Die Schulen. Die wurden nicht ganz schnell allesamt mit leistungsfähigem W-Lan ausgerüstet, die Digitalisierung wurde nicht mit Hochdruck vorangetrieben, um bei steigenden Infektionszahlen überall (die Betonung liegt auf „überall“) schnell auf home-schooling oder Schichtbetrieb umstellen zu können.

Als irgendwann in der sommerlichen Erholungsphase Kanzlerin Merkel davor warnte, wenn Deutschland so fahrlässig weitermache, käme man um Weihnachten auf täglich 19.000 Neuinfektionen, wurde das von nicht wenigen weggelächtelt. „Die hat wohl geraucht.“ Und jetzt ? – Weihnachten ist noch zwei Wochen hin, und wir sind bereits  sehr weit über diesen 19.000.

Im Herbst stiegen die Infektions- und Todeszahlen erneut rasant an. Und schon ging es wieder los mit der Kakophonie des deutschen Föderalismus. Ein Ministerpräsident wollte bei  den Einschränkungen besonders entschieden vorpreschen, eine Ministerpräsidentin meinte, dass sei in ihrem Land überhaupt nicht nötig. Für jedes Bundesland, so hatte es den Anschein, sollten andere Regeln gegen Corona gelten, hier strenger, dort lockerer. Hier durften sich nur fünf, woanders zehn treffen. Solche Unübersichtlichkeit förderte Uneinsichtigkeit. Die Spitzen aus Bund und Ländern stolperten im Zwei-Wochen-Rhythmus von einer Krisen-Konferenz in die nächste. Konstant blieben nur die Mahnungen und Forderungen renommierter Wissenschaftler nach eindeutigen, einheitlichen und drastischen Verschärfungen. Die aber wurden ignoriert. Irgendwann wurde ein „Lockdown Light“ verfügt. Der allerdings war mehr light als lock und down – bis auf die Schließung von Restaurants, Bars, Fitnessstudios, Puffs und wenig mehr.

Ums Weihnachtsfest, das unbedingt so nett, lauschig, rauschend, beschaulich und familiär wie immer gefeiert werden sollte, wurde ein Riesen-Bohei gemacht. Geradezu lächerlich, ist doch die Gesellschaft längst auf der Massenflucht aus den christlichen Kirchen. Konsumieren kann man schließlich auch zu anderen Zeiten. Millionen Menschen suchten sich ihre Nischen, in denen sie unbeobachtet auch noch die laschen Auflagen ignorieren konnten, oder sie gingen zumindest an den äußersten Rand dessen, was gerade noch erlaubt war. Dabei hätte sich jeder mündige Bürger auch ganz allein aus Eigenverantwortung ein Maximum an Einschränkungen und Verzicht verordnen und damit die Infektionsgefahr minimieren können.

Jetzt scheint alles wieder denkbar: Ausgangssperren, Kontaktverbote außerhalb des eigenen Haushalts, Schließung aller Schulen, Kitas, Büros und Geschäfte bis auf die Läden für den täglichen Bedarf. Und Weihnachten wird für viele sehr still und sehr einsam. Fazit: Dass jetzt also doch der harte Lockdown kommen muss, ist dem Versagen der Politik und der Unvernunft sehr vieler Bürger zuzuschreiben. Die Zeche zahlen wir alle.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Alexandra_Koch, Pixabay License

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Christoph Lütgert

Christoph Lütgert war Rundfunk-Korrespondent beim NDR, hat für Panorama gearbeitet und war später Chefreporter Fernsehen beim Norddeutschen Rundfunk. Lütgert wurde wegen seiner sozialkritischen Reportagen mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.


'Corona – das große Versagen der Politik … und auch der Bürger' hat 4 Kommentare

  1. Avatar

    13. Dezember 2020 @ 16:40 Klaus Vater

    Der unübersehbare Vorteil des Blogs der Republik ist seine bisherige Trennschärfe, verbunden mit argumentativer Kraft und einem guten Schuss Ironie beziehungsweise Sarkasmus. Der Beitrag „Corona – das große Versagen der Politik … und auch der Bürger“ ist weder trennscharf noch argumentativ standfest sowie bar jeder wärmenden Ironie. Er leistet diese Standards nicht.
    Der Autor erklärt, anders als den „ganz großen Hammer des totalen oder fast totalen Lockdowns“ rauszuholen gehe es nicht mehr. Der Grund: „Weil die Politik kläglich versagt hat“. Ziemlich abgedreht geht’s weiter: „So aber wurden in Deutschland tausende Menschenleben geopfert und Milliarden und Aber-Milliarden Euro sinnlos verpulvert.“
    Das ist ohne Belege ein ungeheuerlicher Vorwurf. Tausende Menschen geopfert. Würde dieser Vorwurf von jemandem mit politischem Einfluss erhoben, dann hätte der die Karriere ziemlich vergeigt. Ohne unbestreitbare Beweise ist ein solcher Vorwurf von der „Qualität“, die wir alle von Trump-Anwalt Giuliani kennen.
    Mir ging durch den Kopf, auf wen oder was der“ ganz große Hammer“ draufhauen würde? Oder sollte das nur Gerede sein? Wie verhält es sich mit der Verwendung des Verbs „opfern“? Wer konkret? Wann? Wo? Von wem geopfert?
    Der Autorenmeinung nach von „der Politik“ geopfert; also ausweislich des vorangestellten bestimmten Artikels „der“ von der gesamten Politik? Beispielsweise von Laschet, Weil und Kretschmer, Merkel, Mützenich, Kretschmann und Söder bis Tobias Hans und vielen anderen und bis zu den Oberbürgermeisterinnen, Oberbürgermeistern, Landräte etc. Welcher Sinn steckt hinter einer solchen Verallgemeinerung? Was leistet sie im Austausch der Überzeugungen? Bringt Nutzung eines schlechten Boulevard-Stils hier irgendetwas?
    Aber-Milliarden Euro sinnlos verpulvert? Ist das trennscharf? Gilt das Verpulvern auch für das Kurzarbeitergeld? Für verlorene Zuschüsse, die Versorgung sicherten, für Verdi- Forderungen, Künstler aufzufangen? Ich kenne Soloselbständige, die überlebt haben, weil angeblich sinnlos verpulvertes Geld ihnen die Möglichkeit bot, die Miete zu zahlen, Lebensmittel einzukaufen, mal ein Buch zu erstehen. Was zum Teufel soll die Mär vom sinnlosen Verpulvern? Zu viel Merz gelesen? Schließlich lese ich: „So vernichtend muss die Zwischenbilanz ausfallen.“ Muss. Keine Alternative.
    Was ist los in diesem Land, wenn eigentlich vernünftige Leute so einen Quatsch von sich geben? Wir alle haben immer wieder gelesen und gehört, dass dieses verdammte Virus alle Organe schädigen könne. Vom Gehirn war aber nicht die Rede.
    Wochenlang habe ich zu lesen und zu hören bekommen, dass der Staat als Verordnungsgeber dies oder jenes nicht dürfe und zudem zuerst das Parlament zu fragen habe, bevor er etwas festlege. Oft unterfüttert durch einen schläfrig in die Kamera lugenden Herrn Kubicki beziehungsweise durch einen wie ein erschrecktes Karnickel guckenden Parteivorsitzenden, der von einem „süßen Gift“ während der Pandemie sprach.
    Über viele Wochen war nicht klar, weil es keine zureichenden Datenmengen gab, welche Rollen Schülerinnen und Schüler im Infektionsgeschehen haben. Das lag doch nicht an „der Politik“!
    Der Autor nennt eine schlechte Ausstattung der Schulen mit W-lan das schlimmste Beispiel. Was wissen wir? Die Uni Paderborn beschäftigt Experten, die über entsprechende Kenntnisse verfügen. 2019 wiesen etwa 25 Prozent der deutschen Schulen ein funktionierendes W-lan auf. Etwas mehr als 30 Prozent der Lehrerinnern und Lehrer seien in der Lage, mit einem Lernmanagement-System der Digitalisierung umzugehen, hieß es. Wie – bitteschön – soll während einer Pandemie eingelöst werden, was der Autor fordert: „ Der Sommer wurde nicht genutzt für effektive Vorsorge. Schlimmstes Beispiel: Die Schulen. Die wurden nicht ganz schnell allesamt mit leistungsfähigem W-lan ausgerüstet.“
    Während des 1.Lockdowns mit seinen einschneidenden Regeln für Alten-und Pflegeheimen wurde lauthals beklagt, dass die dort isolierten Menschen unter der Einsamkeit und der Trennung von der Familie litten. Das ist wahr. Es waren für viele viele schreckliche Wochen – in den Heimen und außerhalb. Dabei sind Fehler begangen worden. Da ist es kinderleicht, den „großen Hammer des totalen Lockdowns“ zu fordern.
    Aber aus der schlimmen Entwicklung eine „Anwendung“ zu bilden, die Leben schützt und die Zuwendung dennoch möglich macht, das ist etwas anderes. Ja, dabei sind Fehler begangen worden. Ende Oktober hatten in Nordrhein-Westfalen Städte und Landkreise per Verfügungen die Besuchsmöglichkeiten in Alten- und Pflegeheimen eingeschränkt. Weil Infektionen befürchtet wurden. Auf Weisung des Landes wurden solche Verfügungen kurz vor der Länder-Bund-Vereinbarung über einen „Wellenbrecher“- Lock-down aufgehoben. Das verstehe, wer will. Kein Ruhmesblatt für Laschet und Laumann. Aber lässt sich das verallgemeinern?
    „Wir“, so schreibt der Autor weiter, „könnten längst durch sein und ein weitgehend normales Weihnachten feiern, hätten wir früher richtig reagiert und agiert; so radikal und konsequent wie es die Wissenschaft gefordert hatte.“
    Das ist interessant. Ich kann mich an sehr unterschiedliche Ratschläge aus „der Wissenschaft“ erinnern: Herdenimmunität erzeugen; die Wirksamkeit des Maske-tragens bezweifeln; die Rolle von Schulen hatte ich bereits erwähnt; unterschiedliche Inzidenz-Referenzen, unterschiedliche Bewertungen der so bezeichneten „Übersterblichkeit“ oder auch der Reproduktionsziffer. Das sind keine Einwände gegen Wissenschaftlichkeit sondern Hinweise darauf, dass “die Wissenschaft“ so eindeutig nicht lieferte, wie der Autor zu wissen glaubt.
    Was bleibt?
    Wir alle sollten unseren Alltags-Verstand eingeschaltet lassen! So schlecht ist der nämlich nicht. Wir sollten während einer Pandemie
    1. die vorhandenen Bewegungs-, Kauf- und Begegnungsmöglichkeiten nicht bis an die Grenzen nutzen, sondern einen Spielraum lassen. Wenn im Geschäft vier Kundinnen und Kunden anwesend sein dürfen, nicht drängeln, drei Anwesende sind auch genug.
    2. Auf die Einladung zu Silvester antworten: Lieben Dank, aber dieses Mal lassen wir die Feier ausfallen, wir bleiben daheim.
    3. Im Kopf haben, wann sich der Supermarkt füllt und wann weniger Kundschaft hinein strömt.
    4. Wir sollten ausschließlich zertifizierte Masken benutzen.
    5. Wir sollten uns unsere Nachbarschaft anschauen: Wann habe ich die alte Dame von gegenüber zuletzt gesehen? Sollte ich nicht an der Wohnungstür klingeln, um zu fragen: Alles okay?
    Damit würden wir das tun, was „dem Staat“ hilft, uns allen zu helfen.

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      13. Dezember 2020 @ 20:33 Kai Ruhsert

      Ob es wohl sein kann, dass Lütgert tat, was Sie auch einmal versuchen sollten, nämlich einen Blick auf die Fakten zu werfen? Z.B. auf die Anzahl der täglichen Infektionen in vergleichbaren, demokratischen Industriestaaten in Asien?
      In Taiwan, Südkorea und Japan werden 10 bis 2.000 (!) mal weniger Neuinfektionen gemeldet als in Deutschland. Entsprechend niedriger ist die Zahl der Toten.
      Am nahezu vollständigen Versagen Europas gibt es nichts zu beschönigen.

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  2. Avatar

    15. Dezember 2020 @ 22:08 Pandemie20.de

    Ich finde nicht, dass man es so sehen kann. Alle haben Probleme, auch Südkorea usw.
    Alle haben versucht zu helfen und Schlimmstes zu verhindern. Und man darf niemals nur einer Gruppe überlassen, die Geschicke zu bestimmen – in diesem Fall die Epidemologen – denn es ist immer eine politische Abwegung und das ist gut so.

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    19. Dezember 2020 @ 09:11 Kai Ruhsert

    Die NZZ erweist sich als frei von der Versuchung, das Scheitern Europas zu beschönigen:

    Die Regierungen haben in der Corona-Krise versagt. Was wir für die Zukunft daraus lernen können

    Der Unterschied zwischen Asien und Europa besteht in einem Wort: Erfahrung. In mehreren Epidemien seit der Jahrtausendwende hatte China wertvolles Wissen gesammelt. Man wusste, dass es zu spät ist, wenn sich das Virus im ganzen Land verbreitet hat.
    Quelle: https://www.nzz.ch/meinung/regierungen-haben-in-der-corona-krise-versagt-ld.1592402

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