Coronavirus

Corona – Eine Probe auf unseren Zusammenhalt

Die Republik sei ratlos, ist zu lesen. Der Anteil in der Bevölkerung steigt, der die Anti- Corona- Politik der Regierung skeptisch bis misstrauisch sieht. Das ist nicht zu bestreiten. Die CDU/CSU, vor wenigen Wochen noch näher den 40 Prozent in sogenannten Sonntagsfragen als 30 Prozent, scheint sich nun den 25 Prozent zu nähern. Im Gegenzug steigen die Grünen und die FDP sowie auch leicht die AfD in der Wählergunst sowie die SPD, obgleich der CDU/CSU in der Bundesregierung verbunden. Bereits vor diesen Beschlüssen hatte das Magazin Der Spiegel in seiner jüngsten  Titelgeschichte – angefertigt von 15 Frauen und Männern – von einer „neuen deutschen Unfähigkeit.“ berichtet,  „Systemische Schwäche“ konstatiert und prophezeit, die Geduld der Bürger sei „am Ende“.

Was kommt danach? „Republik in Flammen“, „Querdenker übernehmen die Macht!“ „Bürgerkrieg vor dem Kanzleramt“? Es ist nicht zu bestreiten, dass die Beschaffung von Impfstoff gegen dieses entsetzlich wirkende Corona-Virus, die Organisation von Impfaktionen, die Bereitstellung von Schnelltests und damit der Schutz der Bevölkerung nicht fehlerfrei waren. Aber die Art und Weise wie manche auf Fehlern herumtrommeln, die wird zu einer eigenen, negativen „Einflussgröße“ in der Abwehr dieses Virus. Wenn Verfassungsorgane wie die Regierungen unseres Landes und auch Parlamente ständig in den Dreck getreten werden, erntet man keine stärkere Demokratie, aber stärkere Gegner der Demokratie.

Ich bin sicher, dass die Bürger nicht am Ende mit der Geduld sind, dass aber viele nur noch aus den Pandemie-bedingten Umständen raus wollen. Manche fliegen rasch der Sonne und Mallorca entgegen, was mit Sicherheit dazu führt, dass dort und daheim später wieder die Zahlen der Infizierten steigen.

Die „neue deutsche Unfähigkeit“ ist im Übrigen eine Beleidigung für Millionen Arbeitende in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Gesundheits- und Ordnungsämtern, in Arztpraxen und in Versorgungsbetrieben, in allen Betrieben, in der allgemeinen Exekutive und in den Parlamenten, also eine Beleidigung all derer, die ihre Arbeit tagtäglich zuverlässig tun. Und denen die tagtägliche Nölerei, die aus den Laptops mancher Medienleute quillt zunehmend auf den Wecker geht.

Als hätten wir es jetzt in der Hand, eine Virus-Pandemie beherrschen zu können. Im Zentrum einer Pandemie befindet sich der Krankheitserreger.  Der lässt sich nicht domestizieren. Menschen können  ihn abwehren, aber nicht mal völlig ausschließen.  Der „Lebenszweck“ des Corona Virus besteht darin, sich durch die Inbesitznahme  anderer, fremder Zellen zu vermehren. Und je öfter ihm das gelingt, umso „erfolgreicher“ ist das Virus, und umso öfter oder besser kann es durch Veränderung seine „Fähigkeiten“, sein Potenzial stärken. Das ist die eigentliche Beständigkeit heute.

Das Virus geht von einer tierischen Art auf den Menschen über. In schlimmen Fällen geht es zurück auf eine tierische Art, wie wahrscheinlich vor einigen Wochen in den USA, wo ein Covid 19- infizierter, wildlebender Nerz entdeckt worden ist. Im schlimmsten Fall kommt das Virus aus der tierischen Zwischenstation wieder über die Menschen. Als noch verhängnisvolleres und noch infektionslüsterneres Etwas. Unsere Menschen- Ausstattung, unsere Biologie ist nicht auf dieses Virus vorbereitet und auch nicht – und darum geht es mir hier – auf die wahnwitzig raschen und damit unglaublich dynamischen, also in einem unglaublichen Tempo ablaufenden Prozesse der „Inbesitznahme“ unserer menschlichen Zellen. Verzeihen Sie mir die Verwendung von Worten aus unseren Vorstellungen wie beispielsweise Inbesitznahme oder Fähigkeiten, Lebenszweck oder lüstern. Mir fiel nichts anderes ein.

Dies „in Besitznehmen“ läuft so rasch ab, dass sich die Bedingungen und Umstände für uns Menschen und damit für unser Handeln und Entscheiden dauernd ändern. Von Woche zu Woche. Oder in noch kürzeren Abständen. Diese Änderungen erzeugen Unsicherheit, Furcht, sie lässt Wut los auf den, der Handeln und entscheiden muss.  Auf Menschen in Institutionen und Ämtern. Wir verlangen von Millionen Menschen Perfektion, die selber unter Furcht vor diesen Viren leiden.

Was bedeutet das? Einen Aspekt erleben wir alle zurzeit. Einige Vorteile unseres föderalen Systems gehen „flöten“. Von uns Menschen geschaffene Abläufe gegen das Corona Virus geraten durcheinander. Plötzlich entstehen Widersprüche. Dann laufen erdachte und wissenschaftlich begleitete „Strategien“ auseinander, Entscheidungen steuern unterschiedliche Richtungen an. Das im Fußball als non plus Ultra geforderte „schnelle Umschaltspiel“ gibt es hier nicht.

Dann wird gefordert, dass der Staat eine möglichst genaue „Perspektive“ entwickeln soll! Wie soll das gehen, wenn sich die Grundlagen für Entscheidungen alle Wochen ändern? Es lassen sich Ziele formulieren, die an Bedingungen geknüpft sind.

Sagen Sie, liebe Leserin, lieber Leser mir bitte verlässlich, wann mein Leben wieder halbwegs normal verlaufen kann, Wissen Sie auch nicht? Schade. Aber die „Perspektive“ wird immer wieder gefordert. Dabei kommt Merkwürdiges zustande. FDP- Chef Lindner erzählte der FAZ, man müsse das Land „neu gründen“. Um Himmels willen! Geht’s auch eine Nummer kleiner? Ich will doch lediglich wissen, wann wieder normale Verhältnisse herrschen. Neu gründen will ich nichts. Einiges wird skurril. Echt. Am vergangenen Freitag las ich im Bonner General-Anzeiger die Bemerkung eines Schulvertreters. Der habe süffisant mit Blick auf die Aufgabe des Lehrpersonals, Schülerinnen und Schüler zu testen angemerkt, berichtete das Blatt, das gehöre doch wohl nicht zum „Berufsbild“ von Lehrern. In Bonn scheint es Leute zu geben, die meinen, das Virus nehme Rücksichten auf Berufsbilder.

Im Übrigen empfehle ich eindringlich, die Nase mal aus dem Studium der Pandemie- bedingten „großen Zusammenhänge“ zu lösen, um sich der wahren Skandale zu beschäftigen. Zum Beispiel mit der Tatsache, dass sich der Bundesgesundheitsminister weigert, die Kosten einer  Begleitung behinderter Menschen im Krankenhaus zu finanzieren. Das würde den Sozialstaat gewiss nicht in die Pleite treiben. Aber wer aus der großen Schar der großräumig operierenden Kritikaster kümmert sich schon im die Belange behinderter Mitmenschen?

Annehmen kann ich, dass meine Frau und ich, wenn alles gut geht, im Oktober oder November wieder in der südlichen Sonne sitzen beziehungsweise am Strand spazieren gehen können. Früher wohl kaum.

Verlieren wir die Maßstäbe? Das ist für mich eine Schlüsselfrage. Bewegt habe ich Timothy Snyders vergangenes Jahr erschienenes Büchlein Die amerikanische Krankheit. Vier Lektionen der Freiheit aus einem US- Hospital gelesen. Bei C.H. Beck erschienen, € 12,00, 158 Seiten. Im Original heißt es: …Hospital Diary. Er schrieb: „Anfang 2020 retteten Journalisten das Leben von Amerikanern, indem sie einen unwilligen Präsidenten zwangen, sich, wenn auch anfallartig und verspätet, mit der Realität des Coronavirus auseinanderzusetzen.“

Da sind wir doch weiter, wenn ich mich nicht täusche. Snyders Bewunderung für Europas Krankenversorgung ist nicht zu überlesen. Vielleicht würde er uns jetzt zurufen: Hallo ihr Deutschen, wacht auf! Wisst ihr auf welch fabelhaftes Gesundheitssystem ihr bauen könnt? Auch in diesen Zeiten? Ach so, Probleme habt ihr auch? Ja, dann kommt mal zu uns: „Unser System der kommerziellen Medizin, das von privaten Versicherungen, regionalen Gruppen privater Krankenhäuser und anderen mächtigen Interessen dominiert wird, wirkt immer mehr wie eine Zahlenlotterie.“ Schrieb Snyder. 1980 hätten die Amerikaner  im Unterschied zu vergleichbaren Ländern im Schnitt ein Jahr weniger gelebt. 2020 sei der Unterschied bereits auf vier Jahre angewachsen.

Vier Jahre weniger Zusammensein, Liebe, Glück oder Unglück. Und hier bei uns reden manche von Desastern und manche wollen uns auch noch erzählen, dass die Gesundheitsversorgung kaputt gespart worden sei. Es läuft in der Pandemie eine Probe auf unseren Zusammenhalt. Und eine Probe auf unser Können. Wir sollten Achtung vor Leistung hinzufügen und unser Verhaltensweise auf Korrektur und Bessermachen umstellen.

Bildquelle: Pixabay, Bild von congerdesign, Pixabay License

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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


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