Pompeji

Covid und Pompeji

Die letzten Tage von Pompeji müssen so ähnlich wie dieser Winter 2021 gewesen sein. Ein Unheil verkündender Vulkan, der tagelang immer mehr Rauch und Lava ausgespuckt hatte, bis er schließlich Land und Leute verschlang. Warnungen hatte es gegeben, doch ernst  genommen hatten diese die Masse nicht, ja sogar aus Rom waren noch Urlauber dorthin gereist. Ausgrabungen fördern  eine Lebenslust und Tragik zu Tage, die sich beklemmend anmuten und  auch hierzulande in diesen Monaten wiederspiegeln. Seit der Antike ist viel Zeit vergangen mit großen Naturkatastrophen oder Massensterben, die noch im Mittelalter als Strafe Gottes verdrängt werden konnte. Pest, Masern oder Pocken haben ihre Schrecken dank wirksamer Gegenmittel verloren und doch haben wir offenbar trotz allem wissenschaftlichen Fortschritt wenig dazu gelernt. Über 100 000 Menschen haben in Deutschland ihr Leben durch Covid 19 verloren. Sie sind nicht unter der Asche eines Vulkans gestorben sondern oft genauso einsam und verlassen erloschen auf Intensivstationen oder in den Hinterzimmern von Altenheimen. Nicht auf einmal, nach und nach über Monate hinweg übers Land verteilt. Vielleicht ist deshalb das große Erschrecken ausgeblieben? Hat die versteckte Angst auch vor der widerspenstigen Varianz der Krankheit uns die Kehlen zugeschnürt, dass der große Aufschrei unterbleibt? Was werden Archäologen in 2 000 Jahren über uns sagen können, wenn wir die Erde bis dahin nicht sprichwörtlich selbst durch die Schornsteine gejagt haben? Wie werden die Urteile sein, wenn die zukünftigen Generationen in den Archiven die Bilder des Todes sehen, die Not in den Kliniken, den rechthaberischen Streit von Parteien oder Verbänden bei gleichzeitig vollen Weihnachtsmärkten oder Fußballstadien?

 Diese Pandemie stellt die Systemfrage und die nach der Qualität der gesellschaftlichen Führungseliten. Sie geht über die reine Frage nach einem guten Gesundheitssystem hinaus. Denn: Systeme und ihre Führung bewähren sich insbesondere in Krisenzeiten, ihre Leistungsfähigkeit ist erst dann bei einem großen allumfassenden Belastungstest  richtig gefragt. Sie hängt ab nicht nur von guten effizienten Strukturen sondern auch von Entscheidern, die sie schnell und zielgerichtet zu nutzen wissen. Gerade in Krisenzeiten heißt es auch „Angst essen Seele auf „. Hier ist Führung besonders gefragt. Je länger die Krise dauert, desto größer wird sie und mit ihr das fehlende Vertrauen in die Qualität  der gesellschaftlichen Führungskräfte, ob Parteien, Verbände, Standesorganisationen oder Kirchen, die Ohnehin auf der Suche nach ihrem moralischen Kompass sind.  Vielleicht ist Führung und damit auch der öffentliche Mut, Richtung zu weisen, den Deutschen nach den historischen Verführungen des letzten Jahrhunderts abhanden gekommen oder nur schwer vermittelbar. Die Spaltung der Gesellschaft dauert ja schon zu lange und findet ihren Ausbruch auch in dieser Pandemie. Die Parteien  scheinen trotz dieser großen Herausforderungen keine Antworten zu finden sondern sich  weiter in den Kampfaufstellungen von Pompeji zu bewegen. Ihre Offiziere, ihre Führungskräfte sind verbraucht. Sie setzen keine Zeichen und seien sie „ nur „ von symbolischem Wert-Willy Brandts Kniefall in Warschau, Hans-Dietrich Genschers Ansprache auf dem Prager Botschafterbalkon vor DDR-Flüchtlingen, ja auch das gemeinsame Versprechen von Angela Merkel und Peer Steinbrück zur Währungsstabilität in der Finanzmarktkrise waren solche spürbaren politische Signale, die weit über den Tag hinaus reichten. Sie haben die Menschen bewegt – und dieses Land braucht vor allem Bewegung. Wer mehr Fortschritt wagen will, der muss auch führen wollen

Vielleicht gibt es auch einen Bundespräsidenten, der mit Scholz und Merkel vor die Öffentlichkeit tritt – trotz aller verfassungsrechtlichen Reichsbedenkenträger.

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Martin Schmuck

Als Journalist arbeitete Schmuck für die DPA und den WDR und leitete das ZDF-Landesstudio NRW in Düsseldorf bevor er Sprecher des Bundesfinanzministers unter Peer Steinbrück wurde. Heute ist der Autor Kommunikationsberater.


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