Symbolbild "Krieg und Flüchtlinge"

Das Leben gerettet- immerhin. Flüchtlinge aus der Ukraine-geflohen vor Putins Krieg

Alte Frauen, alte Männer, junge Mütter, Babies. Flüchtlinge stehen am Aufgang zur Brücke über die Oder in Slubice mit Taschen, Plastikbeuteln, kleinen Rollkoffern. Seit fünf, sechs Tagen werden es immer mehr. Sie wollen auf die andere Seite nach Frankfurt / Oder. Zum Hauptbahnhof. Es ist kalt und windig. Manche von ihnen werden abgeholt von Freunden, andere von Verwandten aus Berlin, aus Hamburg vorwiegend. So richtig wissen, wo sie sind, tun sie nicht. Wenn sie sprechen, was nur wenige tun, ist es eine Mischung aus Ukrainisch, Polnisch, Englisch. Ihre richtigen Namen sollen sie nicht sagen. Sie haben Angst vor dem Krieg in ihrer ukrainischen Heimat. „Wir sind Flüchtlinge in unserem eigenen Land,“ flüstert Maria, die ihren richtigen Namen nicht nennen will. Wo sie herkomme? „Aus Schostka“. Das ist die Partnerstadt von Slubice und liegt im Oblast Sumy, im Nordosten der Ukraine. Die russische Grenze ist 50 Kilometer nahe. Die Schwesterstadt von Slubice ist von russischen Truppen eingeschlossen.

Die Menschen und die Stadtverwaltung in Slubice versuchen zu helfen. Sie halten Kontakt zu Schostkas Bürgermeister Mykola Noha, per Videobotschaften. Das klappt nicht immer. Maria, ihre kleine Tochter, ihre alte Mutter, deren Mann, sind unterdessen auf dem Weg zum Bahnhof. Zu Fuß am Oderturm vorbei. Vier Tage haben sie aus dem Nordosten der Ukraine bis nach Slubice gebraucht. Die polnische Polizei ist freundlich, die Bundespolizei auch. Alle machen einen erschöpften Eindruck und Angst haben sie auch. „Was wird aus unseren Männern werden die zu Hause geblieben sind? Was wird aus uns werden, jetzt hier? Wir versuchen Kontakt zu halten. Doch die Nachrichten sind nicht gut. Das ist erst der Anfang,“ klagt sie mit leeren Augen. In Schostka ist die Versorgungslage schlecht, hat auch der Bürgermeister in den zurückliegenden Tagen geschrieben. Es fehle vor allem an Babybahrung.

In Slubice wird gesammelt, für die Flüchtlinge, für die Zurückgebliebenen: Warme Kleidung, Regenmäntel, Seife, Zahnpasta, Zahnbürsten, Windeln für Kleinkinder und alte Frauen, Nüsse, Konserven, Trockenfrüchte, Kerzen und Batterien. Vor allem Medikamente. Das alles kann abgegeben werden den ganzen Tag über in der Sporthalle in der Ulica Pilsudskiego 17.  Die Sprecherin des Rathauses, Beata Bielecka, ist eine vielgefragte Frau.  Immer wieder muß sie erklären, was gebraucht wird und wo es abgegeben werden kann. Im Grunde sind alle überfordert. Wie auch nicht. Die Menschen, die über die Oderbrücke ziehen, geflohen vor von dem Krieg in ihrer Heimat, vor der Ungewißheit, was aus ihren Freunden, Verwandten, Bekannten wird. Werden sie überleben? Die Polizisten an der Grenze von der brutalen Wirklichkeit: „Dies übersteigt alles, was ich mir habe vorstellen können,“ sagt ein junger Beamter kopfschüttelnd.

In der Großen Scharnstraße, dort wo das Hauptgebäude der Europa-Universität ist, sitzen zwei alte Männer auf den Treppen, die hinein in den Oderturm führen. Zwischen den Beinen alte Ledertaschen. Mehr haben sie nicht dabei. Sie können nicht mehr. Wo der Bahnhof ist, wissen sie nicht. Zwei junge Leute bleiben stehen, schauen auf sie herab. „Das ist noch weit,  `ne halbe Stunde.“ „Für uns nicht,“ erwidern die beiden Alten. Sie wollen nach Berlin, da sei ein großer Bahnhof, sei ihnen gesagt worden. Da gäbe es auch Tee und etwas zum Essen und Schlafdecken. „Wo sie denn herkommen?“ – „Aus Kiew. Das ist die Stadt von Tarass Schewtschenko.“ Dann stehen sie auf, ziehen ihre zerschlissenen Mäntel zusammen und gehen langsam davon.

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Der Fernseh- und Radiojournalist arbeitete als Kulturredakteur und später als ARD Korrespondent in Washington und Mexiko. Seit 2002 ist Hafkemeyer Professor an der Berliner Universität der Künste.


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