Kindesmißbrauch - Symbolbild

Das verlorene Vertrauen in den Kardinal – Der Umgang des Kölner Oberhirten Woelki mit dem Missbrauchsthema

Das Vertrauen vieler gläubiger Menschen ist erschüttert. Unverhohlen äußerte die Laienvertretung der Kölner Katholiken in der letzten Woche Bedenken, ob die Aufdeckung von Missbrauchsfällen in der Erzdiözese bei der Bistumsleitung unter Kardinal Rainer Maria Woelki in guten Händen sei. Der Vorstand des Diözesanrats  meldete „aufgrund der Ereignisse der vergangenen Jahre, Wochen und Tage“ Zweifel an, ob Woelki und sein Generalvikariat wirklich in der Lage sind, einen „Neuanfang zugunsten von Aufklärung, Recht und Gerechtigkeit“ zu ermöglichen.

Noch unverhohlener und in dieser Schärfe ungewohnt kritisierten zuvor junge Katholiken der Diözese im BDKJ (Bund der Deutschen Katholischen Jugend) den Kardinal. In einer Pressemitteilung vom 12. November nannten sie den Umgang der rheinischen Kirchenleitung mit Missbrauchsopfern „beschämend“ und legten Woelki den Rücktritt nahe. „Als Vertreter*innen von Kindern und Jugendlichen wollen wir niemanden  in einer verantwortungsvollen Position sehen, der das Vertrauen so vieler erschüttert hat und nur zum Schutz der Institution Kirche die Opfer sexualisierter Gewalt allein gelassen hat“, warf die Vertretung von etwa 50.000 Jungkatholiken dem Kardinal einen Misstrauensantrag vor die Füße.

„Beschämend“, wie der BDKJ die Instrumentalisierung von Missbrauchsopfern durch Woelki und seine Administration bezeichnet, ist fast noch freundlich zurückhaltend, gemessen an anderen Urteilen. Der Jesuitenpater Klaus Mertes, der 2010 als Leiter des Berliner Canisius-Kollegs offensiv die Aufklärung der dunklen Schuld katholischer Würdenträger anstieß, nannte das Vorgehen Woelkis im Interview mit dem „Kölner Stadtanzeiger“ auf „absurde Art gruselig“. In einem Kommentar der FAZ-Sonntagszeitung vom 8. November war von Woelki als einem „ruchlosem Kardinal“ die Rede. Und Joachim Frank, Chefkorrespondent des „Kölner Stadtanzeiger“, Theologe und Vorsitzender der Gesellschaft katholischer Publizisten Deutschlands urteilte über Woelkis Volten bei dem Umgang mit Missbrauchsopfern in seiner Diözese: „Wer sich so etwas ausdenkt, hat Anstand und Gewissen an der Garderobe oder in der Sakristei abgegeben.“

Starker Tobak. Es gilt ausgerechnet jenem Kardinal, der sich 2018 an die Spitze der innerkirchlichen Aufklärer setzen und schonungslos Verfehlungen von Priestern und deren Vorgesetzten „ungeschönt und ohne falsche  Rücksichten“ ans Licht bringen wollte.

Ein Gutachten der Münchner Anwaltskanzlei Westphal, Spilker und Wastl, die auch von anderen Bistümern mit der Aufklärungsarbeit beauftragt wurde, sollte Licht in vertuschte Missbrauchsfälle oder verhinderte Aufarbeitung bringen. Als im Frühjahr erste Details des Gutachtens bekannt wurden und dabei auch die Namen möglicher Mitwisser aus dem Generalvikariat des damaligen Kölner Kardinals Joachim Meisner öffentlich wurden, stockte die Neigung der Bistumsleitung, das Gutachten zu veröffentlichen. Von juristischen Mängeln der Arbeit war die Rede. Von der Befürchtung, Betroffene, die bei der Aufklärung von Missbrauchsfällen eher den Schutz der Täter als den der Opfer im Auge gehabt hätten, und bei Nennung ihrer Namen juristisch gegen das Gutachten und damit gegen die Bistumsleitung vorgehen könnten, war in mehreren Medien zu lesen.

Das Gutachten der Münchner Kanzlei wurde auf Eis gelegt. Stattdessen beauftragte der Kardinal eine Kölner Kanzlei, ein neues Gutachten zu erstellen. Als die Debatte über dieses Vorgehen in den letzten Wochen immer höhere Wellen schlug, holte sich Woelki bei dem von ihm eingesetzten Betroffenenrat der Missbrauchsopfer die Zustimmung, dass das Münchner Gutachten wegen Fehlerhaftigkeit nicht veröffentlicht werden sollte. Schönheitsfehler dabei: Die Betroffenen hatten über ein Gutachten zu urteilen, das sie selbst gar nicht kannten. Ein Vorgehen, von dem der in seinem Bemühen um Aufklärungsarbeit anerkannte  Jesuitenpater Klaus Mertes im „Stadtanzeiger“ urteilte: „Das Erzbistum beruft sich für das neue Gutachten auf einen Wunsch der Betroffenen. Die Opfer so in die Mitverantwortung zu nehmen ist eine Wiederholung des Missbrauchs.“ Als sie sich dieser „Wiederholung des Missbrauchs“ bewusst wurden, legten mehrere Mitglieder des Betroffenenrats ihre Unterstützung für Woelkis Aufklärungsarbeit nieder.

Zusätzliche Brisanz erhielt die harsche Kritik der Kölner Diözesanleitung über die Arbeit der Münchner Kanzlei in der letzten Woche, als der Aachener Bischof Helmut Dieser ein Gutachten eben dieser Kanzlei über Missbrauch in seinem Bistum unter Namensnennung verstorbener und lebender Beschuldigter veröffentlichen ließ.

Kein Grund für den Kölner Kardinal von seiner Haltung abzugehen. Im Gegenteil. Er klagte dieser Tage, es sei tragisch, „dass meine gute Absicht durch das schlechte Gutachten vereitelt wurde“. Eine Sichtweise, dem sich selbst die Laienseelsorger des Bistums nicht anschließen wollten. In einem Schreiben an ihren Kardinal machten Laien- und Pastoralreferenten laut „Stadtanzeiger“  vielmehr das fortgesetzte Schweigen für das schwindende Ansehen und den Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche verantwortlich. Ein Urteil, das für den Vertrauensverlust zwischen Gläubigen und ihrem Oberhirten steht. Und darin besteht eine besondere Tragik. Als Woelki 2014 nach einem kurzen Interregnum aus Berlin als Nachfolger Meisners nach Köln zurückkehrte, hatten viele die Hoffnung, dass ein äußerst konservatives Regime ein Ende habe. Es gab ermutigende Zeichen, dass der neue Oberhirte den Dialog mit allen Gruppen führen wolle. Seine Volksnähe, seine Offenheit, sein Verzicht auf äußere Insignien wurden von der Diözese als befreiend aufgenommen. Doch dieser Schwung scheint dahin. Auf Kritik, auch vor allem auf den Aufklärungsanspruch der Medien in Sachen Missbrauch, reagierten die Öffentichkeitsarbeiter Woelkis zunehmend gereizt. Der erfahrene Journalist, langjähriger US-Korrespondent mehrerer Zeitungen und zuletzt Chefredakteur der „Augsburger Allgemeine“, Markus Günther, der 2019 als Kommunikationsdirektor des Kardinals nach Köln kam, kritisierte die Berichterstattung – vor allem die von Joachim Frank im „Stadtanzeiger“ als nicht fair und ausgewogen“. Das „Sinnstiftende“ käme ihm zu kurz. Die Kirche sei zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Statt über diese strukturellen Mängel zu sprechen, gab der oberste Öffentlichkeitsarbeiter Woelkis den Wink: „Ich würde gern über den Glauben sprechen, über Gott, darüber, dass wir die schönste Hoffnung, die es gibt, im Angebot haben.“ Ein abgehobener Kommunikationsanspruch, in dem Hoffnungen und Leiden der Opfer außen vor bleiben.  

Bildquelle: Pixabay, Bild von Alexas_Fotos, Pixabay License

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Norbert Bicher

Als Parlamentskorrespondent der „Westfälischen Rundschau“ arbeitete Bicher als Journalist, bevor er 1998 Pressesprecher der SPD-Bundestagsfraktion wurde. Er war Sprecher des SPD-Fraktionsvorsitzenden wie auch des Bundesverteidigungsministers Dr. Peter Struck.


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