Buchtitel: Schicht im Schacht

Der Buschkowsky von Altenessen: Jörg Sartor

Jörg Sartor ist so etwas wie der Heinz Buschkowsky von Altenessen. Buschkowsky, der Mann aus Neukölln, hat seiner Partei, der SPD, immer wieder die Leviten gelesen, weil er nicht einverstanden war mit der Politik der Genossen, zu abgehoben, zu weit weg von den Sorgen der Menschen von nebenan. Jörg Sartor ist wie Buschkowsky ein unbequemer Zeitgenosse, der zuletzt aus Wut über die Genossen die CDU gewählt hat, wie er selber gesagt hat. Durch den vorübergehenden Ausschluß von Ausländern bei der Essener Tafel, dessen Vorsitzender er ist, wurde er bundesweit bekannt. Er schloss sie damals aus, weil die deutsche Oma von nebenan sich bedrängt, ja weggeschubst fühlte von den Nicht-Deutschen, die in der Schlange standen. Jetzt hat dieser Sartor ein Buch geschrieben. „Schicht im Schacht“, heißt es in Anlehnung an seinen früheren Beruf.

Wenn man das Thema Essener Tafel und Jörg Sartor verfolgt, spürt man, dass da einer auch abrechnen will mit seiner alten Liebe, der SPD. Dabei war die SPD im Ruhrgebiet früher mal d i e Partei der Arbeiter, der Bergleute, der kleinen Leute. Absolute Mehrheiten für die SPD waren in Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Bochum und Dortmund der Normalfall, vor allem in den Arbeiterbezirken wie Altenessen kriegte die CDU früher keinen Stich. Heute stellt sie in Thomas Kufen den Essener Oberbürgermeister. Kein Überflieger, dieser Kufen, er gewann die letzte Wahl, weil die SPD im parteiinternen Streit die Sorgen der Menschen schlichtweg übersah. Bestes Beispiel für mich ist einer wie Jörg Sartor. Ich kenne das Revier, komme selber aus der Ecke, nicht aus Essen, sondern aus dem Kreise Recklinghausen, in der Nähe des Schiffshebewerks geboren. Thomas Kufen, so lese ich in der WAZ, für die ich selber viele Jahre als Redakteur gearbeitet habe, hat das Buch zusammen mit Sartor vorgestellt, die beiden schätzen einander. Kufen gilt als Politiker, der zuhören kann.

Schwielen, Narben, Augenringe

Wer das Ruhrgebiet kennt, weiß, dass dort früher ordentlich Geld verdient wurde, aber die Leute auf den Zechen und in den Hütten mussten dafür auch „malochen“, wie es in der Sprache der Kumpel heißt, viel und hart arbeiten. Das Revier war nie ein Ausflugsgebiet, nicht von der Sonne verwöhnt, hier packte man an, holte sich Schwielen, Narben, die Kumpel unter Tage Augenringe, die auch mit Kernseife nicht so richtig weggingen. Hier half man sich übern Zaun, wie gesagt wurde, der eine Nachbar sprang dem anderen bei, wenn Not am Mann war. Die Menschen im Ruhrgebiet haben immer gern hier gelebt, weil es offen und ehrlich zuging. Aber die Verhältnisse haben sich mit dem Niedergang der Stahl-Industrie und dem Aus der Steinkohle verändert, vieles ist schlechter geworden, weil nicht mehr so gut verdient wird wie einst, weil Hartz-IV-Bezieher an der Ruhr nicht der Ausnahmefall sind.

Schaut man auf den Buchdeckel von „Schicht im Schacht“, liest man die Probleme: Verarmung, gescheiterte Integration, gespaltene Gesellschaft- der Niedergang des Ruhrgebiets.“ Der Norden der Region ist im Grunde von Armut gezeichnet, im Süden von Essen und Bochum zum Beispiel wohnen die Reichen, wenn sie nicht schon nach Hösel bei Düsseldorf gezogen sind. Im Ruhrgebiet ist das seit Jahren zu spüren, was man als Kluft zwischen Arm und Reich bezeichnet, überschuldete Städte, die sogar einen Kredit aufnehmenn mussten, um ihren Soli-Anteil zu bezahlen, der in den Aufbau Ost wanderte. Seit Jahren wird das kritisiert, geändert wird leider nichts. Seit langem wird ein Aufbau West gefordert, zuletzt hatte sich NRW-Ministerpräsdient Armin Laschet dahingehend stark gemacht. Man kann nur hoffen, dass sich endlich etwas verändert, dass den Worten Taten folgen. Ein Masterplan für das Revier, das wäre was, um Straßen, Brücken und Schulen wieder auf Vordermann zu bringen, um Arbeitsplätze zu schaffen. Hier ist vieles im Argen, abgewohnt, heruntergewirtschaftet, grau in grau. Schrottimmobilien, die von Clans zu Geld gemacht werden, weil sie Rumänen und Bulgaren hier in Massen unterbringen.

Wer Jörg Sartor vor Jahr und Tag zugehört hätte, wüsste von den Sorgen von Millionen Menschen an der Ruhr. Aber wenn man einem solchen Mann nicht zuhört, der Tag für Tag mit den Problemen der Menschen, der Ärmsten der Armen zu tun hat, darf sich nicht wundern, wenn er im Parteien-Wettbewerb den Anschluss verliert. Beispiel gefällig? Kapitel 12: „Tief im Westen schließen städtische Schwimmbäder, Theater und öffentliche Bibiliotheken. Schulgebäude verlottern, weil den Kommunen das Geld für die Sanierung oder aber die Mittel für jenes zusätzliche Personal fehlen, um die Reparaturen in Gang zu bringen. Das Straßen -und Brückennetz ist teils völlig veraltet, die Sozial- und Integrationslasten explodieren, der bezahlbare Wohnraum schwindet, die Wirtschaftsleistung im NRW-Kernland an Emscher und Ruhr lässt zu wünschen übrig.“ So wörtlich Jörg Sartor, der sich fragt, „warum die Menschen an der Ruhr nicht längst auf die Straße gegangen sind.“ Fakt ist nämlich, „dass jeder fünfte Einwohner an der Ruhr am Tropf staatlicher Stütze hängt“.

Die einst blühende Montanregion, der die Republik nach dem Krieg den Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder verdankt, ist abgehängt. Sartor regt eine „Bad Bank fürs Revier“ an, eine Art Landesgesellschaft, die alle Altschulden übernehmen solle, so wie bei der einstigen NRW-Landesbank WestLb. „Wenn wir Griechenland mit Milliardenbürgschaften über Wasser halten können, um die Europäische Union zu stabilisieren, wenn wir in der Immobilienkrise die Banken mit zig Milliarden stützen konnten, warum tun wir es jetzt nicht mit dem bevölkerungsreichsten Ballungsraum Deutschlands?“ Fragt Sartor. Und der am Ende fordert: „Wir brauchen einen Aufbau West. Glückauf.“

Jörg Sartor, Axel Spilcker: Schicht im Schacht. Heyne-Verlag München. 2019.221 Seiten. 9.99 Euro

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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