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Der Mord der KI. Gastbeitrag von Axel Fersen

Gastbeitrag Von Gastbeitrag
12. Juni 2026
Dystopisches Bild von einem Kriegsschauplatz. In der Mitte ein bewaffneter Cyborg. Bild AI generiert.

In der Ukraine sollen erstmals vollautonome Drohnen eigenständig Menschen getötet haben. Warum dieser Schritt unverzeihlich ist, warum er auf die Ebene von Massenvernichtungswaffen gehört – und warum die Bundesregierung jetzt handeln muss.

Am Anfang steht ein Acker. Zwei Brüder gehen hinaus, Kain und Abel, und der eine hebt die Hand gegen den anderen. Gott fragt: „Wo ist dein Bruder Abel?“ Und Kain antwortet mit dem Satz, der seither wie ein Schatten über der Menschheitsgeschichte liegt: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ (1. Mose 4,9). Es ist nicht nur die erste Ausrede eines Mörders. Es ist die Geburtsurkunde der Verantwortungslosigkeit. Seit jenem Tag ist die Geschichte der Gewalt auch eine Geschichte der Ausreden: Der Speer war nur ein Werkzeug. Das Schwert nur Metall. Die Bombe nur ein Mittel. Der Befehl kam von oben. Der Kollateralschaden war bedauerlich.

Nun steht die Menschheit an einer Schwelle, die tiefer reicht als jede neue Waffe zuvor. Denn wenn ein autonomes System ohne menschliche Entscheidung tötet, hebt nicht mehr Kain die Hand. Dann baut Kain eine Hand, programmiert ihren Zorn, schickt sie fort – und wäscht sich die Hände, noch bevor Blut an ihnen kleben kann.

Genau dieser Schritt, so muss man seit dieser Woche fürchten, ist bereits getan.

Was geschehen sein soll

Nach einem Bericht des New Scientist, den deutschsprachige Medien breit aufgreifen, hat eine ukrainische Einheit vor rund zwei Jahren im Raum Bachmut und Tschassiw Jar zehn KI-gesteuerte Quadkopter eingesetzt, intern „Terminator“ genannt. Die Drohnen flogen demnach drei bis fünf Kilometer in Richtung Front, schalteten dort in einen autonomen Angriffsmodus und suchten, wählten und töteten ihre Ziele selbst. Keine Funkverbindung, kein Videobild, keine Abbruchmöglichkeit. Erst Aufklärungsdrohnen fanden später das Ergebnis: mehrere tote russische Soldaten, einen zerstörten Lastwagen. Der Drohnenunternehmer Alexander Kokhanovskyy, der die Technik lieferte, schilderte den Einsatz vor wenigen Tagen bei einem Presseauftritt in der ukrainischen Botschaft in London mit einem Satz von entwaffnender Kälte: „Alles, was sie sahen, wurde getötet.“

Journalistische Redlichkeit verlangt den Hinweis: Unabhängig verifiziert ist der Vorfall nicht. Es gibt keine Aufzeichnung, Kokhanovskyy war nicht vor Ort, das ukrainische Verteidigungsministerium lässt Anfragen unbeantwortet. Schon 2021 hatte ein UN-Bericht über Libyen den Verdacht autonomer Angriffe dokumentiert, bestätigte Opfer gab es nie. Die Schwelle ist also möglicherweise überschritten – der Beweis liegt im Nebel des Krieges. Doch genau das macht den Fall so gefährlich: Der erste autonome Mord der Militärgeschichte beginnt nicht mit einem Geständnis vor Gericht, sondern mit einer beiläufigen Erzählung auf einem Presseempfang. Und niemand dementiert. Mehr noch: Die Ukraine verbietet bislang selbst den Einsatz von KI in der letzten Phase der Zielbekämpfung – doch laut Kokhanovskyy verhandelt Kyjiw mit der Rüstungsindustrie bereits über eine Lockerung dieser Regel. Was als einmaliger „Test“ deklariert wird, liegt als Verfahren längst auf dem Tisch.

Warum wenige Tote alles ändern

Man könnte einwenden: ein paar tote Soldaten, ein Lastwagen – in einem Krieg, der Hunderttausende verschlungen hat und in dem Drohnen ohnehin längst die tödlichste Waffe sind. Nach Schätzungen des Council on Foreign Relations gehen bis zu 80 Prozent der Gefallenen in der sogenannten Kill Zone direkt oder indirekt auf ihr Konto. Gemessen daran wirkt dieser eine Vorfall beinahe undramatisch. Genau diese Undramatik ist die Täuschung.

Hiroshima war nicht deshalb der Zivilisationsbruch, weil dort mehr Menschen starben als anderswo. Die Brandnacht von Tokio im März 1945 forderte mehr Tote als der Atomblitz an seinem ersten Tag. Hiroshima und Nagasaki waren der Bruch, weil eine neue Kategorie des Tötens in die Welt kam, die sich nie wieder aus ihr herausnehmen ließ – und weil Menschen skrupellos genug waren, sie am lebenden Objekt zu erproben, im vollen Wissen, dass jeder weitere Einsatz fortan nur noch eine Frage der Entscheidung sein würde, nicht mehr der Möglichkeit.

Nichts anderes geschieht hier. Das Unverzeihliche liegt nicht in der Zahl der Opfer dieses einen Einsatzes. Es liegt in der Skrupellosigkeit, den Schritt überhaupt zu gehen – denn dieser Schritt ist, einmal getan, unendlich wiederholbar. Wer die Entscheidung über Leben und Tod ein einziges Mal an eine Maschine abtritt, hat sie millionenfach abgetreten: Software kennt keinen Einzelfall, nur Wiederholung. Eine FPV-Drohne kostet wenige Hundert Euro, ein KI-Modul wenig mehr, die Ukraine allein produziert Millionen Drohnen pro Jahr, Russland zieht nach. Was gestern zehn Quadkopter waren, sind morgen zehntausend – und übermorgen Schwärme, die niemand mehr zurückruft, weil niemand mehr mit ihnen verbunden ist. Die Büchse der Pandora ist geöffnet. Sie wurde nicht aufgestoßen von einem Verzweifelten in höchster Not. Sie wurde aufgeschlossen, getestet und anschließend auf einem Empfang vorgestellt.

Der Mord der KI

Solange ein Mensch den letzten Befehl gab, blieb im Töten ein Rest moralischer Gegenwart. Einer sah. Einer entschied. Einer konnte zögern, einer konnte sich weigern, einer konnte erkennen: Dort läuft kein Feind, dort läuft ein Kind. Autonome Waffen schneiden diesen letzten Faden durch. Sie sehen keine Menschen, sie verarbeiten Signale: Wärmebilder, Bewegungsmuster, Silhouetten. Körper werden zu Datenpunkten, Flucht wird zu Verhalten, Leben wird zu Klassifikation. Dann fällt die Entscheidung – nicht im Gewissen eines Menschen, sondern in einer Rechenoperation, deren innere Logik oft nicht einmal ihre Erbauer vollständig erklären können.

Die Oxford-Ethikerin Mariarosaria Taddeo bringt es gegenüber dem New Scientist auf den Punkt: Das Töten durch KI sei zutiefst verwerflich, weil es den Getöteten die Würde und den Angreifern die Verantwortung nehme. Wenn der Algorithmus den Zivilisten mit dem Soldaten verwechselt – wer haftet? Der Programmierer beruft sich auf die Daten, der Kommandeur auf das System, der Hersteller auf den Auftrag, der Staat auf die Notwendigkeit. Übrig bleibt das Perfekteste, was die Geschichte der Ausreden je hervorgebracht hat: der Mord ohne Mörder. Kain muss die Frage Gottes nicht mehr mit einer Lüge beantworten. Er muss sie gar nicht mehr hören.

Deshalb ist die Einordnung keine Übertreibung, sondern Präzision: Waffensysteme, die eigenständig über Leben und Tod entscheiden, gehören in dieselbe Kategorie wie atomare, biologische und chemische Massenvernichtungswaffen – Waffen, deren Wirkung sich menschlicher Kontrolle und menschlichem Maß entzieht und die deshalb als Ganzes geächtet werden müssen, nicht bloß reguliert. UN-Generalsekretär António Guterres nennt sie seit Jahren „politisch inakzeptabel und moralisch abstoßend“; das autonome Anvisieren von Menschen durch Maschinen sei eine moralische Linie, die niemals überschritten werden dürfe. Eben diese Linie ist nun, wenn der Bericht zutrifft, überschritten worden. Der Einsatz solcher Systeme muss völkerrechtlich als Kriegsverbrechen kodifiziert und geahndet werden – im moralischen Urteil der Geschichte wird er ohnehin dort stehen, wo Hiroshima und Nagasaki stehen. Und wer solche Systeme losschickt, ihren Einsatz anordnet oder ihn duldet, gehört vor ein internationales Gericht. Dass der Buchstabe des Rechts dieser Tat noch hinterherhinkt, ist kein Freispruch. Es ist der eigentliche Skandal.

Sechs Monate vor Mitternacht

Denn untätig war die Welt nicht aus Unwissenheit, sondern aus Kalkül. Seit Oktober 2023 fordern der UN-Generalsekretär und die Präsidentin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz gemeinsam, bis Ende 2026 ein rechtsverbindliches Verbot autonomer Waffensysteme abzuschließen. Im Dezember 2025 stimmten 164 Staaten in der UN-Generalversammlung für die jüngste Resolution zu autonomen Waffen – dagegen votierten sechs, darunter Russland, die USA und Israel. Die Genfer Expertengruppe soll bis zur Überprüfungskonferenz der UN-Waffenkonvention Ende 2026 die Elemente eines Abkommens vorlegen. Sechs Monate bleiben bis zu jener Frist, die sich die Menschheit selbst gesetzt hat. Und was meldet die Welt sechs Monate vorher? Keinen Vertrag. Den ersten Vollzug.

Russland, das diesen Krieg begonnen hat und selbst mit Hochdruck an autonomen Systemen arbeitet, stimmt gegen jede verbindliche Regel – die Kritik an Kyjiw entlastet Moskau um keinen Millimeter. Aber gerade wer der Ukraine ihr Recht auf Verteidigung zugesteht, muss die Grenze benennen, an der Verteidigung in Zivilisationsbruch umschlägt. Ein Land, das erklärt, für die regelbasierte Ordnung zu kämpfen, darf nicht das erste sein, das die älteste Regel des Tötens bricht: dass am Ende ein Mensch entscheidet und ein Mensch verantwortet.

Und Berlin? Die Koalitionsverträge von 2018 und 2021 versprachen noch, autonome Waffensysteme, die der Verfügung des Menschen entzogen sind, abzulehnen und weltweit zu ächten. Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD von 2025 ist davon kein Wort mehr übrig – stattdessen die Ankündigung, Künstliche Intelligenz und unbemannte Systeme verstärkt in die Streitkräfte einzuführen. Die Bundesregierung trägt damit Mitverantwortung für ein Klima, in dem der Tabubruch zur Randnotiz wird. Eine offizielle Verurteilung des Vorfalls? Bislang nicht zu vernehmen. Dabei wäre jetzt dreierlei zwingend. Erstens: Die Bundesregierung muss diesen Tabubruch öffentlich und unmissverständlich verurteilen – gegenüber Gegnern wie gegenüber Partnern, denn Freundschaft entbindet nicht von Wahrheit. Zweitens: Deutschland muss sich an die Spitze derer setzen, die vor Ablauf der Frist Ende 2026 ein sofortiges, völkerrechtlich verbindliches Verbot autonom tötender Waffensysteme durchsetzen wollen – so, wie es einst bei Landminen und Streumunition gelang. Drittens: Diese Systeme sind förmlich auf die Ebene von Massenvernichtungswaffen zu stellen, ihr Einsatz ist als Kriegsverbrechen zu verfolgen.

Der Anfang – oder die Umkehr

Die Apokalypse beginnt nicht mit Feuer vom Himmel. Sie beginnt mit der Sprache der Normalisierung: „System erfolgreich getestet.“ „Ziel neutralisiert.“ „Menschliche Kontrolle nicht erforderlich.“ So klingt das Ende nicht wie Donner. Es klingt wie ein Protokoll.

Und irgendwann fragt kein Gott mehr: Wo ist dein Bruder? Weil niemand mehr weiß, welcher Algorithmus ihn getötet hat. Der Untergang der Menschheit muss nicht aussehen wie ein großer Knall. Er kann aussehen wie eine Kette rationaler Entscheidungen, wie ein Beschaffungsvorgang, wie ein Softwareupdate, wie ein Test unter realen Bedingungen, dessen Ergebnis später jemand auf einem Empfang erzählt.

Am Anfang stand ein Acker. Am Ende könnte ein Himmel stehen, verdunkelt von Schwärmen. Deshalb muss benannt werden, was hier begonnen hat, klar und ohne diplomatische Watte: Die Nutzung Künstlicher Intelligenz zur Ermordung von Menschen ist der Beginn der Selbstvernichtung der Menschheit. Wer Maschinen auf Menschen hetzt, hat diesen Anfang gemacht. Wer es zulässt, macht sich mitschuldig. Noch ist Zeit zur Umkehr – aber sie wird nicht von selbst kommen. Sie muss erkämpft werden, in den nächsten sechs Monaten, von allen, die nicht wollen, dass die Frage Kains eines Tages niemandem mehr gestellt werden kann.

Quellen

New Scientist (Juni 2026): Fully autonomous drones have killed human soldiers for the first time – https://www.newscientist.com/article/2529849-fully-autonomous-drones-have-killed-human-soldiers-for-the-first-time/

watson (Juni 2026): Ukraine – Russische Soldaten von autonomen KI-Drohnen getötet – https://www.watson.ch/international/russland/655323348-ukraine-russische-soldaten-von-autonomen-ki-drohnen-getoetet

Trending Topics (Juni 2026): Autonome Drohnen haben russische Soldaten in der Ukraine getötet – https://www.trendingtopics.eu/autonome-drohnen-haben-russische-soldaten-in-der-ukraine-getoetet/

UNODA: Lethal Autonomous Weapon Systems – Position des UN-Generalsekretärs (Verbot bis 2026) – https://disarmament.unoda.org/en/our-work/emerging-challenges/lethal-autonomous-weapon-systems

UN-Generalversammlung (Dezember 2025): Abstimmung zur Resolution „Lethal Autonomous Weapons Systems“ – https://press.un.org/en/2025/ga12736.doc.htm

UN-Sicherheitsrat, Panel of Experts on Libya (2021): Bericht S/2021/229 (Kargu-2) – https://undocs.org/S/2021/229

Killer Roboter stoppen / Facing Finance (2025): Abkehr von Verantwortung – zum Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD – https://www.killer-roboter-stoppen.de/2025/05/cdu-csu-und-spd-haben-mit-ihrem-koalitionsvertrag-verantwortung-fuer-deutschland-nicht-nur-den-klimaschutz-vernachlaessigt-sondern-auch-eine-abkehr-von-ruestungskontroll-politischen/

fluter / Bundeszentrale für politische Bildung (2026): Drohnenkrieg in der Ukraine (CFR-Schätzung zur Kill Zone) – https://www.fluter.de/drohnenkrieg-ukraine

Zum Autor: Axel Fersen ist Politikwissenschaftler und Experte für digitale Transformation und künstliche Intelligenz. Nach dem Studium an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz führte ihn sein Weg in die Technologiebranche. Heute lebt und arbeitet er in Barcelona. Politisch ist er seit 1984 in der SPD engagiert und Mitglied der katalanischen Schwesterpartei PSC. Er koordiniert den Erhard-Eppler-Kreis, gehört dessen Leitungskreis an, ist Vorstandsmitglied des Europa-Instituts für Sozial- und Gesundheitsforschung an der Alice Salomon Hochschule Berlin und wirkt in der Studiengruppe Technikfolgenabschätzung der Digitalisierung der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) mit.

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