Das Basil's in Köln Nippes

Die Kneipe – gelebte Alltagskultur.

Viele haben während des langen Lockdowns schmerzlich erlebt, was es bedeutet, wenn einem ein Treffpunkt und kommunikatives Zentrum wie die Kneipe plötzlich fehlt. Es fehlt schlicht und einfach ein Stück Alltagskultur.

Unsere Kneipe, das Basil’s, kennen wir, seit wir 1989 von der Kölner Südstadt nach Nippes gezogen sind. Während wir sie anfangs nur sporadisch besucht haben, gehen wir seit einiger Zeit ziemlich regelmäßig ins Basil`s. Hier trifft man immer auf Leute, mit denen man sich unterhalten kann. Einen Teil der älteren Stammgäste kennen wir noch von früher; aber viele Jüngere sind dazugekommen, so dass die Kneipe auch bei diesen einen gewissen Kultstatus hat. Das Positive ist: Alt und Jung kommen miteinander ins Gespräch.

Zu den Stammgästen gehört Sabine, die man fast täglich hier treffen kann. Sie lebt nach der Trennung von ihrem Mann allein und ist eine Art Frontfrau; sie organisiert die Tipprunden zur EM und WM und gemeinsam mit Pitt den kleinen Karnevalsverein Basilianer.

Dann ist da der Fordarbeiter Peter, der ebenfalls täglich nach der Schicht am Band vorbeischaut. Auch er lebt allein. Von ihm erfahre ich das Neueste vom FC, aber auch das ein oder andere aus der Produktion bei Ford.  Im Moment läuft es schlecht und er überlegt, ob er sich ‚abfinden’ lässt. Vor allem von seinen  türkischen Kollegen erzählt er. Sie bilden zusammen eine verschworene Gemeinschaft und lassen sich von keinem Vorgesetzten auf der Nase herumtanzen. Er ist ein guter Erzähler, und es macht Spaß, seinen Geschichten, die er stets im breiten Kölschen Dialekt vorträgt, zuzuhören.

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An einige Gespräche, die ich im Laufe der Jahre geführt habe, erinnere ich mich gern. Einige  Beispiele:

Unterhalte mich mit Frank Hocker, demGitarristen und Partner des Sängers Gerd Köster. Ich spreche ihn auf eine CD an, die sie zusammen mit dem Dichter Robert Gernhardt  produziert haben. Er ist verblüfft, weil es schon so lange her ist; ich hatte davon im Kölner Stadtanzeiger gelesen. Wir unterhalten uns über Robert Gernhardt und dessen Gabe, den Dingen eine gewisse Leichtigkeit  zu verleihen. Eine Mixtur aus Loriot und Heinrich Heine.

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Treffe den Fotokünstler: Rob Herff. Er hat ein neues Foto-Album gemacht; einige der Arbeiten hängen im Lokal an den Wänden. Uns gefällt vor allem eine Mondlandschaft, zur Hälfte von der Sonne beschienen. Wir kaufen das Bild. Die Grundfarben sind grau-bräunlich und bei der Gelegenheit erfahren wir, dass es die Farbe „reines Grau“ eigentlich gar nicht gibt; immer sind weitere Farben – rötliche; bläuliche und eben bräunliche Töne beigemischt. Wieder was gelernt.

Dann unterhalten wir uns über ein Filmportrait über Joseph Beuys.  Rob schätzt Beuys über alles und hält ihn für einen der größten Künstler unserer Zeit. Er spricht von dessen sozialem und politischem Engagement; seiner Auffassung von Demokratie, die z.B. darin gipfelte, dass er meinte, jeder Mensch sei ein Künstler. Ich merke an, dass mir seine Engagements durchaus sympathisch waren, vor allem, wenn man sie aus der Zeit der späten 60er Jahre heraus versteht. Seinem Statement, jeder sei ein Künstler, würde ich allerdings widersprechen. Wenn dem so sei, stelle die Kunst sich selbst infrage. Kunst habe mit Können zu tun und wenn es keiner besonderen künstlerischen Kompetenz mehr bedürfe, werde Kunst beliebig. Dann sei eben alles Kunst, was dazu erklärt wird. Wir diskutieren noch eine ganze Weile über die Bedeutung von Beuys. Rob lässt sich seinen Beuys nicht nehmen; muss er auch nicht.

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Erleben im Basil’s eine Musikdarbietung: ein (hervorragender) Gitarrist und Sänger spielt Blues und Popmusik; assistiert von unserem Nachbarn Jens, der Saxophon spielt. Auf eine sehr einnehmende Weise: nahezu zärtlich, auf jeden Fall zurückhaltend und sehr einfühlsam. Das Instrument kann man schließlich auch ganz anders spielen. Wir hören ihn im Haus oft üben; er wohnt in unserer ehemaligen Wohnung.

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Rede mit Valentin, einem Schauspiel-Studenten, über meinen Text Erinnerung und Sprache. Er hatte sich dafür interessiert und kommt von selbst auf mich zu, als er seinen Dienst hinter der Theke beendet hat. Wir reden darüber, dass die Erinnerung stets nach Maßgabe des gegenwärtigen Selbstbildes, das man von sich hat, konstruiert wird. Und dann schildert er, dass sein Vater ihm immer neue, teils sich widersprechende Schilderungen seiner Zeit in Rumänien geliefert hat: mal war er im Widerstand; dann wieder Teil des Systems. Er möchte ein Theaterstück darüber schreiben.

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Hochbetrieb herrscht stets, wenn der FC spielt; ob in der zweiten oder in der ersten Liga. Da sind drinnen und draußen etwa 100 bis 150 Leute versammelt und es geht hoch her, so dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Im Vergleich dazu kann man die BVB-Spiele in aller Ruhe genießen, obwohl die BVB-Fans die zweitgrößte Anhängerschaft bilden. Mitleidig belächeln sie derzeit die zwei Schalke-Getreuen, die stets demonstrativ ihren Talisman auf die Theke setzen; einen Teddybären in blau-weiß. Genutzt hat er ihnen im letzten Jahr nichts. Aber was sage ich: mit Werder habe ich es zur Zeit ebenfalls schwer. Absolute Minderheit unter den Fans. (Mein Beitrag im Blog der Republik über Werder wurde seinerzeit sogar mit einem grün-weiß verzierten Gartenzwerg bestückt!)

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Rede mit Adrian, einem Studenten. Er ist eigentlich schon am Aufbrechen. Dann kommen wir ins Gespräch und unterhalten uns noch ca. eine Stunde lang über seine Situation. Ich staune immer wieder, wie diese jungen Leute ihren Alltag bewältigen. Sie sind unentwegt in Bewegung; studieren noch und haben nebenher mehrere Jobs. A. arbeitet in einer Sozialeinrichtung, u.a. mit behinderten Kindern. Im Basil’s arbeiten ca. ein halbes Dutzend dieser jungen Leute, die hier eine Möglichkeit zum Nebenverdienst finden.

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Gespräch mit Christoph, der beim Kölner Stadtanzeiger arbeitet. Ich erzähle ihm, dass ich Mitte der 80er eine Studie über die Umsetzung der Arbeitszeitverkürzung beim KStA gemacht habe und viele Interviews mit dem damaligen Betriebsrat geführt habe – vor allem mit der Vorsitzenden Julia und ihren Stellvertretern. Er erzählt, wie Julia dem großen Alfred DuMont Paroli geboten hat und welch großen Rückhalt sie in der Belegschaft hatte.  

Petra berichtet von ihrer Zeit als Aushilfssekretärin beim Stadtanzeiger und dass sie während dieser Zeit und auch danach noch im Frauenausschuss der IG Druck und Papier mitgearbeitet hat. So kommt eins zum anderen. Mir fällt ein, dass ich einige Bildungsseminare mit Druckern und Setzern gemacht habe und wie belesen viele von ihnen waren. Christoph meint, das habe daran gelegen, dass die Leute mit der Schrift zu tun hatten. Als er vor über 20 Jahren beim Stadtanzeiger angefangen habe, gab es noch den Handdruck; danach den Offsetdruck und heute würden die meisten Texte direkt von den Redakteuren per Computer eingegeben. Dadurch seien viele Produktionsvorgänge weggefallen, z.B. das Drucken selbst, das Setzen, das Korrekturlesen usw. Julia habe erreicht, dass die Leute, deren Stellen wegfielen, saftige Abfindungen erhalten haben.

Christoph bietet an, uns den Betrieb zu zeigen. Das wäre insofern interessant, als wir noch den alten Betrieb aus der Breite Straße kannten.

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Erwerben vom Bildkünstler Jochen S. eine Straßenansicht der Neusser Straße. Bei der Gelegenheit zeigt er uns seine beachtliche Bildersammlung. Interessant: er kombiniert alte Stadtbilder von Köln mit neuen Ansichten. Das ergibt eine Konstellation, die höchst eindrucksvoll ist. Wir nehmen das Bild mit in unsere Ferienwohnung nach Wilhelmshaven, so dass immer ein Stück Köln um uns herum ist.

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Wieder ein interessantes Paar im Basil’s kennengelernt . Mit Volker, der beim Film arbeitet, hatte ich mich schon einmal unterhalten. Wir haben Anfang der 70er Jahre etwas zeitversetzt bei den gleichen Leuten in Marburg studiert. Christel ist freischaffende Literaturkritikerin beim WDR und Deutschlandfunk und arbeitet  für Denis Scheck. U.a. hat sie mehrfach Dieter Wellershoff interviewt, über den wir drei Bücher geschrieben haben. Zuletzt interviewte sie ihn kurz vor seinem 90. Geburtstag. So ergeben sich viele Anknüpfungspunkte. Erfreulich: es handelt sich bei ihr nicht um eine dieser typischen Medienfrauen, sondern um eine sympathische, unprätentiöse Frau, die aus einer Handwerkerfamilie aus dem Ruhrgebiet stammt.

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Eine Zufallsrunde. Diesmal dabei ein KfZ-Meister, der eine Werkstatt in Raderthal unterhält, aber immer wieder nach Nippes ins Basil’s kommt, weil er früher in der Nähe gewohnt und gearbeitet hat. Ich habe ihn schon oft hier gesehen, aber mich noch nie mit ihm unterhalten, da er meist  Kollegen dabei hat. Später gesellt sich ein Willy  dazu, der dreißig Jahre lang im Jazzlokal Streckstrumpf in der Altstadt gespielt hat. Heute tritt er meist nur noch auf Partys und kleineren Veranstaltungen auf. Natürlich reden wir darüber, welche Bedeutung die Jazzmusik in den 50er Jahren für uns hatte. Aber wir reden auch über die fehlenden bezahlbaren Wohnungen in Köln, die Verkehrspolitik u.a. kommunalen Probleme. Davon gibt es ja nun reichlich. Ich staune immer wieder, wie kompetent diese Leute urteilen und dazu pragmatisch. Was sind dagegen viele Politiker, die man jetzt gerade wieder im Wahlkampfmodus erlebt hat. Sie reden über alles und verstehen nur selten etwas von den Dingen, über die sie reden.

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Rede mit Anke, einer angehenden Lehrerin. Sie hat Evangelische Theologie in Marburg studiert und macht z.Zt. ein Referendariat. Wir diskutieren über die Rolle der Kirche. Sie findet es richtig, dass ich zwischen der Kirche als Institution und dem Glauben bzw. der Religion unterscheide; auch teilt sie meine Kritik vor allem an der katholischen Amtskirche mit ihren autoritären Strukturen und ihren (menschengemachten) Dogmen. Trotzdem gibt sie zu bedenken, ob eine Religion ohne eine feste Institution wie die Kirche als Referenzpunkt auf Dauer überleben würde.

Später erzählt sie, dass sie gerade im Unterricht den Expressionisten Ernst Wilhelm Lotz behandelt,den ich bis dahin gar nicht kannte. Ihr gefällt die direkte, unverblümte Sprache dieses Dichters, der weitgehende Verzicht auf überbordende Symbolik und die teilweise riskanten, weil verrückten Wortspiele. So heißt es etwa im Gedicht Wolkenüberflaggt: Da warf ich dem Chef an den Kopf seine Kladden / Und stürmte mit wütendem Lachen zur Türe hinaus –

Anke lässt ihren Schülern sehr viel Raum im Unterricht, um deren Phantasie anzuregen. Sie fordert sie auf, analog zu einem Gedicht von Lotz eigene Erfahrungen niederzuschreiben; es sei ganz erstaunlich, was die Schüler hervorbrächten, meint sie. Anke ist eine gute Lehrerin; so eine hätte man sich selbst gewünscht.

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Waren zu einem Benefiz-Konzert im Basil’s. Organisiert hatte es Marlene, die Schauspielerin, die auch hier bedient. Das Konzert fand zugunsten der Flüchtlinge von Calais statt, die dort in einem Lager unter schlimmsten Bedingungen hausen.

Junge Musiker bieten kostenlos ihr Können dar; es ist eine anspruchsvolle, kunstvoll dargebotene Musik. Tom organisiert die Elektronik und gibt am Schluss noch einige französische Chansons zum Besten. Marlene kümmert sich um Essen und Getränke, und zwei der Musiker geben Informationen zur Situation in Calais. Zum Glück ist das Konzert sehr gut besucht; viele junge Leute, die nicht zur Stammkundschaft gehören, sind gekommen.

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Schicke Rob, den ich aus dem Basil’s kenne,  meinen Text über Funktionäre und deren Attitüden; z.B. deren Gehabe, wenn es darum geht, während einer Sitzung einen Termin abzustimmen. Jeder kokettiert mit seiner Unabkömmlichkeit und der ganze Vorgang dauert meist länger als der eigentliche Zweck der Veranstaltung. Wir hatten uns beim letzten Mal über diese Spezies unterhalten haben. Er schreibt wie folgt zurück:

Dein ‚Funktionär‘ ist ‚erfahrungsgesättigt‘ (herrliche Vokabel, darf man die verwenden?) und universell zugleich. Du beschreibst einen Archetyp und seinen Kosmos aus Ritualen. Meine Bezeichnung dafür: ‚Flanell-Affe‘ oder ‚Silberrücken‘. Als ich das erste Mal mit dieser Lebensform in Berührung kam, das mag gut 35 Jahre her sein, konnte ich es buchstäblich nicht fassen.

Außen Normalpath: Anzug. Krawatte, joviales, liberales Getue, Mo – Fr Meeting auf Meeting und eine Packung Marlboro, am Wochenende Party ‚Männer‘ von Herbert Grönemeyer. Innen: Man konnte nicht sicher sein, dass das Knochen sind oder was den aufrecht hält – ein Kerl ohne Eigenschaft.

‚Wie wird man so? oder ‚Wie kann man so leben?‘

Die Mittelmäßigkeit hat Angst, dass ihre Mittelmäßigkeit (und Faulheit) auffällt. Die können nämlich nix und sie wissen es. Außer den Anschein der eigenen Unersetzbarkeit zu pflegen. Es spielt den Apparatschiks zusätzlich in die Karten, dass die deutsche Gesellschaft die Mittelmäßigkeit liebt, weil die sich vertraut und sicher anfühlt. Wer seine eigene Mittelmäßigkeit quasi als Schild vor sich her trägt, bekommt in diesem Land deutlich mehr Applaus, als jemand, der eigene, evtl. kühne Ideen entwickelt. 

Deswegen hatten wir 16 Jahre Herrn Kohl und bekommen die wohl auch mit Frau Merkel.

Ja, und wären wir dann bei der SPD. Die einst stolze Partei der Arbeiterbewegung wird seit Jahrzehnten dominiert von Besitzstandsbewahrern aus dem Öffentlichen Dienst und anderen mittelmäßigen Betonköpfen. 

Die haben die Alte Tante in stabile Seitenlage versetzt – weil sich das aus ihrem Blickwinkel vertraut und sicher anfühlt. Ich kenne diese Mischpoke aus eigener Anschauung. Am Ende stand eine ‚Immunreaktion‘, ungefähr so als ob  der Körper fremde Einzeller bekämpft – so viel ist klar: Wir sind nicht kompatibel.

Dann schaue ich wirklich zufällig den SPD-Parteitag und reibe mir verwundert die Augen: Weil da steht jemand am Pult und zitiert aus dem Film ‚Herr der Ringe’. Wer hätte gedacht, dass so viel Phantasie in einem Zwergenaufstand steckt? Wer hätte gedacht, dass er dafür keinerlei Häme oder Spott abbekommt?

Und wie konnte das den Silberrücken entgehen? Bricht da gerade was auf? 

Fragen über Fragen. Die klären wir sicher bald.

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Valentin  hat meinen Text über Die Realitätserfahrung des Schriftstellers im Blog der Republik gelesen, der soeben erschienen ist. Er zeigt mir bei der Gelegenheit ein Reclam-Bändchen von Odo Marquard, im neuen Layout, gestaltet von Friedrich Forssmann, der vor kurzem in der a Lasko-Bibliothek in Emden referiert hat, wo Petra und ich vor kurzem eine Lesung über Das literarische Werk von Dieter Wellershoff gehalten hatten.

Ich erzähle Valentin, dass ich bei Odo Marquard Philosophie studiert habe und als Student Fachschaftsvertreter war. Marquard war ein genialer Formulierungskünstler; allein deshalb ging ich in seine Vorlesungen. Verstanden habe ich von allem wenig. Und er hat uns, die wir damals als rebellische Studenten so ziemlich alles kritisiert haben, geschickt eingebunden. Wir durften an den Colloquien der Professoren und Assistenten teilnehmen und konnten staunen, worüber diese so alles diskutierten.

Ich empfehle Valentin einen weiteren Reclam-Band von Marquard.: Abschied vom Prinzipiellen. Darin findet sich das schöne Zitat über die 68er: Nach der materiellen Fresswelle der Nachkriegszeit kam ab 1968 die ideologische Fresswelle.

Erst nach seinem Tod wurde bekannt, dass er auch ein beachtlicher Maler war. Vor kurzem fand in der Uni-Bibliothek von Gießen eine Ausstellung mit seinen Werken statt. Ich wusste nur, dass er gern Kriminalromane las – am liebsten in der Badewanne.

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Treffe mich nach langer Zeit mit Wolfgang im Basil’s: eine Stunde vor dem Spiel Athletico gegen BVB, das 2:0 endet. Wir reden über den Aufruf der Sammlungsbewegung Aufstehen, die von Sahra Wagenknecht initiiert wurde.Wir haben den Aufruf nicht unterschrieben. Ausschlaggebend war deren ablehnende Haltung gegenüber der Bewegung Unteilbar; einem breiten gesellschaftlichen Bündnis für eine offene Gesellschaft. Man hätte ja die eigene Position der Linken im Rahmen dieses breiten Bündnisses für Demokratie, Meinungsfreiheit, Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit präzisieren können.  So hat die strikte Ablehnung etwas Sektiererisches, und man fragt sich unwillkürlich, wo denn die Linke ihre Unterstützer finden will – wenn nicht in einem so breit angelegten Bündnis wie Unteilbar.

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Machen abends einen Gang durchs Veedel; im Alt Neppes arbeitet Andy, unser  früherer Fischverkäufer. Er erzählt, dass er eine Ausbildung im Metallhandwerk macht und nebenbei jobbt. Er wirkt ziemlich gefestigt. Als er seine Arbeit vor zwei Jahren verlor, hatten wir befürchtet, dass er abdriftet.

Dann schauen wir noch im Basil’s vorbei, wo ich mich mit einem Bekannten von Sabine unterhalte. Über Fußball natürlich, das geht immer. Er ist Frankfurt-Fan, und wir reden über die große Zeit der Eintracht, als noch Spieler wie Grabowski, Hölzenbein, Nickel u.a. dort spielten. Beide haben wir das 6:0 der Eintracht gegen Bayern München erlebt; die Bayern spielten mit allen Größen; also Beckenbauer, Maier, Müller usw.

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Wir gehen zu einer Kabarettveranstaltung. Stefan Reusch gibt seinen satirischen Jahresrückblick. Wir verfolgen seinen Weg seit etwa 20 Jahren. Damals lernten wir ihn persönlich kennen. Auf die Frage, was er so mache, antwortete er damals: Quatsch. Seine Anfänge als Kabarettist waren schwierig: einige Veranstaltungen im kleinen Rahmen haben wir besucht: anschließend wurde stets der Hut rumgereicht; ein Honorar gab es nicht. Bei einem seiner ersten Bücher habe ich ihn ein wenig beraten; er hatte mich gebeten, die politischen Fakten zu checken. 

Mittlerweile hat er sich etabliert und tritt bundesweit auf (zwei Tage vorher war er in Stuttgart gewesen) und hat einen festen Sendeplatz beim SWF und WDR. Sein Kabarettprogramm ist ausgereift und vielseitig. Demnächst tritt er im Senftöpfchen auf, dem ‚Olymp’ des Kabaretts in Köln.

Als ich ihn in der Pause treffe, gratuliere ich ihm zu seinem Auftritt; ich würde seine Recherchearbeit bewundern und wie er es immer wieder schafft, durch kleine Wort- und Sinnverdrehungen die Leute zum Nachdenken, aber eben auch zum Lachen zu bringen. In seiner Bescheidenheit meint er: Ja, es ist viel Hin- und Hergeschiebe dabei.

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Schaue mirdas Revierderby Schalke gegen Dortmund an. Die Kneipe ist rappelvoll. Die Dortmund-Fans sind bei weitem in der Überzahl. Als Dortmund das verdiente 2:1 schießt, brechen alle Dämme. Die Leute springen auf, und Barhocker und Stühle fallen um. Man klatscht sich ab und umarmt sich; eine tolle Atmosphäre. Das ist es, was ein Spiel in der Kneipe ausmacht.

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An der langen Theke sitzt Volker und liest die SZ. Wir begrüßen uns zum Neuen Jahr, und ich setze mich in eine Ecke, von wo aus ich den ganzen Laden überblicken kann. Meine Lieblingsposition.

Nach ein paar Minuten kommt er herüber erzählt, dass er in Portbou (Spanien) war,  dem Ort, an dem sich Walter Benjamin auf der Flucht vor den Faschisten umgebracht hat. Den Fluchtweg Benjamins kann man heute begehen. Auch eine kleine Gedenkstätte gibt es dort. All diese Eindrücke scheinen ihm sehr nahezugehen.

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Spielen seit Jahren einmal wieder einen gepflegten Skat. Treffen uns an einem Sonntagnachmittag mit Michael  und spielen etwa zwei Stunden in angenehmer Atmosphäre. Michael ist einer der wenigen Schalke-Fans im Basil’s. Nach dem Skat weist er mich auf Professor Rainer Mausfeld hin. Ich hatte bisher noch nichts von dem gelesen. Mausfeld sei ein überaus kritischer Zeitgenosse, der sich um die Zukunft der Demokratie sorgt. Vor allem kritisiere er die Rolle der Medien, die ihm viel zu wenig zur Aufklärung beitragen; ganz im Gegenteil: ein großer Teil der Medienlandschaft ist seiner Meinung nach angepasst und tanzt nach der Melodie der Herrschenden. Und er kritisiert die Entfunktionalisierung des Parlaments und dass politische Entscheidungen zunehmend in kleinen Zirkeln außerhalb des Parlaments getroffen werden.

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Abends zum Fußballschauen ins Basil’s, wo ich mich angeregt mit Frank unterhalte. Er arbeitet als Baustellen-Manager und kennt sich sehr gut in Baustellen der Region aus. Er ist der Meinung, dass die Fehler beim Bau der Kölner Großbaustelle Opernhaus bereits mit der viel zu kurzen Planungszeit begannen. Und er hält Planungsfehler für ursächlich für das heutige Dilemma. Das sei der typische Fehler von Verwaltungsleuten, die Beamte, aber keine Fachleute sind. Sie wollen an den Planungskosten sparen und verursachen durch Planungsfehler ein Mehrfaches an Kosten und Verzögerungen. Wie man an Oper, Schauspielhaus und U-Bahn sehen kann. Ein weiterer Grund sei die mangelhafte Kommunikation zwischen Planern und Entscheidern und der Wirrwarr an Zuständigkeiten. So seien für Bauvorhaben manchmal ein Dutzend verschiedene Ämter zuständig. Interessante Informationen sind das für einen Außenstehenden wie mich.

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Treffen uns zu einem Kölsch mit Volker im Basil’s. Wir diskutieren über die Musik der 60er und 70er Jahre; welche Bedeutung sie für uns hatte als Medium der Abgrenzung vom familiären und gesellschaftlichen Umfeld, als Widerstand gegen die ältere Generation und als Moment der Befreiung und persönlichen Entwicklung.

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Seit Wochen zum ersten Mal wieder im Basil’s. Ford-Peter hat sich abfinden lassen. Jetzt machen ihm die Behörden das Leben schwer. Seine Abfindung muss er versteuern; außerdem muss er sich dem Arbeitsmarkt weiterhin zur Verfügung halten und an „Maßnahmen“ der Agentur teilnehmen, die teilweise völlig sinnfrei sind. Über all diese Dinge hatte man ihn vorher nicht informiert, auch nicht der Betriebsrat. Entsprechend sauer ist er und fühlt sich schikaniert.

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Wieder ein interessanter Abend. Lutz, der an führender Stelle in einem Medienunternehmen arbeitet, erzählt, wie sich der Umgang mit Technik verändert. Seine Generation habe noch das Programmieren lernen müssen, was voraussetzte, dass man die technischen Vorgänge auch verstehen musste. Die jungen Leute von heute hätten  das nicht mehr gelernt. Sie sind es gewohnt, die benötigten Funktionen einfach abzurufen. Sie werden ihnen mit Hilfe der Algorithmen zugespielt. Woher diese kommen, interessiert sie nicht. Von daher sind sie nicht mehr in der Lage, auch nur einfachste Funktionen nachzuvollziehen. Das sei ein großes Problem beim Programmieren, wo Kreativität und die Fähigkeit, Problemlösungen zu finden, gefragt sind.

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Rede anschließend mit Anke, der LehrerinSie unterrichtet im Moment eine fünfte Klasse und berichtet, mit welch unterschiedlichen Voraussetzungen diese Zehnjährigen in die Schule kommen. Sie müsse sich nicht nur auf die Kinder einstellen, sondern auch mit bedenken, aus welchen sozialen Verhältnissen sie kommen; welche sprachlichen Kenntnisse sie mitbringen; in welchen religiösen und kulturellen Umwelten sie aufwachsen usw. Da brauche es mehr als pädagogische Fähigkeiten. Und wie schwierig es oft ist, mit den Eltern klarzukommen. Und dann erzählt sie, was sie z.B. während einer Projektwoche mit den Kindern unternimmt. Ihr geht es darum, den Kindern nicht nur Wissen zu vermitteln (sie mit Wissen vollzustopfen, wie sie sagt), sondern aktiv zu beteiligen. So besucht sie mit ihnen ein stillgelegtes Bergwerk, wo sie mit alten Geräten hantieren dürfen. Und sie geht mit ihnen in fremde Stadteile, damit die Kinder mehr über ihre Stadt erfahren.

Höre ihr gerne zu, während drum herum die Leute mit ihren Handys kommunizieren.

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Schaue mirdas Champions-Liga-Spiel Dortmund gegen Inter Mailand an. Endlich spielen die Dortmunder wieder so, wie man sie sehen will: temporeich und voller Spielideen. Nach einem 0:2 Rückstand zur Pause gewinnt Dortmund dank einer grandiosen 2. Halbzeit noch mit 3:2. Mit Lutz und dem Sänger Mattes feiern wir noch bis 1.30 Uhr den Dortmunder Sieg. Mattes ist ein begnadeter Sänger. Vom Rock bis zu Kölschen Liedern reicht sein Repertoire und er hat bereits Preise gewonnen.

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Mich spricht ein Mann an, den ich nur vom Sehen kenne. Er sei  Autor und dabei, eine Anthologie herauszugeben. Titel: Mutterseelenallein. Er betont eigens jede der Silben einzeln und weist mich darauf hin, dass es sich um drei verschiedene Aspekte eines komplexen Themas handelt: MutterSeelenAllein meint etwas anderes als Einsamkeit. Wir reden über die vielen Facetten von Einsamkeit: Alleinsein; Zurückgezogenheit; Verlassenwerden; den Stille suchenden Künstler; Gottverlassenheit und natürlich über sein Thema Mutter-Seelen-Allein. Der Mann hat studiert, einige Bücher herausgegeben, u.a. über das Verständnis von Heimat. Aus diesem Anlass hatte er Rückantwortkarten an alle Bundestagsabgeordneten geschickt, von denen 99 tatsächlich geantwortet haben. Er lebt von Hartz IV und versucht verzweifelt, Unterstützer für seine Vorhaben zu finden. Aber überall stößt er auf Ignoranz. Er ist keineswegs larmoyant, eher ein wenig weltfremd, aber im guten Sinne; soll heißen: nicht angepasst oder spießig. Ich mag solche Leute.

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Unterhalte  mich längere Zeit  mit Rolf. Er ist eine Art Universalgenie; ein Lebenskünstler, gebildet und vielseitig interessiert. Er fährt Reisegruppen zu Kulturstätten in ganz Europa. Entsprechend gut kennt er sich aus. Aber man kann auch über den FC Liverpool, deren Spiele er regelmäßig verfolgt, oder über Kochrezepte mit ihm reden. Und obendrein kann er zuhören und ist im besten Sinne amüsant. Kurzum: es macht Spaß, mit ihm zu reden.

Schicke ihm meinen Text über den Widerstandskämpfer und Emigranten Heinz Langerhans, von dem ich ihm berichtet habe und bei dem ich studiert habe. Ich hatte den Text auf einer Veranstaltung der Kulturen der Welt in Mühlheim vorgelesen und auch im Blog der Republik veröffentlicht. Er antwortet prompt:

Wahrhaft beeindruckend, dass Du eine derartig komplexe und komplizierte ‚Geschichte’ vor dem Vergessen  bewahrst. Es hat mich sehr berührt, vor allem vom unglaublichen Lebensende Langerhans‘ zu erfahren. Wie absurd sein Weg dann hinter Gittern endete – in der Dunkelheit. 

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So weit einige Episoden aus unserer Kneipe. Wir hoffen sehr, dass es nicht zu einem weiteren Lockdown kommt und wir erneut auf diesen Treffpunkt verzichten müssen, nur weil einige nicht bereit sind, sich und andere zu schützen. Aber das ist ein anderes Thema.

Bildquelle: Facebook, Basil’s

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Joke Frerichs

Joke Frerichs, Dr. rer. pol.; Studium der Politikwissenschaft; Soziologie; Philosophie; Germanistik, lebt als freier Autor in Köln. Er schreibt Romane, Gedichte, Essays und Rezensionen.


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