Ian Kershaw

Ein überzeugter europäischer Geschichts-Erzähler – Ian Kershaw 75 Jahre alt

Er ist der Autor von „DER HITLER MYTHOS“, er ist einer der ausgewiesenen Hitler – Biografen und hat 2011 „DAS ENDE – KAMPF BIS IN DEN UNTERGANG – NS – DEUTSCHLAND 1944/45“ publiziert. Darin geht er der Frage nach, aus welchem Grund so viele Deutsche Adolf Hitler folgten. Ian Kershaw, 1943 im britischen Oldham/Lancashire im Nordwesten Englands geboren, wurde einer breiteren Öffentlichkeit dann vor allem vor zwei Jahren durch sein Buch „HÖLLENSTURZ – EUROPA 1914 BIS 1949“ bekannt. „Mein Interesse an Deutschland begann 1969. Damals eröffnete das Goethe Institut in Manchester und ich beschloss, Deutsch zu lernen. Das war alles eher Zufall. Ich war schon 26 und hatte überhaupt keinen wissenschaftlichen Ehrgeiz dabei,“ erzählte der Manchester – United – Fan einmal, dessen vor über 17 Jahren erschienene Hitlerbiografie der Historiker Hans Mommsen epochal nannte.

Der 75jährige gehört zu den bedeutendsten Historikern der Zeit und wurde mehrfach ausgezeichnet, so wurde er in die British Academy aufgenommen, er erhielt das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, Königin Elizabeth II schlug ihn zum Ritter. 2012 erhielt er den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung und 2018 die Karlsmedaille für europäische Medien.

Kershaws Bücher gehören zweifellos wie die von Jörg Leonhard, Christopher Clark, Heinrich August Winkler und Anthony Beevor zu den wichtigen, großen europäischen Geschichtserzählungen und zeigen, wie Geschichte erzählt werden kann: Facettenreich, ja,  und detailverliebt, mit einer klugen erzählerischen Dramaturgie, sachlich und spannend in den Zusammenhängen.

Wieviel Wert Europa heute hat

Als „HOLLENSTURZ“ 2016 erscheint, schreibt Chefredakteur Kurt Kister in der „Süddeutschen Zeitung“ unter anderem: „…man liest es mit Schaudern, wie die Nazis, nein: die Deutschen, nach und nach alles zerschlugen, was damals den Kulturraum Europas ausmachte. Notabene blickt man aus dem heutigen,  ziemlich wenig perfekten Europa nach Europa 1938, dann sieht man, wie viel Wert dieses Europa des Jahres 2016 doch hat.“

Ian Kershaw findet, die Europäische Gemeinschaft dürfe nicht in Nationalismus versinken, das sei eine Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg. Und sie müsse Toleranz gegenüber Minderheiten zeigen. Diese Lehren seien zwar längst gezogen, doch bestehe die Gefahr, in alte Muster zu verfallen: „Ich bin sehr besorgt über die Euro – Krise. Ich frage mich, ob wir gerade  das Ende des europäischen Traums erleben. Eines Traums, der nur zwei Generationen von der dunkelsten Phase Europas entfernt liegt.“

Briten mit Vorurteilen gegenüber Berlin 

Gerade in dieser Hinsicht ist es notwendig, auch faszinierend, Kershaws Bücher über europäische, also auch deutsche Geschichte, zu lesen. Eine Geschichte, die vielen seiner britischen Landsleute so fremd ist, auch fern, in Teilen von Vorurteilen belastet ist. „Die Vorurteile sind merkwürdigerweise im Laufe der Zeit eher stärker geworden. Meine Schwester, die lange Zeit Deutschlehrerin war, hat mir erzählt, dass es unter ihren Schülern in den 70ger Jahren weniger Vorurteile gegenüber den Deutschen gab als heute,“ erinnert sich Kershaw in einem langen Gespräch vor zwei Jahren: „Ein Grund ist der Lehrplan: Abiturienten wissen immer etwas über NS – Deutschland, aber weniger über die Weimarer Republik, nichts über Bismarck, nichts über die Bundesrepublik. Ein weiterer Grund ist das Fernsehen. Es laufen so unendlich viele Sendungen über die NS – Zeit, den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg. Ich habe, muss ich zugeben, selber ein bisschen dazu beigetragen.“

Weil Kershaw die deutsche Geschichte des vergangenen Jahrhunderts erforscht hat, tief in die europäische Geschichte eingedrungen und so beeindruckend über die Selbstzerstörung Europas geschrieben hat,  ohne dass hier der Platz wäre,  auf alle spannenden Zusammenhänge und Ereignisse eingehen zu können, ist er nach seinen eigenen Worten ein überzeugter Europäer geworden und geblieben. Das, denke ich, macht die große Stärke seiner Geschichtserzählung aus und auch ihre Überzeugungskraft.

Bildquelle: Wikipedia,  Amrei-Marie, CC BY-SA 3.0

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Der Fernseh- und Radiojournalist arbeitete als Kulturredakteur und später als ARD Korrespondent in Washington und Mexiko. Seit 2002 ist Hafkemeyer Professor an der Berliner Universität der Künste.


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