Pandemie - Erschaffung Adams von Michelangelo

Eine Vorweihnachtszeit, wie man sie in Italien bisher nicht erlebt hat

In Italien spielt die Adventszeit anders als in Deutschland gar keine Rolle. Die Wochen vor Weihnachten gelten auch nicht als die Zeit der Stille. Und doch ist das Land im Süden Europas gezwungen, innezuhalten. Die Pandemie lähmt das Land im Dezember, wo  normalerweise  die Geschäfte blühen, alle vier Wochenenden sind geöffnet, die Lokale überfüllt, der Italiener geht aus, kauft ein, isst und trinkt, trifft sich mit Freunden und der Familie. Normalerweise heißt aber heute: Nichts davon geht. Corona bringt alles durcheinander.

Das sieht dann so aus: Der ganze Stiefel wird rot, was bedeutet: Italien ist im Griff von Corona. Man darf keine Geschenke mehr kaufen, keine Lokale mehr besuchen, das große Treffen mit der Familie am 1. Weihnachtstag gehört der Vergangenheit an. Was so einfach klingt, bringt aber die Stimmung der Italiener auf den Nullpunkt, die Familie spielt nun mal eine große Rolle und Familie heißt in Italien nicht nur Eltern und Kinder. Dazu gehören auch Großeltern, Neffen und Tanten, Cousinen, Enkelkinder. 20 Personen zusammen am Esstisch sind keine Seltenheit. Die Regeln sehen vor, dass nur zwei Haushalte sich treffen dürfen. Aber wer zählt zu diesen Haushalten und wer zählt diese Haushalte? Wer gehört dazu, die verwitwete Schwägerin, die sonst allein wäre? Darf sie hin oder nicht?

Ein anderer Fall: Man meldet sich für den vorweihnachtlichen Besuch bei der alten Tante an und auf einmal ist eine Lehrerin aus der Klasse des eigenen Kindes positiv getestet. Die ganze Klasse muss in die Quarantäne. Und die jeweiligen Familienmitglieder auch. Und diese Geschichten sind keine Einzelfälle. Sie bringen das Leben und das Zusammenleben in Italien ziemlich durcheinander. Beim ersten Lockdown haben viele Menschen noch vom Balkon gesungen und sich gegenseitig ermuntert, quasi gegen Corona angesungen., Das ist vorbei, nicht nur wegen des Wetters. Viele Menschen sind corona-müde. Man darf nicht vergessen, dass die Krise damals in Bergamo begann und sich rasch auf das ganze Land ausbreitete. . Man vergesse die schlimmen Bilder nicht, die via Fernsehen in viele Wohnzimmer gesendet wurden. Leichen wurden auf LKW abtransportiert. Diejenigen, denen es gut ging, durften in der heißen Phase wochenlang ihre Wohnungen nicht verlassen. Einkaufen, Besuch des Arztes und der Apotheke waren erlaubt. 

In dieser ersten Krise, die das Land erfasst hatte mit vielen Toten und Infizierten, waren die Bürgerinnen und Bürger aber gleichwohl mit der Politik von Regierungschef Conte einverstanden. Nie zuvor war er so beliebt. Aber diese Krise verschwand ja nicht wirklich, sie ging nur im Sommer zurück, sodaß viele den Eindruck gewannen: Corona sei vorbei. Doch dann kam die zweite Welle und die erfasste Italien- nicht nur, Deutschland genauso. Auch in Italien versuchte man es mit einem leichten Lockdown- wiederum wie hier. Und wie bei uns in Deutschland mit mäßigem Erfolg. So kam der Advent und jetzt Weihnachten, die Stimmung ist umgeschlagen. Viele Menschen können nicht mehr die Politik nachvollziehen, weil sie nicht geradlienig war, zu sehr schwankte zwischen harten Maßnahmen und Lockerungen. Die Politik hatte -wie bei uns- auch die Wirtschaft im Blick, man wollte sie, die ohnehin geschwächt ist, schützen, den Absturz verhindern. Viele Gelder flossen und viele Gelder werden noch fließen, dank der Rettungsfonds. 

Renzi contra Conte

Das Problem dabei:Wie in Berlin wurden auch in Rom viele, vielleicht zu viele der Rettungsmaßnahmen per Regierungsdekrete beschlossen und verkündet, ohne die Meinung des Parlaments einzuholen. Die Folge ist, dass die Opposition nun laut, ja noch lauter als sonst protestiert und die Regierumg im Regen stehen lässt. Der einst gefeierte Conte muss plötzlich wieder um seine Mehrheit kämpfen. Sogar der frühere Regierunschef Matteo Renzi, dessen Mini-Partei eigentlich die Regierung unterstützt, hat Conte quasi den Fehdehandschuh hingeworfen. Renzi will Conte nur noch unter von ihm gestellten Bedingungen unterstützen. Und Contes direkter Regierungspartner, Cinque Stelle, stellt weitere Bedingungen und ist nicht bereit, Conte bei der Annahme von weiteren EU-Hilfen zu helfen: So sehr hat man davor Angst, die gleichen Bedingungen auferlegt zu bekommen wie damals Griechenland. Und alle Parteien, auch der Partito Democratico, kündigen an, im Falle eines Scheiterns von Conte Neuwahlen zu fordern.

Wie verzwickt die politische Lage in Italien ist, zeigt deutlich ein vor wenigen Tagen erfolgter Beschluss des Parlaments. Darin wurden die ausländerfeindlichen Sicherheitsgesetze des einstigen umstrittenen Innenministers Matteo Salvini (Lega) gekippt. Dazu zählt die Schließung von Häfen, um NGO-Schiffen mit Flüchtlingen, die man vor dem Ertrinken im Mittelmeer gerettet hatte, die Einfahrt in den nächsten sicheren Hafen zu verweigern. Eigentlich etwas Positives, maßgeblich von Conte und der PD herbeigeführt, das aber nur nach langen Verhandlungen wie auf dem Kamel-Markt seitens der Regierung mit den eigenen Parteifreunden zustandekam. Sogar Regierungsmitglieder haben dagegen gestimmt. Womit sich gezeigt hat, wie zerstritten die Regierungspartner sind. Die Folge:  Auch in der breiten Bevölkerung schenkt man Conte keine größere Glaubwürdigkeit mehr.

Zwischen Weihnachten und Neujahr lieben Italiener, zum Skifahren in die Dolomiten zu fahren. Wer Geld hat, reist in die Schweiz, dort gehen die Lifte, sind die Hotels bereit, Gäste zum empfangen. Anders als in Südtirol oder auf der italienischen Seite der Alpen. Alles ist stillgelegt. Sylvesterparties sind nicht erlaubt, also werden sich kleine Familien zu Hause treffen und zusammen mit den Kindern Tombola, eine Art Bingo, spielen. Und am 1. Januar trifft man sich wieder in der Familie, man isst und trinkt. Aber es ist dieses Jahr wie zu Weihnachten: Nichts geht.. Heilige Dreikönig ist in Italien ein Feiertag. Die gute Hexe bringt den Kindern Strümpfe, gefüllt mit Süssigkeiten, Vereine beschenken die Kinder ihrer Mitglieder. Das muss auch wegfallen. Dank Corona.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Argo Images, Pixabay License

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Caterina Massai

Caterina Massai stammt aus Florenz, sie hat dort und in München Geisteswissenschaften studiert, sie lebt seit 23 Jahren in Deutschland und wohnt mit ihrer Familie in Bonn. Sie ist VHS-Dozentin und arbeitet als freiberufliche Übersetzerin. Seit 2013 ist sie eingebürgert.


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