Hans-Jochen Vogel

Einer der großen Alten der SPD ruft die Partei zum Kampf auf – Hans-Jochen Vogel sorgt sich um die Zukunft seiner Partei

Hans-Jochen Vogel hatte sich lange aus der öffentlichen Debatte zurückgezogen. Jetzt, nach dem Desaster der SPD bei den bayerischen Landtagswahlen, hat sich der 92jährige zu Wort gemeldet. Er sorgt sich um die Zukunft seiner Partei, der ältesten in Deutschland, deren lange und harte Geschichte er in diesem Fernseh-Interview preist. Er erinnert an Otto Wels,  den SPD-Chef, der 1933 die Partei aufrief,  gegen das Ermächtigungsgesetz Hitlers zu stimmen mit den Worten: „Das Leben können sie uns nehmen, die Ehre nicht.“ Keine andere Partei habe den Mut gehabt, gegen den Nazi-Diktator zu sprechen, die SPD habe gegen das Gesetz gestimmt. Und wurde danach verfolgt. Er sagt es nicht, aber er wird es kaum verstehen, dass seine Partei heute so wenige Stimmen erhält und dass so viele für die Rechten stimmen, die AfD, die Rechtspopulisten, die mit Neonazis und Rassisten gemeinsam demonstrieren.

Mut spricht er den Nachfolgern zu, gemeint, den Kampf zu suchen für den Erhalt der Demokratie,  die Existenz der SPD, gegen die Rechten, man könnte noch manches hinzufügen, was er nicht erwähnt. Vogel  lobt den Einsatz von Parteichefin Andrea Nahles und auch die Arbeit der unglücklichen bayerischen SPD-Spitzenkandidatin Natascha Kohnen, die das schlechteste SPD-Wahlergebnis nach dem Krieg zu verarbeiten hat. Nein, Kritik verbietet sich für einen wie ihn, einen der letzten großen Alten der SPD. Das Thema bewegt ihn. Er würde gern helfen. Seine Erfahrung könnte wirken, seine Glaubwürdigkeit ist unumstritten.

Er wollte den Karren ziehen

Die SPD ist politisch sein Leben, schon 1950 ist er Mitglied geworden, für die SPD hat er gekämpft, gerackert, ehrlich, mit großer Disziplin und ohne Eitelkeit. Oft hat er sich in den Dienst der Partei gestellt.  Er wollte den Karren ziehen, den er von Herbert Wehner übernahm, gemeint die Fraktion der SPD im Bundestag. Er hatte Respekt vor Wehner und dessen Leben,  wissend, dass dieser über ihn gelästert hatte als „weißblaues Arschloch“. Willy Brandt hat er bewundert wie Helmut Schmidt, Johannes Rau mochte er sehr, obwohl beide sehr unterschiedlich waren. Vogel wirkte oft sehr ernst, was aber nicht bedeutete, dass er zum Lachen in den Keller ging, wie es kolportiert wurde.

Vogel  erinnerte oder wurde in dem TV-Gespräch an seine Karriere erinnert, an die Zeit, da er OB war in München-gewählt mit 78 Prozent- und die SPD alle vier direkten Bundestags-Mandate gewann. Er galt als derjenige, der das Kunststück fertig gebracht hat, die Olympischen Spiele nach München zu holen. Was ihm aber in der direkten Herausforderung gegen Alfons Goppel, dem damaligen Ministerpräsidenten und Vorgänger von Franz-Josef Strauß, nicht half. Er hatte keine echte Chance, die CSU war längst Staatspartei geworden und gewann absolute Mehrheiten im Freistaat, als wäre das der Normalfall. Aber das Ergebnis war achtbar, anders als heute. Gegner hatte er dennoch einige, darunter die Jusos in München. Es war die Zeit der Studenten-Unruhen, der APO, der Vietnam-Krieg spaltete die Gesellschaft.

Gewissenhafte Arbeit des Politikers

Wer Hans-Jochen Vogel in Bonn erlebt hat, begegnete diesem Sozialdemokraten mit Respekt. Er war ein Vorbild. Lifestyle, wie man heute sagen würde, war nicht seine Attitüde, sondern die gewissenhafte Arbeit als Politiker. Er kam meines Wissens nie zu spät, war immer bestens vorbereitet und lieferte dem politischen Gegner einen harten, aber fairen Kampf. Disziplin gehörte mit zu den Tugenden, die er lebte und die er auch von seinen Mitarbeitern erwartete. Der eine oder andere spottete über die Klarsichthülle, dahinter verbarg sich aber die notwenige Ordnung der Papiere und Unterlagen, die Vogel für seine Arbeit brauchte. Wer zu spät kam, den verurteilte er mit Blicken. Als Fraktionschef der SPD bereitete er sich stets so vor, dass er jederzeit in jede Debatte des Parlaments kompetent und leidenschaftlich eingreifen konnte. Und von seinen Stellvertretern erwartete er das auch. Die Opposition war für ihn die Regierung im Wartestand, ein hoher Anspruch.

Bundesbauminister war er, Bundesjustizminister, er saß in den Kabinetten von Willy Brandt und Helmut Schmidt, der Kampf gegen die RAF-Terroristen verlangte auch Vogel manches ab. Als der Hamburger das konstruktive Misstrauensvotum gegen Helmut Kohl verlor und der Kanzler ein halbes Jahr später Neuwahlen durchsetzen lassen konnte, trat Hans-Jochen Vogel als Kanzlerkandidat der SPD gegen den Pfälzer an. Er hatte keine Chance, dennoch ließ er sich nicht lange bitten. Ähnlich sein Engagement in Berlin, als er einspringen musste für einen SPD-Regierenden Bürgermeister, auch in der damals geteilten Stadt hatte er gegen den Konkurrenten von der CDU, Richard von Weizsäcker, keine echte Chance, er verlor. Beide begegneten sich über die Jahre stets mit großem gegenseitigen Respekt.

Einer wie Hans-Jochen Vogel eilte auch dem SPD-Kanzler Gerhard Schröder zur Hilfe, als dieser die Partei um ihre Meinung zur umstrittenen Agenda-2010-Reform bat und Schröder auf einige Kritik stieß. Vogel trat ans Rednerpult und warb für die Reformpolitik Schröders mit einer Leidenschaft, als wären es seine eigenen Ideen. Die Sorgen und Probleme der Sozialdemokraten, die sie mit der Agenda hatten, teilte Vogel nicht. Im Gegenteil, er wies manche Kritik als Jammerei zurück und erinnerte daran, wie seine, Vogels Generation auf den Ruinen des Zweiten Weltkriegs die Republik wieder aufbauen und dabei noch Demokratie lernen mussten. Auch hier, auf dem Parteitag der SPD in Berlin, war er glaubwürdig, als er wie immer mit hochrotem Kopf für die Politik Schröders plädierte. Dabei war Schröder dem Hans-Jochen Vogel nicht immer geheuer, es gab Phasen, da wollte Vogel von dem aufstrebenden Brandt-Enkel und niedersächsischen Ministerpräsidenten wissen, was dieser denn mit der Macht anstellen wolle, wenn er sie erreichte. Schröder war damals Kanzlerkandidat der SPD.

Nie wieder, nicht noch einmal

Es treibt ihn um, den alten Mann der SPD, die schlechten Ergebnisse der Partei. Es treibt ihn um, wie die SPD unter der großen Koalition leidet, wie sie mit heruntergezogen wird von den Streitereien zwischen Seehofer und Merkel, es macht ihn fast wütend, den alten Herrn, wie eine eigentlich belanglose Personalie wie die des Verfassungsschutz-Präsidenten Maaßen hoch stilisiert wird zu einer Staatsaffäre, die fast die Koalition platzen lässt. Vogel wählt als Vergleich die Ostpolitik, will sagen, ja darüber konnte man damals streiten, das war noch ein Thema, weltbewegend, aber die Causa  Maaßen doch maßlos überschätzt. Dem Ausstieg aus der großen Koalition redet er nicht einfach das Wort,  Neuwahlen sollte man nicht riskieren. Als Möglichkeit erwähnt er eine Minderheitsregierung.

Vogel hat sich auch in die programmatische Debatte der SPD, in deren Mittelpunkt die Erneuerung der Partei stehen soll, eingeschaltet. Die Aussöhnung von Ökologie und Ökonomie lautet einer seiner Vorschläge, eine Politik, die das Klima schützt und bessert und für neue Arbeitsplätze sorgt. Was er sich von seiner Partei immer wünscht:  Kampf um die Demokratie, gegen Rassisten, Fremdenfeinde, für Toleranz, gegen Antisemitismus. Vogel ist einer der Mitbegründer der Aktion „Gegen das Vergessen-für Demokratie“. Er ist Jahrgang 1926, er war sieben Jahre jung, als die Nazis an die Macht kamen, er hat die braune Diktatur erlebt, dieses menschenverachtende System. Ihm hat sich das Vermächtnis der Widerständler gegen Hitler sehr stark eingeprägt, wie er das in einem anderen Interview formulierte. Und daher das „Nie wieder, nicht noch einmal“.  Und das bedeutete für ihn, nicht der Staat müsste oder die müssten, nein, er richtete die Forderung an sich, sich selber zu engagieren, damit es nicht wieder passiert. Man fühlt sich an heute erinnert.  Und das  könnte, ja müsste der Auftrag an die SPD von heute sein. Nie wieder!

Bildquelle: Wikipedia, Bundesarchiv, B 145 Bild-F079283-0010 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0

 

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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