Pipeline

Energie: Geduldsprobe für Versorgungssicherheit

55 Prozent unseres Gases wird bislang aus Russland importiert, fast 40 Prozent sind es beim Rohöl und Ölprodukten und sogar rund 30 Prozent bei der Steinkohle. Solche Mengen belegen die hohe Abhängigkeit von einem Lieferanten, der vor nichts zurückschreckt, nicht einmal vor kriegerischer Aggressivität. Die verfehlte Energiepolitik der letzten Jahrzehnte hat Deutschland in dieses Dilemma geführt. Doch der Blick zurück hilft nicht bei der Suche nach dem Ausweg, obwohl die für die Katastrophe Verantwortlichen aus den Reihen der Politik und der Wirtschaft allen bekannt sind. Ihre groß gefeierte Energiewende ist total gescheitert, hat bereits zig Milliarden Euro gekostet und zugleich Unternehmen wie Privaten ein großes Desaster beschert. Viele Experten hatten immer wieder vor dem fast infantilen Vertrauen in die Sonne und den Wind gewarnt, auf den Bau von Leitungen und Speicher und insbesondere bei der Energie auf Versorgungssicherheit gepocht.

Inzwischen erkennen selbst die grünsten Politiker in allen Parteien, dass die gesamte Volkswirtschaft von der sicheren Energieversorgung so abhängig ist wie der menschliche Körper vom Blutkreislauf. Ohne ausreichend Strom, Öl, Kraftstoffe oder Gas läuft nur noch wenig oder auch nichts.

Energietourist Robert Habeck

Alle Hoffnungen der Nation richten sich nun auf den Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, der sich jüngst mutig nach Katar und in die Arabischen Emirate aufmachte, um neue Energiepartner zu suchen. In der Not – so weiß man – frisst der Teufel Fliegen. Die Scheichs in diesen arabischen Ländern sollen nun die zukünftigen Lieferanten sein, um Deutschland mit Gas, Öl und Wasserstoff zu versorgen. Wann diese Staaten mit welchen Mengen die russischen Exporte ersetzen werden, ist noch offen. Doch Habeck und seine Unternehmer-Delegation sind bereits begeistert. Mit Katar sollen jetzt konkrete Vertragsverhandlungen zur Lieferung von Flüssiggas geführt werden. Außerdem soll dort der Ausbau erneuerbarer Energien mit deutschem Engagement befördert werden. Immerhin ist Katar der zweitgrößte Exporteur von Flüssiggas; die Produktion soll dort in den nächsten Jahren kräftig ausgeweitet werden. Auch mit den Vereinigten Arabischen Emiraten vereinbarte Habeck eine Zusammenarbeit bei der Forschung und Produktion von grünem Wasserstoff; erste Mengen sollen bereits in diesem Jahr nach Deutschland geliefert werden.

Scheichs am langen Hebel

Der Mut und das Engagement des Energiebeschaffers Habeck sind ohne Zweifel anzuerkennen. Allerdings wäre es illusorisch, schon kurzfristig eine wundersame Veränderung für die Energieversorgungssicherheit Deutschlands zu erwarten. Die Scheichs aus der arabischen Welt werden nur in sehr begrenztem Maße die riesigen Energielieferungen aus russischen Quellen ersetzen können und wollen. Ohnehin hatten sie bisher bereits in vielen anderen Ländern Abnehmer ihres Gases, Öls und Wasserstoffs. Bei den Preisen für ihre Lieferungen werden sie ihre Machtposition ohne jeden Skrupel ausnutzen. Lupenreine Demokraten sind sie ebenso wenig wie der Energie-Mogul Putin. Und falls Politiker aus deutschen Landen allzu laut Menschenrechte und andere Werte bei den Neureichen und lupenreinen Autokraten des Orients anmahnen sollten, würden sie gewiss ihre Energiequellen weniger sprudeln lassen. Sie sind auf die Einnahmen aus diesen Geschäften nämlich weitaus weniger angewiesen als Russland. Das gilt es auf jeden Fall bei den neuen Bemühungen, eine stärkere Diversifizierung der Energieimporte zu erreichen, zu beachten. Ohnehin wurde Habecks Mission von arabischen Medien als Bittstellerei kommentiert. Die hohen moralischen Ansprüche von Habeck und seiner grünen Partei sind ohnehin auf dem Altar nationaler Not geopfert worden. Annalena Baerbock wird ihre hohen Ansprüche an eine Energie- und Klima-Außenpolitik mit einem Begräbnis dritter Klasse beerdigen müssen, was konkret bedeutet: Leiche trägt die Kerzen selber!

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leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


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