Europakarte

Europäische Zeitreise

Wer sich mit dem niederländischen Publizisten Geert Mak auf Zeitreise begibt, darf sich sicher sein, einem packenden Geschichtserzähler in die Fänge gegangen zu sein. 2005 erschien sein großer Blick auf das 20 Jahrhundert. „In Europa“ ist eine atemberaubende Erzählung über die Dramen, Verwicklungen, Hoffnungen eines Kontinents. Mak hat sie nicht reflektierend hinter seinem Amsterdamer Schreibtisch aufgeschrieben. Er ist durch Europa gereist, hat die Orte des Entsetzens über zwei Weltkriege aufgesucht, die Orte der Schande des Holocaust, die Orte der Schaffung eines neuen Europas. Ein großartiger schriftstellerischer Ritt durch Haupt- und Nebenwege der europäischen Geschichte. Ein Buch, das selbst vermeintliche Kenner des vergangenen Jahrhunderts mit Details, mit in Vergessenheit geratenen Scheide- und Knotenpunkten einer wenigstens in der ersten Hälfte entsetzlichen Epoche in Atem hält. Ein Buch, das selten doziert, sondern so erzählt, dass es selbst den Nachgeborenen die Geschichte von 1900 bis 2000 nahe bringt.

Der heute 73jährige Mak hat es dabei nicht belassen. In den ersten zwei Jahrzehnten dieses Jahrhunderts ist er erneut durch den Kontinent gereist, um zu sehen, was aus den Hoffnungen zum Jahrtausendwechsel geworden ist. „Große Erwartungen“, so der Titel, waren angesagt, als die westlich orientierte EU die Tore für ein gesamteuropäisches Projekt öffnete. Aber schon der Untertitel „Auf den Spuren es europäischen Traums“ verrät auch Skepsis, die dem reisenden Geschichtserzähler widerfahren ist. Beispielsweise bei dem polnischen Gesprächspartner, der zum Ende des letzten Jahrhunderts voller Zuversicht auf die Zukunft seines Landes in Europa blickte und wenige Jahre später resigniert fragte: „Welches Europa wollen wir eigentlich? Nur den Markt und die Butter? Oder mehr? Das ist die große Frage in Osteuropa, und die Antwort ist eindeutig: das Erste.“

Auch wenn Mak ein Europa bereist, das während Euro-Krise, Griechenland-Krise, Flüchtlingskrise oder Brexit immer wieder am seidenen Faden hing, setzt er auf den langen Atem, den der Kontinent braucht, um doch noch zwischen den Weltmächten China, USA, Russland seine Rolle zu finden. Ein langer Weg, den der Autor dennoch empfiehlt, weiter zu wagen. Deshalb stellt er dem Buch ein Gedicht Heinrich Bölls voran, dass der kurz vor seinem Tod 1985 für sein jüngstes Enkelkind schrieb: „Wir kommen weit her – Liebes Kind – Und wir müssen weit gehen“.

Wie weit Europa gehen muss? Mak ist weit entfernt von Euphorie, aber als Kassandra versteht er sich erst recht nicht. Welchen Weg Europa in den letzten beiden Jahrzehnten gegangen ist, das erzählt er mit einem erstaunlich breit gefächerten Netzwerk an Gesprächspartnern. Es sind meistens nicht die großen Akteure, die er zu Wort kommen lässt, sondern Menschen vor Ort in allen Ecken des Kontingents, die den Wahnwitz einer oft überbordend scheinenden Euro-Bürokratie erleiden. Er beherrscht die Kunst, große Entwicklungen im Kleinen nachvollziehbar zu machen. Immer spannend, immer in Bann ziehend. Der Weltbürger Mak, der inzwischen in einem kleinen friesischen Dorf lebt und seit Corona-Zeiten einmal in der Woche als Mahnung die Glocke der Dorfkirche läutet, weiß um die Gefahren, die sein Unternehmen birgt: Der Abstand zu der Entwicklung Europas ist zu gering, um auch nur annähernd zu abschließenden Wertungen zu gelangen. Will er auch nicht. Er beschreibt, erzählt Details, die spätere Generationen einordnen mögen. „Es ist“, so sieht er seine europäische Passion, „als würden wir die Proben zu einem neuen Theaterstück sehen. Sie haben gerade erst begonnen, wir verfolgen die ersten Szenen, und die Darsteller bewegen sich noch etwas unsicher. Wovon das Stück handelt und wie es enden wird, niemand weiß es“.

Wer dem Niederländer als Leser in die Hände fällt, der wird von der ersten bis zur letzten Seite nicht mehr loslassen. Das ist bei seinem neuen Buch „Große Erwartungen“ so, noch mehr bei seinem Jahrhundertwerk „In Europa“. Wem in Corona-Zeiten die Decke auf den Kopf fällt, der sollte sich von Mak entführen lassen in zwei überwältigende Geschichtserzählungen.

Geert Mak, Große Erwartungen, Auf den Spuren des europäischen Traums, Siedler Verlag, München 2020, 640 Seiten, 38 Euro

Geert Mak, In Europa, Eine Reise durch das 20. Jahrhundert, Pantheon-Verlag, Taschenbuch, 944 Seiten, 16.99 Euro

Bildquelle: Pixabay, Bild von Mabel Amber, Pixabay License

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Norbert Bicher

Als Parlamentskorrespondent der „Westfälischen Rundschau“ arbeitete Bicher als Journalist, bevor er 1998 Pressesprecher der SPD-Bundestagsfraktion wurde. Er war Sprecher des SPD-Fraktionsvorsitzenden wie auch des Bundesverteidigungsministers Dr. Peter Struck.


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