Populismus

Falsche Propheten – Die alte Wut der neuen Populisten

Die Weimarer Republik ist nicht nur von Nationalsozialisten zerstört worden, sondern auch von einer Bewegung konservativer Intellektueller, die Hitler durch ihre offene Zustimmung den Weg an die Macht bereitet haben. „Autorität von oben, Kontrolle von unten“, postulierte Carl Schmitt, der wie Hans Freyer, Eduard Stadtler, Wilhelm Stapel, Othmar Spann, Max Hildebert Boehm, Arthur Moeller van den Bruck und Edgar Julius Jung zu den Protagonisten dieser „Konservativen Revolution“ gehörte, die ein autoritäres Staatswesen und die ethnisch-völkisch gesäuberte deutsche Gesellschaft propagierte. Man plädierte zwar vieldeutig für das Modell einer ständisch-autoritär geprägten deutschen Nation. Das Ergebnis war aber der auf die NSDAP fixierte totalitäre Führerstaat: Trotz aller Vorbehalte konnte diese selbsternannte Elite der tödlichen Umklammerung der Nazis nicht entkommen. Man schloss sich an, akzeptierte Hitler als Führer und billigte dem NS-Statthalter sogar eine eigene „ juristische Legitimität „ zu, wie Carl Schmitt konzedierte- ein hoch angesehener Jurist, der später als „Anwalt des Teufels“ qualifiziert worden ist.

Woher kam das Faszinierende einer Bewegung, die zur dominierenden Ideologie im Spektrum der Rechtsparteien werden konnte und heute wieder hoffähig gemacht werden soll? Was haben uns Carl Schmitt und Ernst Jünger, Arthur Moeller van den Buck und Edgar Julius Jung heute zu sagen, von Oswald Spengler zu schweigen, der von einigen Apologeten als Vorgänger Thilo Sarrazins gefeiert und sogar als alte und neue Leitfigur für einen Konservatismus des 21.Jahrhunderts gepriesen wird? Die wichtigste Ursache ihrer Popularität lag gewiss im Einfluss einer rechten Nachkriegs – Intelligenz und deren tief sitzender Distanz gegenüber der Weimarer Republik. Ihr dominantes Thema aber war die Mobilisierung der deutschen Volksgemeinschaft ab 1914, an der die meisten von ihnen enthusiastisch teilgenommen haben- auch die Niederlage vier Jahre später, die viele der Konservativen nicht akzeptieren konnten.

Die Farbe dieser neu-artigen politischen Rechten war nicht das Schwarz-Rot-Gold der Republik, das Schwarz-Weiß-Rot der Deutschnationalen, das Rot der Linken oder die Hakenkreuzflagge der Nationalsozialisten. Diese Konservativen, die tief erschüttert, aber nicht resigniert aus dem Weltkrieg zurückgekehrt waren, verwendeten die Farbe Schwarz als Symbol: Als Ausdruck von Trauer und Empörung über den Vorwurf der Kriegsschuld und den Versailler Vertrag, zugleich als Aufforderung, die politischen Verhältnisse revolutionär zu überwinden. Dies sollte nicht wie bisher in einer traditionellen Oppositionshaltung gegenüber dem Staat geschehen. Dann wäre man ja zur verantwortlichen Mitarbeit verpflichtet gewesen. Die von Moeller erdachte Oppositionsstrategie lautete anders: Man strebte als große Alternative zu allem Bisherigen „eine Politik der Verzweiflung“ an, weil man „ Gesetz, Freiheit und Liberalismus satt hatte“, wie Moeller formulierte.

Berliner Juni-Club

Schon der Name des Treffpunkts war Programm: Der Berliner „ Juni-Club“ trug seinen Namen als Kampfansage gegen den links-liberalen „November-Club“ und zur Erinnerung an den 16. Juni 1919, als die Sieger in ultimativer Form die vorbehaltlose Annahme des Vertrages in drei, dann von fünf Tagen gefordert hatten. Die politische Auflehnung gegen dieses Friedensdiktat war unter der deutschen Bevölkerung quer durch alle Schichten allgemein. Unter diesen, auf politischen Widerstand getrimmten Konservativen sorgte sie erst für das „verschwörerisch Gemeinsame“, das für dauernde Wut sorgte und fast ein Dutzend Jahre anhalten sollte.

Man wolle trotz aller Schmach „die Revolution doch noch gewinnen“, wie Moeller formulierte. In den Denktraditionen von Paul Lagarde und Friedrich Nietzsche suchte dieser Wortführer der damaligen Rechten schon 1918 nach einer Synthese von Erhaltung und Veränderung, nach einem Kompromiss zwischen Konservatismus und einer Revolution, die er völlig anders als die politische Linke definierte. Konservatismus hatte bei Moeller nichts mit Bewahrung und schon gar nichts mit Reaktion zu tun – dass „Leben nur durch gültige Bindungen wirksam werde“, könnte man als dessen eigentliches Credo bezeichnen.

Theoretisch konnte man sich als Konservativer auf verschiedene Art mit der veränderten Lage auseinandersetzen: Man hätte reaktionär werden und auf die Wiedereinsetzung der Monarchie hinarbeiten können. Man konnte sich legitimistisch geben und dem Rat verdienter Gelehrter wie Friedrich Meinecke, Friedrich Naumann, Ernst Troeltsch und Max Weber folgen, die als „ Alt-Konservative“ dazu rieten, die neue Realität vom Boden der Verfassung her konservativ umzugestalten. Dazu wäre es notwendig gewesen, aus dem Wechsel zur Republik notwendige Folgerungen zu ziehen und die eingetretenen Verhältnisse realistisch zu analysieren. Aber mit der Entscheidung für eine außerparlamentarische und gegen die Verfassungswirklichkeit gerichtete Opposition befand man sich nicht mehr in einer Verteidigungsposition: erstmals in seiner langen Geschichte ging ein Teil des deutschen Konservatismus zum Angriff über und wurde selbst revolutionär.

Konservative Irrtümer

Konservative Anschauungen durchzusetzen, hieß jetzt, radikale politische Veränderungen durchzuführen. Das war kein Rückfall in die Restauration oder in den Wilhelminismus. Die Erschütterung aller bisher gültigen Werte wurde von den revolutionären oder „jungen Konservativen“, wie sie sich in Distanz zu den „Alt-Konservativen“ nannten, als einmalige Herausforderung empfunden. Als Teil einer konservativen Bewegung, die nie Partei werden wollte, empfand man das Kriegserlebnis, die Novemberrevolution und den Versailler Frieden als großen historischen Umbruch, auf den man wie 1789 eine grundsätzliche Antwort finden müsse: Jetzt galt es, neue, konservative Werte zu schaffen, die „Kräfte der Staatserneuerung, der Staatsregierung und der Hingabe an Staat und Nation“ zu wecken und zu sammeln, wie Moeller van den Bruck postulierte. Wie einige Deutschnationale, Rechtsliberale oder Völkische sah man sich als zu Unrecht besiegt, als Opfer eines „Verfassungskrieges“, der als „gewaltiges Machtringen“ der alliierten Siegermächte gedeutet wurde. Nach der Niederlage sei dem deutschen Reich durch die „Entente“ das westliche Modell der repräsentativen Demokratie gewaltsam oktroyiert worden, was angeblich zu einer Schwächung der deutschen Nation geführt habe.

Fast alle Gruppen der nationalen und konservativen Rechten haben sich nach 1918 auf Nietzscheanische Bilder der Männlichkeit, des Willens, der Tapferkeit und des Kampfes berufen. Der Staat wurde aus solcher Perspektive nicht als legalistische Ordnung, sondern als die allumfassende Institution zur Schaffung des „deutschen Übermenschen“ betrachtet. Anstatt sich mit den verheerenden Folgen des Krieges und dem Erbe einer kaiserlich-militaristischen Ideologie auseinanderzusetzen, fühlte man sich durch eine andere, westliche Kultur bedroht – es entstand ein Angsttrauma, dem man nur durch die Belebung des „wahrhaft deutschen Geistes“ glaubte Einhalt gebieten zu können. Nietzsche avancierte zur zentralen Figur bei dem irrationalen Versuch, „aus der tiefen Tragödie des deutschen Volkes die nötige Kraft und den Trost für einen Neuanfang zu gewinnen“.

Traumata des Krieges

Jede rationale Beurteilung des Weltkrieges, der über zehn Millionen Tote und unermessliche Opfer bei der Zivilbevölkerung gefordert hatte, hätte eine absolute Negation oder eine Debatte über seine vielfachen Ursachen zur Folge haben müssen. Was Erich Maria Remarque 1928 mit seinem weltberühmten Roman „Im Westen nichts Neues“ versuchte, nämlich sich der Traumata des Krieges in einem kathartischen Akt des Schreibens zu entledigen, galt unter den Adepten eines Literaten wie Ernst Jünger, der früh zum Bestsellerautor avanciert war, als schlimmer Verrat. Der Roman, in dem der neunzehnjährige Paul Bäumer als ahnungsloser Kriegsfreiwilliger von der Schulbank an die Front kommt und statt der erhofften Kriegsbegeisterung die ganze Brutalität des Gemetzels und das Sterben seiner Kameraden erlebt – diese authentische Schilderung des Kriegserlebnisses wird unter den revolutionär Konservativen rundweg abgelehnt.

Nachdem sie die „Ideen von 1914“ und die Exzesse der kaiserlichen Kriegszielpolitik in seltener Einmütigkeit bis zum bitteren Ende mitgetragen hatten, erlebten diese Konservativen eine „ungeahnte psychische Deflation und den Absturz in eine Orientierungskrise, aus der ihr Kompass den Weg in die Republikfeindlichkeit und zum Radikalnationalismus wies“, wie es der Historiker Wehler formulierte. Man habe sich intensiver als zuvor am Ideal des heroischen Menschen orientiert. In solche Schablonen passte kein weinerlicher Pazifismus, den ein konservativer Publizist wie Edgar Julius Jung sogar zum negativen Gesinnungsmerkmal deklarierte. Jede Kriegsgegnerschaft wurde als „Verrat am Willen der Nation“ uminterpretiert. Entscheidend waren in der kruden Rabulistik dieser falschen Propheten die „mythische Dynamisierung von Gefühlen und das Erwecken nationaler Leidenschaften“, wie es Jung in seinem Fünfhundert-Seiten-Bestseller „Die Herrschaft der Minderwertigen“ formulierte. Klar, dass der literarische Militarismus eines Ernst Jünger reussierte, dessen Werk „In Stahlgewittern“ einen ungeahnten Erfolg erlebte.

Zum aufgewühlten Zeitgeist gehörten Apathie, Weltschmerz und Hoffnungslosigkeit. Untergangsstimmung und Kulturpessimismus reflektierten aber auch einen tiefsitzenden Ekel an der Politik. Dort herrschte eine bedrohliche Mischung aus Politikverdrossenheit, aus der antidemokratische Ressentiments wie Giftpilze emporschießen sollten. Der glühende und nicht zu bändigende Hass auf jene „Volksverräter“, die den Vertrag von Versailles unterzeichnet und Deutschland in tiefes Unglück gestürzt hatten, war immens und wurde zum wirkungsmächtigen Symbol der Republik. Es entstand eine „negative Utopie“, von der revolutionär gestimmte Konservative profitierten. Nicht die Gegenwart, sondern ihre Überwindung, nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit waren das Ziel, auf das sich fast ihr gesamtes Handeln konzentrierte.

Der langfristige Einfluss der irrationalen, gegen einen „schlotternden Liberalismus“ geifernden Publizistik auf die Situation ihrer Zeit war erheblich. Es war das Gedankengut einer Elite, die als Beamte, Militärs, Lehrer, Professoren oder Journalisten eine aggressive Haltung prägte und dem Bürgertum allmählich seine Angst vor den lärmenden Nationalsozialisten nahm. Allen voran die ominöse Ring-Bewegung war eben mehr als nur ein „ think thank“ oder belangloser „ brain trust“ der Konservativen. Im Juni-Club um Moeller van den Bruck und Heinrich von Gleichen, im Deutschen Schutzbund um Carl Christian von Loesch, am „Montagstisch“ und in der Motzstraße 22 von Berlin traf man sich als Zentrale eines Ring-Netzwerks, um gegen die Republik zu polemisieren. Die Staatsform, die den Vorstellungen des Ring-Kreises entsprach, hatte nichts mit der Verfassungsordnung Weimars zu tun. „Der Krieg ist dem Parlamentarismus erklärt“, so war in „Das Gewissen“ zu lesen. Vom „ Weimarer Sumpf“, den er hasse, schwadronierte der Vulgär-Philosoph Oswald Spengler.

„Weimarer Sumpf“

Die konservativen Revolutionäre waren in der Regel keine Nationalsozialisten, die sich aktiv in der NSDAP betätigten oder gar Adolf Hitler als ihren Führer verherrlichten. Im Bewusstsein, einer geistigen Elite anzugehören, konnten die Apologeten eines neuen Staates zwar zu Sympathisanten, aber nie zu überzeugten Anhängern des Nationalsozialismus werden.

Sie haben aber auch wenig getan, um Judenhass, Fremdenfeindlichkeit und eine Hatz auf Andersdenkende energisch zu verhindern. Nach der Vision von Arthur Moeller van den Bruck sollte die konservative Revolution in einem „Dritten Reich“ münden, wie der Titel seines Buchs illustrierte. Die Diskussion um den Young-Plan, der Tod Stresemanns, die Krise der letzten SPD-Regierung Hermann Müller, der Beginn der Präsidialregierung unter Heinrich Brüning, die Spaltung der Deutschnationalen Volkspartei, die Wiederwahl des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg sowie Brünings erzwungener Sturz – diese Ereignisse beflügelten einen Destruktionsprozess, an dem konservative Revolutionäre oft mitgewirkt haben. Ihre politische Haltung gegenüber den Nationalsozialisten schwankte vor dem Schicksalsjahr 1933 noch zwischen Anpassung und Widerstand: Einige zeigten Haltung, andere zogen sich zurück oder landeten in den Reihen der NSDAP, während wiederum andere, wie Edgar Julius Jung, durch die Gestapo im Gefolge des Röhm-Putschs ermordet wurden – was freilich ehemalige Mitstreiter nicht daran hindern sollte , Ihrem Gott, der versagte , die politische Aufwartung zu machen.

Dem fragwürdigen Argument Armin Mohlers, wonach man die Protagonisten der konservativen Revolution nicht für die Folgen des Nationalsozialismus verantwortlich machen dürfe, hielt der Historiker Kurt Sontheimer entgegen: „Wer wie die konservativen Revolutionäre politische Forderungen erhob, eine neue Ordnung der Gesellschaft anstrebte, in der Situation der Weimarer Republik sich aufs kräftigste zu wirken bemühte, der kann sich nicht auf eine von der politischen Wirklichkeit losgelöste Freiheit und Unverbindlichkeit des Geistes berufen. Zu Recht wird man von ihm fordern, dass er seine Ideen auf ihre konkrete Realisierbarkeit hin untersucht.“

„Revolutionär und konservativ“

Dieser Anspruch gilt bis heute, wo man aus den fatalen Irrtümern konservativer Vordenker eigentlich seine historischen Lehren ziehen müsste. Stattdessen beruft man sich erneut auf die Freiheit und Unverbindlichkeit eigener Positionen, als hätte es die Koinzidenz der „modernen Antimoderne“ von Weimar mit dem NS-Staat nie gegeben. Es griffe zu kurz, die konservativen Revolutionäre einfach in eine Reihe mit den Nazis zu stellen. Aber der Hinweis ist nötig, dass die Verachtung von Demokratie und Parlamentarismus, die Forderung nach einem radikalen Systemwechsel und der Ruf nach einer neuen Ordnung, die als „Volksgemeinschaft“ oder „wahre Demokratie“ das verhasste Kartell von „ Alt-und Systemparteien“ ablösen soll, auch bei neuen Apologeten der „Konservativen Revolution“ einen Widerhall findet.

Neue Leitbilder, die sich an alten Vorbildern orientieren , gibt es ebenso wie den Versuch, eine bewusste Revision der Geschichte einzuleiten, die mit fragwürdigen Begriffen der Metapolitik hantiert und über das Sortiment rechtsgerichteter Buchverlage wie „Antaios“ aus dem Rittergut Schnellroda, deutschnationale Zeitschriften wie „Die Junge Freiheit“ oder „Criticon“ und Beiträge in diversen sozialen Netzwerken mit griffigen Stichworten versorgt wird. Jüngste Ereignisse werfen die Frage auf, ob es nicht längst ein rechtes Netzwerk an deutschen Universitäten und in der Bundeswehr gibt, das sich auf ein Schrifttum aus den Denkfabriken der Neuen Rechten berufen kann.

Auch die ominöse Ring-Bewegung der Weimarer Republik hatte ja die Methode der „selektiven Wahrnehmung“ benutzt, um über ihr Netzwerk eine ihr genehme „Teilöffentlichkeit“ zu konstruieren. So nannte sich die Zeitschrift „Das Gewissen“ „Kampfzeitschrift“ für die „Neue Front“. Die „Deutsche Rundschau“ warb unentwegt um „schöpferische Kräfte“ und appellierte „an alle, denen eine Gesundung des Deutschtums am Herzen “ liegt. Das war eine modern gestaltete Diskurspolitik, die auf Propagandatechniken aus dem Weltkrieg zurückgriff und sich monoton auf wesentliche Punkte der Meinungsbeeinflussung konzentrierte. Dazu gehörten die Revision des Versailler Vertrages, die „nationale Wiedergeburt des Reiches“, eine ständische Volksgemeinschaft sowie die Einsetzung einer autoritären Führung, die nur aus der wahren „Elite der Nation“ bestehen sollte. Der „Ring“ stellte nach dem Urteil des Historikers Volker Weiss das intellektuelle Zentrum eines konservativen und völkisch-nationalistischen Netzwerkes dar, das seine Erfahrungen aus der Kriegszeit zur Formierung der öffentlichen Meinung gegen die ungeliebte Republik in Stellung brachte. Man machte vor, was der Kommunist Antonio Gramsci später in Italien als Losung postulierte, dass man „ Macht nur durch Ideen gewinne „.

Die Autoren der „Konservativen Revolution“ haben häufig vom „ Parteiekel“ gesprochen, man kritisierte Ämterschacher und Parasitentum, plädierte für einen deutschen Staat, in dem Ordnung, Sauberkeit und Zucht herrschen sollten, forderte eine aristokratische Elite und geißelte den Artikel 109 der Weimarer Verfassung, der alle Vorrechte der Geburt oder des Standes aufgehoben hatte. „Herr Habsburg Lothringen steht jetzt auf gleicher Stufe mit dem Herrn Kraxlhuber und das ist überaus beruhigend.“ Diese Publizistik richtete sich an eine Gruppe von Gleichgesinnten und Sympathisanten, die sich von der Mehrheitsgesellschaft abkapselten und abweichende oder gar konkurrierende Sichtweisen nicht akzeptierten. Es entstand ein „Echo-Kammer-Effekt“, der bei näherem Hinsehen eine „Wir-gegen-die“-Haltung verstärkte, eine Ausgrenzungslogik, die Vorurteile und eine Radikalisierung der Gesellschaft förderte. Selektive Wahrnehmung, der Filter im Kopf, war schon damals keine Frage mangelnder Bildung oder fehlender Intelligenz – es war der intellektuelle Schutzmantel gegen eine Flut von Informationen, die allmählich auf die Bevölkerung einzuströmen begannen.

Ventil für Ohnmachtsgefühle

Auch das moderne Internet dient heute vielen als Ventil für Ohnmachtsgefühle und Verlustängste; es erlaubt einer lautstarken Minderheit harsche Reaktionen und Entgleisungen, die früher nicht bemerkbar waren. Seriöse Medien werden als „Systempresse“ oder „Propagandaschleuder“ betitelt; das neue Medium ist zum Sammelpunkt für fremdenfeindliche Hetze geworden. Rechtsradikale Agitation hat dramatisch zugenommen. In online-Medien scheinen sich simple Botschaften, Gerüchte, fingierte Geschichten oder Falschmeldungen besonders leicht zu verbreiten. Das wirkt sich auf die demokratische Debatte und die politische Meinungsbildung negativ aus. Der schnelle Aufstieg der AfD in den letzten drei Jahren wäre ohne das Medium Internet nicht zu erklären, meint der FAZ-Journalist Justus Bender und konstatiert: „Die AfD ist die erste wirkliche Internetpartei der deutschen Geschichte.“

Wenn Prognosen in unübersichtlich gewordenen Zeiten nicht besonders unsicher wären, dann könnte man sagen: Die AfD wird trotz innerparteilicher Querelen und eines signifikanten Rechtsrucks im Bundestag und in allen Länderparlamenten eine dominante Partei bleiben. Wie radikal die „Alternative für Deutschland“ in Zukunft auftreten wird und wie tief sie in der bürgerlichen Mitte Fuß fassen kann, ist für die künftige politische Kultur der Bundesrepublik fast zur Schlüsselfrage geworden. Die neue deutsche Rechte ist aber keine Reformbewegung, wie es beispielsweise die Grünen waren, sondern in der AfD denkt man wie ihre konservativen Ahnen „ revolutionär und konservativ“. Man begreift sich trotz aller Beschwichtigungen nicht als parteiliche Alternative im, sondern gegen das System. Man wendet sich wie die verstockten Vorfahren gegen Liberalismus und Kosmopolitismus und versucht wie diese, einen radikalen Systemwechsel mit einer Revolte durch das Volk zu legitimieren.

Der Wandel in der deutschen politischen Landschaft, der sich bereits mit dem Bucherfolg von Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ unheilvoll angekündigt hatte, verlangt nach einer Antwort, wie sich der bisher rasante Aufstieg einer Partei mit rechtspopulistischen und völkisch-nationalen Zügen eingrenzen lässt. Unbestreitbar ist, dass die vermeintlich neuen Populisten mit ähnlichen Positionen und Strategien hantieren wie ihre konservativen Vorbilder in Weimar. Die organisatorische Struktur der Ring-Bewegung mit ihren jung-konservativen Multiplikatoren, die in die Universitäten, aber auch in Parteien, Verbände sowie in die Spitzen von Wirtschaft, Politik und Militär hineinreichte, hat womöglich für das Netzwerk in Schnellroda oder das einflussreiche Berliner „Institut für Staatspolitik“ Pate gestanden. Dessen umfangreiche Bibliothek ist jedenfalls mit dem Schrifttum der konservativen Ahnen ausreichend bestückt. Die metapolitische Strategie dieser ideologischen Kraftzentren, von denen es bereits über ein Dutzend im gesamten Bundesgebiet gibt, zielt ganz eindeutig auf die Wiederbelebung konservativer Positionen der legendären „KR“, wie sie unter Eingeweihten heißt, und damit auf eine allmähliche Umwertung aller Werte.

Revision der Geschichte

Der selbsternannte Chronist der „ Konservativen Revolution“ und Mitbegründer des „Instituts für Staatspolitik“, Karlheinz Weißmann, nennt die neue Rechte kurz und bündig „alt“, weil deren postmoderne Gedanken sich längst in den Gefilden der einstigen „Konservativen Revolution“ auffinden ließen. Er konstruiert eine historische Kontinuität, die sich die damalige Bewegung ausdrücklich zum Vorbild für heute nehmen soll. Der Optimismus des in konservativen Fragen äußerst kundigen Fachmanns, ist nahezu ungebrochen. Prophetisch heißt es in seinem jüngstem Buch, das den vielsagenden Titel „Rubikon“ trägt: „Alles drängt auf Veränderung, aber niemand kann sagen, welcher Art die Veränderungen sein werden, die uns bevorstehen. Fest steht nur, dass solche Veränderungen stattfinden und dass deshalb zweierlei gefordert wird. Kenntnis der Lage und Bereitschaft zum Handeln“. Das ist eine Kampfansage, die nur auf eine passende Gelegenheit hofft, das gegenwärtige demokratische System der Bundesrepublik radikal zu verändern.

Gäbe es eines Tages diese ersehnte „Umwertung aller Werte“, müsste man sich an einen Revisionismus gewöhnen, der historische Fakten ganz bewusst ignoriert oder nach eigenem Gutdünken uminterpretiert. Dann werden die dunkelsten Ereignisse der deutschen Geschichte salopp zum „ Fliegenschiss“ erklärt, gilt Brandts Wort vom „mehr Demokratie wagen“ als Wahlkampfschlager für völkische Populisten, von anderen, hanebüchenen Zuordnungen aus dem rechten AfD-Flügel um Björn Höcke ganz zu schweigen.

Im Hintergrund der Diskussion über Ursachen des Populismus, über Wahlerfolge der AfD oder Hetzparolen von Pegida hat sich eine radikal-konservative Kritik formiert, die an die „Konservative Revolution“ erinnert. Die nationalistisch-konservative Wochenzeitung „Neue Freiheit“ verweist auf „Wurzeln einer intellektuellen Rechten“, die in der deutschen Vergangenheit lägen, und erinnert an Vorbilder, deren Porträts man im fünfbändigen, von Erik Lehnert und Karlheinz Weißmann edierten „Staatspolitischen Handbuch“ nachlesen kann. In diesem Werk wird, von der bürgerlichen Publizistik fahrlässig unbeachtet, der Versuch unternommen, Autoren zu präsentieren, die den dringend erwünschten Einfluss auf die heutige intellektuelle Rechte beflügeln könnten.

Mitstreiter von AfD-Rechtsaußen Höcke

Auf der Liste jener Vordenker, die „Gewissheit vermitteln, nicht alleine zu stehen“, findet man Autoren wie Hans Freyer, Edgar Julius Jung, Ernst Jünger, Armin Mohler, Ernst Nolte oder Carl Schmitt , deren Erbe hoffähig gemacht werden soll. Folgerichtig meint Jörg Kubitschek, umtriebiger Mitherausgeber des Antaios-Verlages, Mitstreiter des AfD-Rechtsaußen Björn Höcke und ein Bewunderer der „Identitären Bewegung“: „Die sogenannte „Konservative Revolution“ hat bis heute ihre Strahlkraft nicht verloren, weil sie in ihren Hauptvertretern radikal und kompromisslos war, so ganz und gar bereit für etwas Neues, einen Dritten Weg, einen Umsturz, eine ‚reconquista‘, einen revolutionären Gang durch die Moderne“.

Aber wie macht man ein altes Schiff wieder flott? Wie kann man versichern, dass dieses historisch kontaminierte Gefährt in der Aktualität Schutz und Orientierung bietet? Unverkennbar ist, dass im intellektuellen Umfeld der AfD, in den Think Thanks von Schnellroda, den Redaktionen des Antaios-Verlages sowie in rechten Zeitschriften wie „Junge Freiheit“ oder „Sezession“ ein Geschichtsrevisionismus gepflegt wird, der mit verschiedenen Initiativen versucht, die deutsche Vergangenheit in ein besseres Bild zu setzen. So, wie die „Konservative Revolution“ am Ende der Weimarer Republik unbestritten eine „kulturelle Hegemonie“ über die deutsche Gesellschaft gewann, soll die intellektuelle Meinungsführerschaft auch für die Gegenwart erreicht werden. Das hat weniger mit dem politischen Auf und Ab von AfD, Pegida oder der „Identitären“ zu tun. Deren Protagonisten arbeiten zwar eng mit den Vertretern der KR zusammen, doch legt man Wert auf die jeweils eigenen Identitäten.

Die Losungen der „Konservativen Revolution“ haben sich in der Weimarer Republik stets neben den Parteien, oft sogar gegen sie und immer mit dem Hinweis auf die eigenständige originäre Haltung entwickelt. Man wollte eine eigene „Bewegung“ bleiben und nichts weiter. Der nationalen Mobilmachung vor dem Ersten Weltkrieg und der Kriegsbegeisterung 1914 war beispielsweise die Intensivierung eines nationalistisch-integrierenden Diskurses im Inland vorausgegangen. Erst nach Kriegsende verschrieb sich der ehemalige Propagandist Moeller van den Bruck der Agitation gegen Versailles und leitete, gemeinsam mit Autoren wie Hans Grimm, Edgar Julius Jung, Heinrich von Gleichen oder Carl Schmitt, einen „geistigen Gegenangriff“ gegen die Weimarer Verhältnisse ein, den er schließlich gewann.

Als man den Holocaust relativieren wollte

Kann sich so etwas wiederholen? Dass sich beispielsweise Vertreter der neuen Populisten mit durchaus unterschiedlichem Erfolg am deutschen Geschichtsbild abarbeiten, ist nicht Zufall, sondern Kalkül. Was sie von den verachteten „Systemparteien“ unterscheidet, ist ihre Sehnsucht nach einem ungetrübten Blick auf Nation und Geschichte. Während für alle anderen Parteien die Erinnerung an die Schrecken der NS-Zeit zu einem zentralen Element des nationalen Selbstverständnisses geworden ist, träumen die AfD und ihr brain-trust von einem Nationalstolz, der nicht länger von der dunklen Seite der deutschen Vergangenheit irritiert werden soll. Im Historikerstreit der achtziger Jahre versuchten die Propagandisten einer historischen Relativierung beispielsweise, den Holocaust und seine Folgen auf eine kommunistische Bedrohung zurückzuführen und ihn damit zu relativieren; später sollte wenigstens die Wehrmacht von den Verbrechen des Regimes freigesprochen werden.

Heute regen neopopulistische Vordenker der konservativen Rechten in grotesker Selbstverleugnung an, selbst auf Hitler einen vorbehaltloseren Blick zu werfen. Wer wie Gauland oder Höcke über „völkisch“ oder „Tausend Jahre Deutschland“ meditiert, der tut das nicht zufällig oder gar unbedacht, sondern greift, als gut geschulter Netzwerk-Profi, auf die längst gebräuchliche Technik der gezielten Provokation zurück, eine absichtliche Zuspitzung der Begriffe und die klare Kennzeichnung der eigenen Gegner. Die Skala solcher Regelverletzungen reicht von der Diffamierung des „Gutmenschen“ über das Wort „Lügenpresse“, das fast zum normalen Sprachgebrauch gehört, bis zum Adjektiv „völkisch“, das auf diese Weise hoffähig gemacht werden soll.

Das Ende des Liberalismus ?

Wer über die Machtmittel verfügt, der erzählt, was er möchte, auf allen Kanälen. Wer aber keine Macht hat, der bereitet sich gründlich vor, studiert die Reflexe des Medienzeitalters und versucht, durch einen gezielten Coup eine öffentliche Wahrnehmung zu erzwingen. Selbst ein gelernter Historiker wie Karlheinz Weißmann stellt bereits öffentlich die Frage, ob eine Deutung des Faschismus immer nur „antifaschistisch sein müsse“. Als überzeugter AfD-Anhänger hofft der versierte Kenner der „Konservativen Revolution“ darauf, dass seinen historisch geklitterten Auffassungen möglichst viele Nachahmer folgen. Die Marschrichtung ist klar: Nur wer die Begriffe setzt und definiert, kann Deutungshoheit gewinnen. Sobald man unter konservativen Propagandisten über den Holocaust spricht, geht es nicht um historische Verantwortlichkeit, sondern nur um Sieger und Besiegte, um „Schuld“ und „Schuldkult“. Jedermann spult die eigenen Bekenntnisse herunter; von Trauer und Scham ist wenig zu spüren.

Bis vor einigen Jahren gab es stets eine empirische Basis, auf die man sich auch in Sachen Geschichtsschreibung verständigen konnte. Das hat sich gründlich geändert. An die Stelle der früheren Konsenssuche ist eine Vergiftung des politischen Klimas getreten und eine Polarisierung, die sich mit antirationalen Argumenten munitioniert. Wo abweichende Meinungen aber ausgeblendet werden, gibt es auch keine Kontrolle mehr, ob das, was man allein für richtig hält, eine Verankerung in der Wirklichkeit besitzt. Es reicht völlig aus, dass etwas denkbar ist, damit es für wahr gehalten wird. Wo die gefühlte Wahrheit wichtiger wird als Fakten, wo Ignoranz und Inkompetenz zu Erfolgsmerkmalen werden, da entsteht ein Nährboden für alle möglichen autoritären Konzepte.

Zivilgesellschaft muss sich wehren

„Wir erleben eine Konterrevolution gegen die Ausbreitung des Liberalismus“, meint der britische Historiker Timothy Gordon Ash. Politische Abenteurer, die in aller Öffentlichkeit lügen und dies nicht einmal bestreiten, beherrschten die mediale Welt und vor allem die sozialen Netzwerke, die der Historiker als die „größte Kloake der Weltgeschichte“ bezeichnet. In einer postfaktischen Welt wird das, was man fühlt, wichtiger als das, was man weiß. Die Wirklichkeit wird vereinfacht: Freund oder Feind, schwarz oder weiß; für Zwischentöne bleibt kein Platz. Lügen und die ständige Wiederholung des Gleichen sind erfolgreich, weil der Affekt gegen die Fakten immunisiert.

Der Autor vertritt die Meinung, dass die Gefahr, die von populistischen Parteien ausgeht, noch längst nicht gebannt ist. Zu übertriebener Alarmstimmung besteht zwar kein Anlass. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass Populisten jedweder Couleur unsere Demokratien noch für Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte herausfordern werden. Entscheidend bleibt eine Zivilgesellschaft, die sich energisch wehrt und die sich mit Blick auf die Schwächen der Weimarer Republik stets bewusst ist, wie rasch Freiheit verspielt werden kann.

Bildquelle: Pixabay, Bild von John Hain, Pixabay License

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Volker Mauersberger

Dr. Volker Mauersberger begann seine journalistische Laufbahn beim WDR in Köln, war ARD-Korrespondent in Spanien und Chefredakteur von Radio Bremen. Er schrieb Sachbücher, politische Biografien und einen Doku-Krimi; er lebt halbjährlich in Bonn und Madrid.


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  1. 22. August 2019 @ 03:48 Falsche Propheten – Die alte Wut der neuen Populisten - Blog der Republik - Clockhit News

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