Daumenschraube

FDP: Populismus statt Argumente

Das Märkische Museum liegt an der Berliner Wallstraße in Mitte.  Vom ZDF-Hauptstadtstudio an der Straße Unter den Linden aus ist das Museum  per pedes in einer guten halben Stunde zu erreichen. Neugierige können an der Wallstraße neben anderen Dingen ein Monstrum aus schwarzem Eisen angucken: Eine Zwinge, Daumenschraube genannt, im Mittalter und in der darauffolgenden Neuzeit genutzt, um Geständnisse zu erzwingen. Ein Folterwerkzeug also.

Die Bundesgeschäftsstelle der Freien Demokraten befindet sich in der Berliner Reinhardtstraße 14, zu Fuß ebenfalls gut zu erreichen, freilich ist die Entfernung vom ZDF zu Herrn Christian Lindners kürzer als in die Wallstraße zum Märkischen Museum mit der Daumenschraube.

Viel kürzer, darf man annehmen. Am gestrigen Dienstag bezeichnete FDP-Chef Lindner den Beschluss der Ministerpräsidenten und der Bundeskanzlerin, Corona-Tests kostenpflichtig zu machen als „Daumenschraube“. Dienstagabend 19 Uhr, wenige Stunden später, wurde die stellvertretende Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios Shakuntala Banerjee zur Bewertung dieser Beschlüsse befragt: Man könne sie „durchaus als „Daumenschrauben“ bezeichnen. Zufall? Gedankenübertragung? Oder eine Art „Framing“?

Und dann ging es los: Auf der Internetplattform  The World News  hieß es zwei Stunden später, 21 Uhr 3: „Es war der erste Corona-Gipfel nach mehr als drei Monaten: Wieder Debatten, Streit – und am Ende ein Ergebnis: Die Daumenschrauben für Ungeimpfte kommen! Und damit faktisch die Zwei-Klassen-Gesellschaft.“

Bild online 22 Uhr 41- wortgleich: „Es war der erste Corona-Gipfel nach mehr als drei Monaten: Wieder Debatten, Streit – und am Ende ein Ergebnis: Die Daumenschrauben für Ungeimpfte kommen! Und damit faktisch die Zwei-Klassen-Gesellschaft.“

Die Daumenschrauben werden uns alle in den anstehenden Wochen weiterhin beschäftigen: Nicht „loslassen“. Daumenschrauben werden synonym genutzt, um Handeln von Legislative und Exekutive zu benennen. Das ist eine – vielleicht unbedachte – erste sprachliche Preisgabe unserer Ordnung. So beginnt De- Legitimierung von Demokratie. AfD-Leute und andere können sich auf die Schulter klopfen.

Bildquelle: Bildflut, CC0, via Wikimedia Commons

Teilen Sie diesen Artikel:
Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 5 126 Abonnenten.



Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


'FDP: Populismus statt Argumente' hat keine Kommentare

Als erste/r kommentieren

Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht