Fußball WM 2018

Fußball-WM in Putins Reich

Heute beginnt die Fußball-WM in Russland mit der Eröffnungsfeier und dem Spiel Russland gegen Saudi-Arabien.  Wer es lieber anders lesen möchte, kann meinetwegen auch von Putins Reich sprechen, womit wir gleich beim Thema wären. Politische Prominenz will dem feierlichen Auftakt und der Rede von Präsident Putin fernbleiben, weil man mit der politischen Situation im Lande nicht einverstanden ist. Da ist die Annexion der Krim, der Kriegszustand mit der Ukraine, das abgeschossene Flugzeug, der Umgang mit Kritikern und Gegnern. Man kann das so und anders sehen. Ich bin ein Anhänger der Politik Willy Brandts: Wandel durch Annäherung. Heißt: mit Putin reden, Russland, das größte Land in Europa einbinden, Schluss mit den Sanktionen, weil sie nichts bringen und niemandem helfen. Wir dürfen bei aller berechtigten Kritik Putin nicht isolieren, gerade jetzt nicht, da sich überall die Populisten breit machen, da in Amerika ein unberechenbarer Präsident herrscht, der mit einem genauso unberechenbaren Diktator namens Kim freundliche Gesten austauscht, dass es einen graust.

Folgen wird der Feier ein wochenlanges Spektakel rund um den Ball mit hoffentlich tollem Fußball, technisch brillant, athletisch, schnell, fair, mit vollen Stadien. Die halbe Welt-mindestens- schaut zu,  Millionen und Abermillionen werden die Spiele rund um den Globus am Fernsehschirm verfolgen. Titelverteidiger ist Deutschland. Ob die Löw-Truppe es wirklich schafft, den WM-Pokal erneut zu gewinnen, ist ungewiss. Tatsächlich ist das noch keinem Weltmeister gelungen, weder Brasilien, noch Spanien, noch Frankreich und dem viermaligen Sieger Deutschland bisher auch nicht.

Man darf daran erinnern, wie kläglich Deutschland 1994 ausgeschieden war beim Turnier in den USA- als Titelverteidiger. Man frage Berti Vogts, den damaligen Bundes-Trainer oder seinen Vorgänger im Amt, den Teamchef von 1990, Franz Beckenbauer. Man glaubte, nach dem Titelgewinn in Rom und der deutschen Vereinigung eine noch stärkere Mannschaft aufbieten zu können. In der Erinnerung geblieben ist zumindest bei mir der Stinkefinger von Stefan Effenberg, der aus Frust über die eigene Leistung(?) oder den Unmut der deutschen Fans jenen Finger in Richtung Zuschauer zeigte und damit seine vorzeitige Abreise auslöste.

Als die Militärs in Argentinien herrschten

Im Vorfeld hat es wie erwartet eine Debatte darüber gegeben, ob politischer Besuch bei einem solchen Turnier in einem solchen Land angesagt ist oder nicht. Solches Land, gemeint ist Russland und ihr Präsident Wladimir Putin, der es nicht so genau nimmt mit den demokratischen Regeln und Menschenrechten. Stimmt, aber als Deutscher halte ich mich bei der Bewertung von Russland eher zurück, die gemeinsame Geschichte mit dem Überfall von Nazi-Deutschland auf die Sowjetunion und der geführte Vernichtungskrieg wiegen immer noch schwer.   Aber wenn wir schon dabei sind, sollten wir nicht vergessen,  wie das denn damals 1978 war in Argentinien, als in dem südamerikanischen Land eine unsägliche Militär-Junta regierte, die mit der Opposition nicht gerade menschlich umsprang. Zehntausende Menschen wurden gefoltert oder ermordet, mysteriös der Erfolg der Argentinier auf dem Platz. Viel Geld soll geflossen sein, um den Titel zu erringen-oder zu erkaufen, zu ergaunern. Argentiniens Staatschef Videla und US-Außenminister Henry Kissinger sollen sogar in der Kabine der Peruaner gewesen sein. Videla musste gewinnen, um Argentiniens schlechten Ruf in der Welt aufzupolieren.

Ein paar Beispiele unterstreichen die Lage vor und um 1978  in Argentinien. In 340 Konzentrationslagern wurden 30000 Verdächtige und Andersdenkende gefoltert, ertränkt, erschossen- die Verantwortlichen der Fifa störte das offensichtlich nicht. Aus deutscher Sicht ist die sogenannte „Schmach von Cordoba“ geblieben. Der Titelverteidiger Deutschland- 1974 hatten die Deutschen gegen Holland mit 2:1 den Titel im eigenen Land gewonnen- scheiterte ausgerechnet gegen Österreich mit 2:3, ein Fest für das Alpenland. Hans Krankl, der Torschütze, stieg fast zum Nationalhelden auf, Rundfunk-Reporter Edi Finger geriet außer sich ob des Sieges-„I wer narrisch“- und wollte sich sogleich ein Viertel genehmigen. In Erinnerung geblieben ist auch, dass der damalige DFB-Präsident Hermann Neuberger im WM-Quartier der Deutschen in Asochinga den ins argentinische Exil geflohenen Weltkriegs-Veteranen und Hitler-Verehrer Hans-Ulrich Rudel empfing. Und der damalige Bundestrainer Helmut Schön erlaubte sich auf Journalisten-Fragen die Antwort: „Warum soll ich ihn nicht begrüßen? Er hat im Krieg Hervorragendes geleistet.“ Zitiert nach Spiegel Online.

Putin, Erdogan, Gündogan, Özil

Nun also Russland mit Putin. Natürlich hegen Kritiker den Verdacht, der russische Herrscher werde das Fußball-Turnier für sich und sein Ansehen zu nützen verstehen. Kann sein, dass es schöne Bilder mit Putin und den Kicker-Größen aus vielen Ländern gibt. Wir sollten uns da ein wenig zurückhalten, schließlich haben zwei unserer besten Fußballer-ich meine auf dem Rasen- sich vor wenigen Wochen noch mit dem türkischen Autokraten Erdogan gezeigt und ihm die Gelegenheit gegeben, Werbung für sich und seine Wiederwahl zu machen. In der Türkei wird  bald gewählt. Und es kann schon sein, dass es sich gut macht, wenn zwei deutsche Nationalspieler Özil und  Gündogan, die beide aus Gelsenkirchen stammen,  der eine hat für Schalke und Bremen gespielt und tut es heute für Arsenal London, und der andere hat für den BVB in Dortmund gekickt und ist gerade mit  Manchester City  englischer Meister geworden, wenn diese Spieler sich mit Erdogan auf einem Foto zeigen. Und wenn Gündogans Foto mit Erdogan zusätzlich  geschmückt wird mit dem Trikot des Deutschen und der Aufschrift „Für meinen Präsidenten“, ist das nicht nur eine Kleinigkeit.  Gündogan hat zwar türkische Wurzeln, er ist aber Deutscher, er hat nur die deutsche Staatsbürgerschaft. Gündogan und Özil wurden heftig kritisiert und von den Fans beim nächsten Spiel ausgepfiffen. Es half ihnen wenig, dass der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beide Spieler in Berlin empfing. Bundestrainer Löw und DFB-Sportdirektor Oliver Bierhoff haben die Kritik zurückgewiesen und sich vor die Spieler gestellt.

Die Fußballspiele sollten im Vordergrund stehen, das ist eine alte Hoffnung, die sich meist nicht erfüllt. Denn Politiker, auch demokratisch gewählte, schmücken sich gern mit erfolgreichen Sportlern und zeigen sich mit ihnen, auch in der Kabine, sie drücken die schweißnassen Kicker an sich in der Hoffnung, damit zu Hause bei den Wählerinnen und Wählern zu punkten.Helmut Kohl hat das gemacht und Angela Merkel hat gerade noch die deutsche Mannschaft im Trainingsquartier in Epen kurz vor dem Abflug nach Moskau besucht. Warum auch nicht?  Putin wird das ähnlich halten. Wir sollten Russland diese WM, die hoffentlich ein Erfolg wird und friedlich verläuft, gönnen. Und  Deutschland?  Ich bleibe skeptisch, was den Erfolg der Mannschaft um Neuer, Hummels, Boateng, Reus und Kross angeht. Sie seien eine Turniermannschaft, hat der Dortmunder Stürmer Marco Reus betont.  Stimmt, ich würde ihm den Erfolg gönnen, er war oft genug der große Pechvogel auf dem Platz, immer wieder geplagt von Verletzungen.  Allerdings war in den letzten Spielen von einer geschlossen auftretenden Mannschaft wenig zu spüren. Und: Noch nie konnte eine Mannschaft den Titel verteidigen. Und Angela Merkel wird sich das Endspiel in der russischen Metropole nicht entgehen lassen- wenn Deutschland dort spielt.

Bildquelle: pixabay, Gellinger, CC0 Creative Commons 

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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