Abschied

Gegen das Vergessen: Der Roman „Die Annäherung an das Glück“ von Günter Steffens

Der 1976 erschienene Roman ist nur einem kleinen Kreis von Interessierten bekannt. Im  umtriebigen Literaturbetrieb waren Roman und Autor schnell vergessen. Zu Unrecht.

Dieter Wellershoff, dem der Roman gewidmet ist, hielt ihn für ein Meisterwerk. Er hatte Günter Steffens während seiner Zeit als Lektor im Verlag Kiepenheuer & Witsch betreut. Und ihm ist es wohl auch zu verdanken, dass der Roman überhaupt erschienen ist.

Der Roman handelt von der Geschichte eines Mannes, der durch den Krebstod seiner Frau aus der Bahn geworfen wird. Der erste Teil schildert den langen Abschied der Beiden; die vergeblichen Hoffnungen auf Heilung; die unaufhaltsam fortschreitende Krankheit; die Veränderungen in den Beziehungen der Beiden und schließlich den nahezu unmerklich sich vollziehenden Entfremdungsprozess zwischen ihnen.

W i e  Steffens die Empfindungen der beiden Protagonisten schildert, das dürfte zum Außergewöhnlichsten gehören, was die Literatur zur Erfahrung des Sterbens aufzuweisen hat. Der Autor schildert den einsetzenden körperlichen Verfall und die psychischen Verheerungen, die er bewirkt, mit einer Empfindsamkeit und Tiefe, die ihresgleichen sucht. In Form einer autobiographischen Selbstreflexion wendet er sich an nicht weiter identifizierbare Bekannte, um auf diese Weise zu versuchen, sich über seine Empfindungen klarzuwerden. Auch wenn zum tatsächlichen Hergang bereits eine zeitliche Distanz besteht, spürt man die nahezu zärtliche Empathie, aber auch die Bitterkeit, mit der Steffens das bereits der Vergangenheit angehörende Geschehen schildert:

Ihr – alte Bekannte, die ich verachte wie Ihr mich verachten möchtet (und könnt doch, ähnlich wie andere Eurer Art in einem Gedicht, das Ihr nicht kennt, erst leuchten seit ich dunkel bin) – Ihr wisst ja alle, dass sie vor drei Jahren gestorben ist. Aber das weiß auch von Euch kaum einer, dass die Stelle, von der aus der Tod in sie eindrang, eben diejenige war, auf die ich sie zum erstenmal küsste; ganz so als hätte ich ihr gleich zu Anfang und mit meinen eigenen Lippen ein langsam wirkendes tödliches Gift eingeflößt. Einige von Euch waren dabei, doch weiß ich nicht, ob jemand gesehen hat, wie ich, hinter ihr hockend, ein Paar weite schwarze Flügel ausspannte und mich langsam aufrichtete, hoch auf mit langem Hals und kleinem Kopf, und wie meine schrägsitzenden kalten Augen lange zielten, bevor mein Hals sich im Bogen zu ihr neigte und der nadelspitze Mund in der Mitte meines Kopfes auf das kleine Mal auf ihrer linken Schulter niederstieß.

Sie sagte noch lange nachher manchmal, ich hätte es so sanft berührt „wie ein Vogel“, und von diesem Moment an sei sie jederzeit bereit gewesen, ohne Zögern mit mir auf und davon zu fliegen, wohin auch immer; „so scheint die Liebe Liebenden ein Halt“.

Während der folgenden zwölf, dreizehn Jahre – über deren schöne Unwahrheit ich mit diesem einen Satz hinwegsetze, hinweghetze zur unschönen Wahrheit – wuchs die geringfügige lichtbraune Erhebung auf ihrer weißen Haut üppig heran …

Während der ganzen Zeit, in der die Krebserkrankung trotz aller ärztlichen Maßnahmen voranschreitet, versuchen die beiden Liebenden mit der für ihre Beziehung bedrohlichen Situation fertig zu werden. Minutiös beschreibt der Autor die zunächst kaum merklichen Veränderungen, die sich im Laufe der Zeit vollziehen. In der Summe jedoch bewirkt dies, dass sich eingespielte Gewohnheiten zu verändern beginnen.

Unsere Frühstücke in der armseligen und behaglichen Küche – unsere Frühstücke, die wir seit jeher, wo wir auch gerade wohnten unter Essen, Reden, Rauchen und Wiederessen so lange ausgedehnt hatten, dass die Mittagsmahlzeiten meist dafür ausfallen mussten – diese maßlosen Frühstücksfeste, Höhepunkte aller Tage unseres Lebens, wurden jetzt kurz abgetan. So kam es kaum einmal zu einem schwachen Nachklang unserer virtuell unendlichen Gespräche von früher, die fast immer von den nächstbesten Dingen und Wahrnehmungen ausgegangen waren (Worten und Gebärden, Gebarungen und Trachten, Häusern und Interieurs, Büchern und Bildern, Musik und anderen Geräuschen) und sie, zwar in der verminderten Verantwortlichkeit derartiger Unterhaltungen, entlarvt und kritisiert hatten als Spiegelungen und Widerspiegelungen der Verhältnisse, die so sind oder eben nicht so sind, auf jeden Fall aber anders sein sollten.

Die sukzessive Entfremdung zwischen den Liebenden scheint unaufhaltsam, trotz aller Versuche, dem entgegen zu wirken. Ja – man könnte sagen, je sensibler die Beiden ihre neue Lebenssituation wahrnehmen, desto empfindlicher reagieren sie aufeinander. Wie sollten sie auch gelernt haben, mit einer derart existentiellen Krise, die sie völlig unvorbereitet getroffen hatte, umzugehen?

In eindringlicher Weise schildert Steffens die Persönlichkeitsveränderungen seiner Geliebten, die allmählich zur Fremdheit zwischen den Beiden führt.

Diese Veränderung, diese Abkehr und Umkehr war ihr umgestülptes Wesen selbst, und bewirkte unter anderem, dass uns das gewohnte Kindergeplausche kaum noch gelang, das nicht nur Ausdruck der gerührten Zärtlichkeit gewesen war, die wir füreinander empfunden hatten, sondern auch der unserer Distanz zu denen, die wir – ob eine reale Altersdifferenz uns trennte oder nicht – „die Erwachsenen“ oder „die richtigen Erwachsenen“ zu nennen pflegten (woraus sich ergab, dass wir uns selber „die Kinder“ nannten, namentlich in Zuständen inneren Überwältigtseins.

Während sich die kranke Frau immer stärker zurückzieht und scheinbar belanglosen Tätigkeiten nachgeht, ergeht sich der Mann in Erinnerungen an die gemeinsame, glückliche Zeit der Liebe. In beiden Verhaltensweisen kann man eine Form der Distanzierung sehen, um der grausamen Wahrheit des Gegenwärtigen zu entfliehen. Möglicherweise ist ihr Verhalten aber auch eine unbewusste Reaktion auf die Tatsache, dass ihnen irgendwann in näherer oder fernerer Zukunft der schmerzliche Abschied voneinander ohnehin bevorsteht. Dann würde es sich um eine Art Schutzmaßnahme handeln, um nicht ständig mit dem Unausweichlichen konfrontiert zu sein.

Immer wieder gibt es auch Versuche, sich einander wieder anzunähern. Aber immer wieder scheitern diese auch und vermehren den Leidensprozess, dem beide ausgesetzt sind.

Sollte ich weiter oben doch etwas übertrieben haben, so ist es nun fast zu wenig gesagt, dass ich irritiert war bis zur Qual. Ich redete ihr zu, bettelte um ihre Gunst – die sie mir, wie ich wohl ahnte, in Wahrheit gar nicht entzogen hatte durch diese Verwandlung ihres Wesens, an der sie doch nur insofern teilgehabt hatte, als sie ihr widerfahren war, nun aber, da das so gut wie vollendet und sie mithin bereits eine andere war, überhaupt nicht mehr. Mit wem sprach ich also, auf wen redete ich so flehentlich ein? Mit einer anderen. Auf eine andere.

Der Ich-Erzähler ist es, der aus seiner Perspektive den Entfremdungsprozess zwischen Beiden beschreibt. Es ist erstaunlich, in welcher Differenziertheit Steffens die zunehmende Distanzierung des Paares beschreibt. Und noch eines bedarf unbedingt der Erwähnung: sein „Bericht“ kommt nahezu gänzlich ohne irgendeine Form der Larmoyanz aus – trotz der tiefen Verzweiflung, die aus vielen seiner Zeilen spricht, weil er spürt, dass er seine Frau kaum noch erreicht.

Einer anderen unterbreitete ich meine kraftlosen Vorschläge: Ich hätte da etwas Schönes zum Vorlesen gefunden; wie gut würde das sein, in der warmen Küche, mit einem großen Topf Kaffee. Oder: Im Rundfunk gebe es die Erste von Mahler, die mit dem Trauermarsch nach dem Lied vom Frère Jacqes, die magst du doch so gern. Oder: Weißt du, ich finde manches nicht sehr gut an Arendts Übersetzung der Gedichte von Aleixandre; ich hätte Lust, mit dir zu probieren, ob wir das nicht besser könnten.

Ich verlangte bis zum Verschmachten danach, sie endlich einmal wieder erschauernd ihre Arme verschränken und sich so in ihr eigenes Wohlbehagen lehnen zu sehen, als hätte diese Empfindung sich zu einem regelrechten Federbett verdichtet.

Doch was ich auch aufbot, sie sah mich nur lange ernsthaft und so an, als sähe sie mich in großer Entfernung stehen, so weit weg, dass sie mich gar nicht hören konnte, selbst wenn ich geschrien hätte.

Die Entfernung zwischen den Beiden ist zu groß geworden. Selbst frühere Lieblingsbeschäftigungen haben ihren Reiz verloren.  Empfindet die Frau den Schmerz der Erinnerung daran als unerträglich? Ist es vielleicht sogar Scham, weil sie ihre Krankheit für eine Art Schwäche hält? Sind es möglicherweise unbewusst auch Aggressionen, weil sie ihre Erkrankung als eine ungerechte Strafe des Schicksals erfährt, so dass gerade die Hinweise auf gemeinsame Interessen, durch die sie eng verbunden waren,  besonders schmerzen?

Während das Verhalten des Mannes von wachsender Hilflosigkeit geprägt ist, scheint die Frau sich allmählich von allem zu lösen, was ihr früher nahe gewesen ist und was sie nun wohl nur noch in einer perspektivischen Verkleinerung wahrnahm, in der es auf seine Wahrheit einschrumpfte, und die es ihr unverständlich machte, was sie einmal gefunden hatte an all dem. So denke ich es mir, aber wie soll ich wissen, ob es so war?

Was kann man überhaupt wissen in einer solchen Situation? Klammert man sich nicht an alles, was ein wenig Hoffnung verspricht? Sind da nicht die Ärzte mit ihren vagen Diagnosen? Die einmal von einer Arbeitsschwellung, ein andermal von einer Lungenblähung faseln? Die den Eindruck erwecken, sie würden helfen können oder doch zumindest so tun, als könnten sie dem Ganzen Einhalt gebieten. Und wie ist es mit der Kranken selbst? Hofft sie noch oder spürt sie schon, dass es für sie keine Rettung mehr gibt? Und überhaupt – wann beginnt das Sterben? Erst im Moment des schlussendlichen Todes oder nicht doch schon lange vorher, wenn sich im tiefsten Innern Gewissheit einstellt?

Wenn das Sterben beginnt – und sie hat damals, so scheint es mir jetzt, bereits zu sterben begonnen – so setzt zugleich ein mehr oder weniger langwieriger Prozeß ein, in dem der Sterbende (der sehr wohl, wie sie, gerade dann von einer besonderen, sagen wir hektischen Lebendigkeit sein kann) sich aus einem Menschen von bestimmter individueller, gesellschaftlicher, geschichtlicher Prägung zurückverwandelt in das nackte zoon, von dem alles abgefallen ist wie der schäbig gewordene Maskendress am grauen Morgen nach dem Fest. Kein Wunder, dass es uns schwerfällt, ihn wiederzuerkennen. Aber wir sind ihm kaum weniger fremd als er uns; denn wir sind geblieben, was wir waren, während er unbemerkt, womöglich unbemerkt auch von ihm selbst, in ein anderes Kraftfeld hinübergeglitten ist. Manchmal ruht sein Blick auf uns, lange, starrend, aus unerreichbarer Ferne, ein Tierblick und wie dieser sprechend, doch in einer Sprache, die wir nicht verstehen.

Immer wieder unterbricht Steffens die Schilderung des Sterbensprozesses mit Passagen gemeinsamer Erinnerungen. Durch die Konfrontation des miteinander Erlebten mit der bedrückenden Gegenwart erreicht seine Darstellung eine besonders prägnante Kontrastierung: das Vergangene erscheint in seiner lebendigen und greifbaren Gegenwärtigkeit und zumindest zeitweise gelingt es, die bedrückende Präsenz des Todes zu verdrängen. Durch einen Kunstgriff gelingt es dem Autor, den verschiedenen Wahrnehmungsebenen Ausdruck zu verleihen, indem er ihnen jeweils eigene Stimmen gibt.

Als er die Nachricht erhält, dass keine Aussicht auf Heilung besteht, scheint er nicht zu verstehen, was ihm da mitgeteilt worden ist. Besser gesagt: er will es nicht verstehen. Es ist, als würde er die soeben erhaltene Botschaft an eine unbewusste oder vorbewusste Sphäre seines Wahrnehmungsvermögens weiterleiten, um die endgültige Gewißheit nicht wahrhaben zu müssen.

Aber von nun an sprach ich mit drei Stimmen, einer lauten und zwei weiteren, die nur ich hörte. Die Stimmen waren an sich nichts Neues, sie entsprachen den Augen (die laute den blauen, und so weiter); neu war nur, dass sie sich jetzt viel deutlicher gegeneinander abhoben als sonst, dass sie sozusagen voneinander zurückgetreten und ganz miteinander zerfallen zu sein schienen.

Was ist? Hatte die erste, die laute Stimme gefragt. Du hast es doch verstanden, sagte die zweite, was fragst du denn. Die dritte schwieg vorerst. Vier bis sechs Wochen höchstens …

Das ist doch unmöglich, rief ich mit der ersten Stimme. Sofort redete die zweite hinein: Du sprichst wie alle sprechen und weißt doch besser als alle, dass es durchaus möglich ist. Mehr als das, sagte die dritte. Es ist im höchsten Grade wahrscheinlich, ist das ganz Normale, wie alles, was schrecklich ist. Und du weißt es, weißt es, weißt es, keifte sie. Wenn du es nicht wüsstest, seit langem schon, hättest du eine Stimme weniger. Erst seit du es weißt, rede ich in dir. Ich kann auch sagen, erst seit ich in dir rede, weißt du es … Das war noch nicht genug, die dritte musste mich genießerisch an Musils Idee eines Buches erinnern, in dem die Personen in allem nach ihren eigenen Reminiszenzen gemodelt wären, die sie aber nicht erkennen.

Also dieses Literaturgewäsch ist jetzt wirklich nicht am Platz, rief die zweite Stimme so wütend, dass sie beinahe laut geworden wäre … Ich stand auf und sagte im Aufstehen noch einmal: Das ist alles unmöglich … Darauf Nummer drei dozierend: In extremen Situationen steht dem Menschen nur das konventionellste Wort zur Verfügung. Oder das Schweigen. Warum? Weil solche Situationen ihm inkommensurabel sind. Schweig also, schweig, befahl Nummer zwei, vor Wut zitternd.

Es ist, als repräsentierten die drei Stimmen verschiedene psychische Instanzen, um das Unvermeidliche erträglicher zu machen. Der Schmerz teilt sich gewissermaßen auf,  und durch den Teilungsvorgang scheint eine gewisse Linderung der ansonsten unerträglichen Pein einzutreten. Möglicherweise handelt es sich auch um einen Bewusstwerdungsprozess, der das Unfassbare allmählich realisieren hilft, anstelle der geballten Gewissheit des scheinbar Unbegreiflichen. Und überhaupt scheint es, als lösten sich die Elemente der sinnlichen Gewißheit in ihre Bestandteile auf oder verlören zumindest ihre vertraute Bedeutung. Um sich ihrer zu vergewissern, muss man sie neu benennen; als gelte es, eine Sprache für sie zu finden.

Alles was ich sah und beim Namen rief, rührte mich fast zu Tränen. Ich musste es nennen und anreden, um es mit Worten festzuhalten und festzumachen, denn es schien mir, als sei das alles in Gefahr, alsbald nach oben davon zu schweben … Die nur vorgespiegelte Lammfrömmigkeit der Dinge, ihr nur gemimtes Beharrungsvermögen hatte uns eingelullt und eingewiegt in das schläfrige Vertrauen auf ein, wenn auch bescheidenes Maß von Sicherheit in unseren Verhältnissen … Im übrigen aber fuhr ich fort, die Gegenstände Stück für Stück inständig anzurufen, um sie daran zu erinnern, was sie waren, und dass es ihre Sache nicht sein könne, davon zu schweben und uns oder nur mich in einer Kahlheit zurückzulassen, die man nicht aushalten kann, einer inkommensurablen Kahlheit, wie die dritte der Stimmen es wohl ausdrücken würde. Brotkasten, mit dem immer klaffenden, verzogenen Deckel. Ihr Gummihandschuhe, die der Kohlenstaub bedeckt. Du alte Holzkiste voll Holz. Kaffeetasse, meine Tasse, leicht lädiert.

Die Nachricht vom bevorstehenden Tod hat alles verändert, was bislang vertraut war. Die Dinge scheinen ihre Bedeutung eingebüßt zu haben; man muss sich ihrer erneut vergewissern. Alles scheint zu entschwinden. Die Koordinaten der sinnlichen Gewissheit, das Hier und Jetzt, haben sich aufgelöst und es ist ungewiss, ob sie jemals ihre alte Verlässlichkeit zurück gewinnen. In dieser Situation sucht man verzweifelt nach Orientierungspunkten, um das entstandene Bedeutungsvakuum zu füllen.

Aber ich kam mir vor, als spielte ich mich selbst, spielte einen Mann, der in meiner Lage war, und spielte ihn schlecht, ein ganz unbegabter Komödiant, dem man die Aufgabe übertragen hat, Verzweiflung, Trauer, Fassungslosigkeit auszudrücken. Vielleicht war es so, dass ich bis dahin noch gar nicht dazu gekommen war, etwas zu fühlen, was sich derart kategorisieren ließ, sondern nur eine ganz amorphe Beklommenheit spürte, und nicht einmal das, sondern etwas ganz Unbestimmtes, Unbestimmbares, nicht Ausdruckfähiges, dass ich aber, einem Instinkt folgend, darauf ausging, das gestaltlos Quälende in benennbare Komponenten aufzuteilen, weil es dann immerhin etwas leichter zu ertragen, ja dann erst überhaupt zu ertragen wäre. Und so suchte ich womöglich über den Ausdruck für etwas, das ich noch gar nicht hatte, zu dem infolgedessen so schlecht Ausgedrückten selbst zu gelangen … Keineswegs trachtete ich so geradehin nach Erleichterung, es sei denn nach einer, die besser Erlösung hieße, und die, so dachte ich, gerade in der äußersten Intensivierung der Qualen zu finden sein müsste, die mir nun einmal bestimmt wären.

Auf der verzweifelten Suche nach einer Sprache für seinen Zustand macht der Protagonist die Entdeckung, dass es für den Grad an Trauer, wie er sie empfindet, möglicherweise überhaupt noch keine Sprache gibt; jedenfalls keine, die ihm Erleichterung verschaffen könnte. Erlösung wäre ein anzustrebender Zustand; aber wie erlangt man sie, wenn einem die Kraft zu glauben oder gar der Lebenswille abhanden gekommen ist?

Der Mann muss mit ansehen, wie die geliebte Frau dahinstirbt und er kann sich noch nicht einmal sicher sein, dass die ihr zugedachten Zeichen seiner Anteilnahme von ihr wahrgenommen werden. Durch die geöffnete Tür hört er sie schwer atmen; unterbrochen von rasselnden Geräuschen beim ein- und ausatmen, das hin und wieder aussetzt und ihn jedes Mal aufs Neue in Angst und Schrecken versetzt.

An solchen Stellen des Romans wird man als Leser selbst ins Geschehen hineingezogen; die Darstellung ist derart eindringlich, dass einem kaum eine Distanzierung möglich ist. Es stirbt ja nicht nur die Frau – was allein schon ein Drama ist. Man erlebt mit, wie auch das Leben des Mannes dahinschwindet und jeglichen Sinn einzubüssen scheint.

Die Zeit, die nicht mehr zu verlieren gewesen war, war verloren gegangen. Ich hatte es kaum bemerkt. Was noch übrig war, waren keine Wochen mehr, auch nicht eine, nur Tage noch, und nicht vier bis sechs, bloß zwei bis vier Tage, „höchstens“. Noch einmal variierte ich meinen alten Satz, kassierte nach dem Konjunktiv nun auch das Futur und schrieb: „Ihr Tod nimmt mir das Leben.“ Nichts bewegte mich dabei als ein Drang zur Vollständigkeit, und ich nahm mir unterm Schreiben schon vor, auch die letzte Fassung nicht auszulassen, zu gegebener Zeit: Ihr Tod hat mir das Leben genommen.

Der Autor Günter Steffens hat den Roman über den Tod seiner Frau drei Jahre nach deren Tod begonnen. Er erreicht darin eine dichterische Qualität und Authentizität, die ihresgleichen sucht. Man gewinnt den Eindruck, dass er durch sein Schreiben den Versuch unternimmt, sich selbst am Leben zu erhalten – ja, sich zu retten. Der Berichtscharakter des Romans ist keineswegs zu verwechseln mit einer Art dokumentarischer Protokollführung. Er mag lediglich die Funktion gehabt haben, ein gewisses Mindestmass an Distanz zum Geschehen zu finden. Davon zeugt u.a. die – angesichts des Themas – relativ gelassene und differenzierte Sprechweise, die auch noch die tiefsten Gefühlsregungen und psychischen Abläufe auszudrücken vermag.

Im zweiten Teil des Romans wird geschildert, wie der Autor nach dem Tod seiner Frau in tiefste Depressionen fällt, die er mit Hilfe von Tabletten und Alkohol zu kompensieren sucht. Er hat Halluzinationen und Angstträume:

In der Nacht kommen die Ziegen wieder. Diesmal erscheinen sie als Tapetenmuster, Dutzende von Ziegenböcken mit Perpendikelzungen und rollenden Augen. Sie erinnern mich an eine Wand voller kleiner Schwarzwälder Uhren. Ihre Zungen gehen im Takt zu einem Lied, das von einer leicht versoffenen Stammtischstimme vorgetragen wird und in diesem Vortrag vage an den Dialekt ihrer Herkunftslandschaft anklingt. Belustigt und ein wenig angewidert höre ich den immerzu wiederholten Singsang: „Keschperle, Keschperle, du sollst doch die Frauen, die reizenden Frauen nicht immer verhauen.“ Etwas fällt in Tropfen von ihren Zungen, aus ihren Bärten.

Ich bin es gewohnt, Dinge zu sehen, die nicht da sind. Und wieso sind sie nicht da, wenn ich sie doch sehe? Was ich sehe, ist da; ich lasse mir nichts mehr vormachen, lasse mir keine falschen Kriterien mehr aufschwatzen. Die Meerfrau neulich, diese Galionsdame vor dem Fenster habe ich sogar riechen können, salziger Seegeruch. Wenn es ein bisschen überhand zu nehmen scheint mit solchen Phänomenen, so ist auch das nicht verwunderlich; es ist ja doch ein Ausnahmezustand, in dem ich mich befinde, das erklärt alles.

Er landet schließlich ganz unten auf der sozialen Stufenleiter. Ganze Tage verbringt er in den Zimmern billiger Absteigen, begeht Selbstmordversuche, die nur deshalb misslingen, weil er nicht mehr die Kraft besitzt, sie zu Ende zu bringen. Hilfe von Freunden und Bekannten kann er – bis auf wenige Ausnahmen, wie z.B. seinen Freund Korfiz  – in seiner Situation nicht mehr erwarten. Gerade diejenigen, die es  – wie man so schön sagt – zu etwas gebracht haben, zeigen ihm mehr oder weniger die kalte Schulter. Somit ist er jeglicher sozialer Einbettung enthoben. Man könnte mit Fug und Recht sagen: Er ist der Welt abhanden gekommen; er erfährt sie zunehmend als feindlich und bedrohlich, was zur Folge hat, dass er sie nur noch mehr verachtet.

Immer wieder habe ich mir vorgenommen, über meine Lage nachzudenken, aber ich habe es nie vermocht. Sobald ich dazu ansetzte, geriet ich in eine Aufregung, die mir fast das Bewusstsein raubte, ich konnte die Gedanken nicht beim Thema halten, in wirrer Flucht vor ihm stoben sie nach allen Richtungen davon. Es war also nichts Neues, wenn es auch jetzt so ging. Ich hatte das schon immer in mir gehabt, nur kam es jetzt von außen. Was ich gewusst hatte, wurde mir bewiesen, wurde an mir begangen, an mir vollstreckt. Es konnte mich vernichten, überraschen konnte es mich nicht. Ich hatte immer gehofft, es würde mir in seiner äußersten Brutalität erspart bleiben. Nicht dass ich mir eingebildet hätte, mich aus eigener Kraft davor schützen zu können; das sind andere, die sich das einbilden; ich hatte nur auf ein wenig Milde gehofft.

Er irrt ziellos umher. Alle Versuche, von irgend einer Seite Hilfe zu erlangen, scheitern.

So  lässt ihn z.B. ein Bekannter von früher, von dem er sich finanzielle Hilfe erwartet hatte, gnadenlos abblitzen:

Du bist selbst schuld an deiner Lage, sagte er.

War das nicht fast so, als ob er gesagt hätte, ich sei schuld an B’s Tod? Ich machte einen Einwand in diesem Sinne.

Das beirrte ihn nicht im mindesten. Er sagte: Du hast einfach alles laufen lassen.

Das war freilich ein Vorwurf, den ich nicht zum ersten Mal hörte und der mich noch jedesmal getroffen hatte. Alles laufen lassen, einfach geschehen lassen, was geschah, das war schon immer meine Neigung gewesen. Sie beruhte auf einer gewissen mißtrauischen Verachtung für die Sphäre des Geschehens überhaupt, und darüber ließ sich gewiß streiten. Unbestreitbar aber schien es mir, daß man es niemand als Schuld ankreiden kann, wenn ihm, aus welchen Gründen auch immer, die Kraft ausgeht, sich aufrecht zu halten (vorausgesetzt, was ich sehr bezweifle, daß man die eingepeitschte Fähigkeit der Leute, ihr Leben zu ertragen und sogar damit einverstanden zu sein, eine Kraft nennen darf, es sei denn eine pervertierte und unheilvolle). Nicht, daß ich ihm etwas entgegengehalten hätte, dazu war ich viel zu müde, begriff auch, daß es ihn wohl kaum angefochten haben würde. Für einen wie ihn konnte so etwas nur eine faule Ausrede sein. Ich sagte nichts, ich sah ihn nur an, er war ein Monstrum.  Er ist gar nichts Besonderes, das habe ich keineswegs sagen wollen; es ist nichts Besonderes, ein Monstrum zu sein. Die zur vollkommenen Verständnislosigkeit erblühte monströse Unschuld ist nichts als die Norm; eben das macht die Gesamtheit derer, die ihr entsprechen, diese harmlosen, braven Leute, einer verheerenden Naturkraft gleich, und mit dem Appell an weniger blinde Prinzipien ist gegen jene nicht mehr auszurichten als gegen diese. Ich widersprach ihm also nicht länger, spiegelte ihm sogar so etwas wie demütige Zerknirschung vor, um vielleicht auf diese Art doch noch eine Kleinigkeit für mich herauszuschlagen, während ich in Wahrheit eher von einem Gefühl des Hochmuts erfüllt war.

Abgrundtiefe Differenzen trennen die Beiden; vollkommene Verständnislosigkeit, die im Gestus der sozialen und kulturellen Überlegenheit daherkommt. Mit messerscharfen Formulierungen schildert Steffens die Polarisierung zwischen sich und seinem Umfeld. Er wundert sich über die Bedenkenlosigkeit und naive Blindheit, mit der die meisten durchs Leben gehen und den Zustand der Welt affirmieren:

Schließt ein Glücklicher aus seinem Zustand auf die Vortrefflichkeit der Welt, so gibt er sich einem leicht durchschaubaren Wahn hin. Die Projektionen der Unglücklichen aber spiegelt durch alle Verzerrungen hindurch das wahre Bild.

Da sie das Leben immer schon zu besitzen glauben und daher nie versuchen, es zu erlangen, wissen sie nicht, daß es nicht zu haben ist. Das Leben, das man weder hat noch entbehrt, läßt sich allenfalls aushalten. Die einzige Form, es zu haben, ist, es zu entbehren. Nein, es nicht zu ertragen.

Eines Tages beobachtet er an einer Landstraße eine Raupe, die versucht, die Straße zu überqueren. Sie wird ihm zum Symbol für die eigene Lebenssituation. Würde sie es schaffen, ohne überfahren zu werden, könnte das für ihn ein Zeichen sein.

Ich habe mir vorgenommen, solange an Ort und Stelle zu verharren, bis sie entweder drüben angekommen oder auf der Strecke geblieben ist. Vorerst kommt sie gut voran. Tatsächlich scheint diese Vorwärtsbewegung mehr über sie hin zu gehen, als dass sie selbst sie vollzöge. Ein Wellengang von Licht und Schatten. Doch das kann meine Sorge nicht von mir nehmen. Sorge um sie? Nicht doch, um mich. Denn ich habe es unterdessen zu meinem Orakel gemacht, ob sie heil nach drüben kommt oder nicht.

Es ist schon im höchsten Grade beängstigend, mit ansehen zu müssen, welches Spiel da mit uns getrieben, wie mit uns umgesprungen wird. Immer wieder wird sie durch einen der vorbeirauschenden Wagen, mit denen unser blindes Schicksal heute kutschiert, momentweise meinen Blicken entzogen. Jetzt ist es aus mit uns. Doch da regt sie sich schon wieder klein und fuchsbraun und büffelköpfig an irgendeiner mehr oder weniger entlegenen Stelle des Schauplatzes, justiert sich unfehlbar auf die kürzeste Linie ein und nimmt den alten Marsch von neuem auf.

Die Sache, unsere Sache zieht sich in peinigender Unentschiedenheit hin. Ihr Ende ließe mich vollkommen kalt, Glück zu oder fahr hin. Ja, vielleicht würde ich, ruhig einatmend, ausatmend, sogar ohne Schmerz an den Schmerz der fremden Frau denken können, an der ich auf meinem Weg vorbeigekommen bin vor kurzer oder langer Zeit, wie man’s nimmt.

 Der Mann landet irgendwann in einer Klinik und kämpft ums schlichte Überleben. Während dieser Zeit vollzieht er, wie er selbst sagt, eine zweifache Kehrwendung. Er, der immer einmal wieder geschrieben hatte, beschließt, das Schreiben aufzugeben, aber erst noch das Buch zu schreiben, das er seiner Frau versprochen hatte und das uns hiermit vorliegt.

Das Schreiben war das letzte, was ich noch aufzugeben, das einzige, woran ich, wenn auch mit schwankender Kraft, bis dahin festgehalten hatte.

Oh, es war eine Lust, ich war ja immer schon anfällig gewesen für die unvergleichliche Faszination des Aufgebens. Aber gerade als der Schnee über dem Grabhügel im Innern meines Kopfes die letzte Dichte erreicht zu haben schien, zerriß die Decke, und aus dem Verzicht auf das Schreiben brach paradox und als scheinbarer Widerruft, in Wahrheit als seine innerste, eingeborene Konsequenz der Entschluß zu einem Buch hervor, diesem hier, keinem anderen als diesem. In dem verrückten Enthusiasmus, der mich augenblicklich erfüllte, ließ ich mir die gleichwohl registrierte Naivität der Vorstellung eines Schreibens wie zum letzten oder zum ersten Mal durchgehen, eines Schreibens, das gewissermaßen noch kein Schreiben oder schon kein Schreiben mehr sein würde.

Der Entschluß hatte sogleich die Gestalt eines fertigen Plans angenommen, und ich schrieb auf der Stelle den ersten Satz: „Ihr wisst ja alle, dass sie vor drei Jahren gestorben ist.“ Ganz von selbst hatte ich ihm die Form einer Anrede gegeben, die Form, die alle meine Gedanken seit einigen Monaten angenommen hatten, und die ihnen allen den Charakter hilflos fuchtelnder Rechtfertigungsreden gab, obwohl ich doch für die meisten von denen, die ich da anredete, nichts als eine mitleidige Verachtung empfand und weit davon entfernt war, ihnen einzeln oder in ihrer Gesamtheit etwa die Würde einer richterlichen Instanz zuzubilligen. Aber niemand hat mehr Gesprächspartner als der, der allein ist.

Man darf vermuten, dass es Dieter Wellershoff war, der Steffens in seinem Vorhaben bestärkt hat, dieses Buch zu schreiben. Im Begleittext heißt es: Steffens begann zu schreiben, als er am Ende eines langen Todesweges angelangt war und sich vor dem Schlimmsten in ein soziales und seelisches Abseits zurückgezogen hatte. Er schrieb, um sich zu retten, zur Wiederherstellung seiner Identität.

 

Bildquelle: pixabay, Myriams-Fotos, CC0 Creative Commons

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Joke Frerichs

Joke Frerichs, Dr. rer. pol.; Studium der Politikwissenschaft; Soziologie; Philosophie; Germanistik, lebt als freier Autor in Köln. Zuletzt erschien sein Roman Das Haus des Dichters (2016) und das Journal Inside Out. Die Welt lässt sich nicht umarmen (2016)


'Gegen das Vergessen: Der Roman „Die Annäherung an das Glück“ von Günter Steffens' hat einen Kommentar

  1. 7. Oktober 2018 @ 20:42 Mondrian Graf v. Lüttichau

    Das Buch wurde vor wenigen Wochen als kostenlose online-Ausgabe wiederveröffentlicht.

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