Heilanstalt Waldau

Gegen das Vergessen: Robert Walsers Roman: Der Räuber

Der Roman entstand Mitte der 20er Jahre und erschien erst 1972. Er gilt neben Jakob von Gunten und Der Gehülfe als bedeutendstes Werk Walsers. Walser war bis in die 20er Jahre hinein ein angesehener, viel veröffentlichter Schriftsteller; bewundert u.a. von Kafka, Hesse, Musil und Tucholsky. In den 30er Jahren geriet sein Werk in Vergessenheit und wurde erst in den 70er Jahren wiederentdeckt.

In seinem Roman Der Räuber verwendet Walser  alle möglichen Stilmittel: Wortschöpfungen; spielerische, oft surrealistische anmutende Formulierungen; Briefe; Ansprachen; Dialoge und Lyrismen. Sie wechseln einander in loser Reihenfolge ab und werden zu Assoziationsketten miteinander verwoben. Es handelt sich um einen fließenden Text, unterbrochen durch eine Vielzahl von Abschweifungen. Es ist ein Roman, der dem Leser wegen seiner strukturellen und formalen  Besonderheiten einiges abverlangt.

Zum Inhalt heißt es in einem Einführungstext zum Buch:

Walsers Räuber ist ein Außenseiter, dem es nicht glückt, „sich der bürgerlichen Ordnung brav anzuschmiegen“. Er ist ein Zeitgenosse, dem das Entscheidende fehlt, „was fürs Leben und seine Gemütlichkeit wichtig ist“. Er ist ein „Nichtsnutz“, der sich in die Rolle eines „Räubers“ gedrängt fühlt, da er kein Geld besitzt noch sich zu arrangieren und auf allgemein respektierte Weise welches zu verdienen versteht. Er vergleicht sich mit dem „Blatt, das ein Knabe mit der Rute vom Zweig herunterschlägt, weil es ihm als Vereinzeltes auffällt“. Obwohl er nie eine kriminelle Handlung begeht, provoziert er die Majorität der Angepassten, die sich schon durch sein bloßes Dasein irritiert und verunsichert fühlt.

Was verbirgt sich hinter der Figur des Räubers? Ist er das Alter Ego des Schriftstellers, der sich dahinter verbirgt oder sind beide identisch? Für beide Sichtweisen gibt es Belege. Mal heißt es: Ich bin ich und er ist er. Aber dann verschmelzen beide Figuren wieder zu einer, so dass das Wechselspiel von Ich, Er und Wir sich durch den ganzen Roman zieht. Aber warum bezeichnet der Autor seinen Protagonisten als Räuber, wo dieser doch nie etwas gestohlen hat? Es handelt es sich um die Zuschreibung der rechtschaffenen Bürger für einen Nichtsnutz, der keiner geregelten Arbeit nachgeht; vielmehr schriftstellert er oder vollführt Gelegenheitsarbeiten. So einer stellt allein durch seine Anwesenheit schon eine Bedrohung der bürgerlichen Ordnung dar.

Oder hat Walsers Räuber in gewisser Weise etwa doch „geraubt“? Aber ja doch: es sind zwar keine materiellen Dinge, aber immerhin Landschaftseindrücke oder Begebenheiten, eben all das, was ein Schriftsteller für seine Arbeit braucht.

Im Roman heißt es: Weswegen wurde er zum Räuber? Weil sein Vater herzensgut, aber arm war. Und so hat er denn leider hie und da mit nichts als seinem Witz Verfolger von oben bis unten zerspalten, wofür er jegliche Verantwortung ohne Murren übernimmt. Der Räuber ist nämlich zu fein veranlagt, um ein großes Gewissen zu haben, er hat nur ein ganz leichtes, kleines, er spürt es kaum, und weil es ein so zweigiges, schmiegeliges Gewissen ist, plagt es ihn auch gar nicht, und er ist natürlich darüber herzlich froh. Wir von uns aus würden ja von diesen Verfolgungen nie gewagt haben zu reden ohne die strikte Aussage jenes Mannes von Belang, bei dem der Räuber eines Abends Tee trank und dem die Bemerkung entfiel: „Ja, ja Lieber, wenn man sich verhaßt macht.“ Vor der Zusammenkunft mit diesem Intellektuellen ahnte der Räuber <von allem dem> noch nichts. Der Sexuelle oder Intellektuelle hatte ihn aufgeweckt. Der Räuber lag da gleichsam unschuldig wie in einem Bett und schlief. Würde ich meinerseits so ein Kind nicht lieber schlafen lassen, statt ihm Bemerkungen wie oben erwähnte ins Ohr zu gießen, ihn da fest zu zupfen, um ihm hochintellektuell zuzurufen: „Du, steh auf, es ist Zeit“? Und so musste denn natürlich der Räuber aufstehen, und hier steht er nun.

Die Weigerung, sich der Gesellschaft und ihren Normen anzupassen, hat etwas Subversives; nie äußert der Räuber radikale Ansichten und doch leistet er passiven Widerstand ; er ignoriert die gesellschaftlichen Normalitätserwartungen, ihre Routinen und Gewohnheiten und bezieht aus seiner Randexistenz fast so etwas wie ein Überlegenheitsgefühl. Er achtet nicht auf sein Äußeres; lebt in den Tag hinein und ist nicht willens, eine feste Beziehung einzugehen. Zwar hat er Kontakt zu Frauen, aber etwas Dauerhaftes wird daraus nicht. Das  bürgerliche Leben ist für ihn nicht  attraktiv. Man könnte sagen: er ist darüber hinaus, weil er deren Mechanismen durchschaut:

Die wahrhaft Starken treten nicht gern stark auf. Niedlich gesagt, nicht wahr? Und nun saß da in einem Raum, wo Leute sich treffen, ein braver Gatte mit einer anderen und wollte vom Räuber gesehen werden. Der Räuber sah ihn, aber der brave Gatte sah das nicht. Der hier gerne bemerkt worden wäre, dachte zu seinem Bedauern, man nehme ihn nicht wahr, und er hatte sich so sehr aufs Wahrgenommenwerden gefreut. Hier spielte nämlich der brave Gatte endlich einmal so den Lebemann. Recht nach Noten. Und da hätte er gern gesehen, sein Bekannter, der Räuber, würde ihn bewundern…Grade vor niemand anderem als vor seinem Freund, dem Räuber, hätte er gern ein bisschen geleuchtet mit seiner andern. Der Räuber würde gedacht haben: „Daheim sitzt sie nun allein, seine brave arme Gattin, und er amüsiert sich hier.“ Der Räuber würde vom braven Gatten gedacht haben: „Was er doch für ein Gauner ist.“ Für Gauner wollen ja alle ehrlichen Leute gehalten werden, denn ehrlich sein kann jeder Schlufi…Bedauernswerte Frauen, die Männer haben, die nicht zornig werden können. Lieber möchte ich begraben sein, als so einen Mann haben. Der Räuber, ha, das war einer, der doch noch hie und da aufbegehrte. Freilich kraute er sich immer gleich hinterher in seinen Ohren, die von sehr zarter Farbe waren.

Und an anderer Stelle heißt es: Man muss schlecht gewesen sein, um ein Sehnen nach dem Guten zu spüren. Und man muss unordentlich gelebt haben, um zu wünschen, Ordnung in sein Leben zu bringen. Also führt die Geordnetheit in die Unordnung, die Tugend ins Laster, die Einsilbigkeit ins Reden, die Lüge in die Aufrichtigkeit, letztere in erstere, und die Welt und das Leben unserer Eigenschaften sind rund.

Der Räuber möchte gar nicht sein wie die Anderen, die Spießer und Arrivierten. Er durchschaut deren Spiel. Zu einer Bekannten, einer Bewunderin des Offizierstandes,  bemerkt er ironisch:

Die Zukunft hat alles Gute bloß noch von Offizieren zu erwarten und höchstens noch von Soldaten, die für ihren Offizier mit Jubel durchs Feuer gehen. Sie halten mich ein bisschen für übergeschnappt, und ich bin es ja auch vielleicht. Aber haben Sie das Recht, mich zu durchschauen? Nein, Sie haben nicht das mindeste Recht dazu. Der ganze Wiederaufbau der Zivilisation hängt für jeden Klardenkenden und hauptsächlich für jeden Gefühlvollen von der Heiligsprechung des Offiziersgrades ab. Haben Sie kein Gedächtnis für das, was die Offiziere im Kriege Unmögliches leisteten? Indem sie ihr Möglichstes taten, verrichteten sie das Menschenunmögliche und aßen namentlich ihren Untergebenen nicht so sehr das Brot auf, als dass sie das Brot, das sie den Soldaten verpflichtet waren, zu geben, an Schieber verkauften, um dafür Champagner zu bekommen, dessen Genuss ihnen für die Verteidigung ihres Vaterlandes wichtig schien. Aber was sage ich da in der vollendeten Zerstreutheit?

Sein Sarkasmus zeigt, dass der Räuber sich keine Illusionen über den Zustand der Gesellschaft macht. Natürlich spürt er die Verachtung seiner Umwelt, aber darüber ist er erhaben. Man könnte auch sagen, er macht aus der Not eine Tugend. Da die Gesellschaft ihn ausgrenzt und ablehnt, versucht er, daraus etwas Positives für sich abzuleiten. Die zunehmende Distanz ist gleichzeitig eine Art Schutz vor Anpassung und Spießertum. Wenn man so will: ein Versuch, seine Identität zu bewahren oder eine solche zumindest zu behaupten. Dazu eine längere Passage, in der der Autor mit dieser zu spielen scheint:

Vor ihm saß nun also der Herr Doktor, zu dem er sagte: “Ich bekenne Ihnen ohne Umschweife, dass ich mich dann und wann als Mädchen fühle.“ Er wartete nach diesem Wort, wie der Doktor sich äußern würde. Der aber sagte bloß leise: „Fahren Sie fort.“ Der Räuber setzte nun auseinander: „Vielleicht erwarteten Sie, dass ich einmal käme. Ich würde Sie in erster Linie zu bitten haben, sich mich recht arm vorzustellen. Ihr Gesicht sagt mir, dass das nicht viel ausmacht, und so vernehmen Sie denn, hochverehrter Herr, dass ich ganz fest glaube, ich sei ein Mann wie irgendein anderer, nur dass mir oft schon, d.h. früher niemals, aber in letzter Zeit an mir aufgefallen ist, dass ich gar keine Angriffs-, keine Besitzlust in mir lodern, weben und aus mir herausdrängen spüre. Im übrigen halte ich mich für einen ganz braven wackeren Mann, für einen durchaus brauchbaren Mann. Ich bin arbeitslustig, ohne dass ich allerdings zur Zeit viel leiste. Ihre Ruhe ermutigt mich, Ihnen anzuvertrauen, dass ich glaube, es lebe vielleicht in mir eine Art von Kind oder eine Art von Knabe. Ich besitze ein vielleicht etwas zu fröhliches Inneres, was ja auf mancherlei schließen lässt. Für ein Mädchen hielt ich mich ein paar Mal, weil ich gern schuhputze und weil mich häusliche Arbeiten lustig anmuten. Es hat eine Zeit gegeben, wo ich es mir nicht habe nehmen lassen, einen zerrissenen Anzug eigenhändig auszubessern. Und ich heize immer im Winter die Öfen selber ein, wie wenn sich das ganz von selbst verstünde. Aber ein richtiges Mädchen bin ich natürlich keineswegs. Wollen Sie mich bitte einen Augenblick über alles das Bedingende nachdenken lassen. Vor allem fällt mir da jetzt ein, dass mich die Frage, ob ich etwa ein Mädchen sein könnte, nie, nie, auch nicht einen einzigen Augenblick lang beunruhigte oder mich aus der bürgerlichen Fassung brachte oder mich unglücklich machte. Ich stehe überhaupt keineswegs als Unglücklicher vor Ihnen, ich möchte dies ganz speziell betonen, denn eine geschlechtliche Qual oder Not spürte ich nie, denn es hat mir nie an den sehr einfachen Möglichkeiten gefehlt, mich jeweilen von Andrängungen zu befreien. Eigentümlich, d.h. wichtig für mich wurde die Entdeckung, die ich an mir machte, dass ich in liebliche Lustigkeit hineinkam, wenn ich in Gedanken irgendwen bediente. Natürlich ist diese Art von Anlage nicht alleinbestimmend. Ich frage mich vielfach, was für Umstände, Beziehungen, Milieus für mich maßgebend seien, kam aber zu keinem bestimmten Ergebnis.

Dieses Zitat zeigt,  w i e  der Autor den Entfremdungsprozess seines Räubers schildert. Fortlaufend erzählt werden scheinbar belanglose Episoden aus seiner kümmerlichen Existenz; unterbrochen von Andeutungen, Reflexionen und Wortspielereien. Der Text hat keine Handlung; es entwickelt sich nichts; es wird assoziiert; es geht vor und zurück. Der Autor spielt mit den Erwartungen des Lesers; er kündigt an, auf einen Sachverhalt zurück zu kommen; schweift ab, und manchmal kommt er auf eine Sache zurück, manchmal aber auch nicht. Es ist ein höchst kunstvolles Verwirrspiel, das sich über den ganzen Roman hinzieht. Zuweilen liest sich das wie ein Selbstgespräch, das keinen Anfang und keine Ende kennt. Oder zieht Walser mit seinen Ausführungen ein bitter-ironisches Resümee seines  Schriftstellerlebens? Es ist sein letzter Roman und bald darauf begibt er sich in eine psychiatrische Pflegeanstalt, in der er Jahrzehnte bis zu seinem Lebensende verweilt.

Zum Schluss des Romans heißt es: Wir halten ihn sowohl für die allgemeine Nonchalance wie für das Gewissen aller Völker. Wie wir da weit ausholen. Der Ernst schaut uns an, ich schaue auf, und so unlogisch das auch scheint, bin ich des Glaubens und erkläre ich mich mit allen denjenigen einverstanden, die meinen, es sei schicklich, dass man den Räuber angenehm finde und dass man ihn von nun an kenne und grüße.

 

Bildquelle: Wikipedia, Heilanstalt Waldau, Gemälde von Adolf Wölfli, 1921, gemeinfrei

Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 4 665 Abonnenten.



Joke Frerichs

Joke Frerichs, Dr. rer. pol.; Studium der Politikwissenschaft; Soziologie; Philosophie; Germanistik, lebt als freier Autor in Köln. Zuletzt erschien sein Roman Das Haus des Dichters (2016) und das Journal Inside Out. Die Welt lässt sich nicht umarmen (2016)


'Gegen das Vergessen: Robert Walsers Roman: Der Räuber' hat keine Kommentare

Als erste/r kommentieren

Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht