Italien, Zitronen

Italien, das Land, wo die Zitronen blühen – Und die Probleme nicht aufhören

Italien, immer schon und immer noch das Lieblingsurlaubsland nicht nur der Deutschen, politisch manchmal das Sorgenkind Europas, das aber dann auch wieder von aller Welt angehimmelt wird. Das Land, wo die Zitronen blühen, das beflügelt manche Phantasie der Menschen, die dann getrübt werden kann, weil eine Brücke in Genua-2018- von jetzt auf gleich einstürzt und 43 Menschen das Leben kostet. Da hält die Welt den Atem an, sinniert darüber, wie das passieren konnte, und ist dann erstaunt, dass nicht mal zwei Jahre später-2020- diese Brücke mit einer Länge von 1182 Metern wieder aufgebaut und eingeweiht werden konnte. Wie war das möglich? Weil der vormalige Regierungschef Conte das Angebot von Italiens Star-Architekten Renzo Piano annahm und diesem die Garantie gab, dass keine Hürde der Bürokratie seine Arbeit behindern würde. Und Piano hatte angeboten, seinen Plan kostenlos umzusetzen. Sensationell, aber eben italienisch. Dass Rom gelegentlich den Eindruck erweckt, als sollte vieles morsch geworden sein in dieser ewigen Stadt, um im nächsten Moment wieder die Millionen Touristen in ihren Bann zu ziehen. Oder nehmen wir den Fußball, der ja gerade in Italien immer wieder seine eigene Geschichte schreibt. 2018 in Russland nicht qualifiziert und jetzt wieder ganz oben, die Fans und Experten schwärmen von der neuen Squadra Azzurra, gleich, wie das Spiel gegen Spanien ausgeht.

Das ist Italien, das Regierungen verschlingt und verschleißt wie sonst nirgendwo auf der Welt, das dann aber einen Herrn Draghi dazu bewegt, die Dinge in die Hand zu nehmen. Und auch wenn es jetzt noch klemmt und kneift, und man streitet wie die Kesselflicker, am Ende muss man einsehen, dass es funktioniert. Manches geht schneller und unkomplizierter, weil man Draghi an der Spitze hat. Der weiß, wie man das macht. Dass  Ursula von der Leyen extra nach Rom fliegt, um Draghi den Scheck öffentlich zu überreichen aus dem EU-Hilfsfonds, sagt mehr als Tausend Worte.

Oder nehmen wir Corona. Am Anfang standen die Bilder mit den Leichenwagen des Militärs, schrecklich anzusehen, als werde eine Stadt zu Grabe getragen. Und heute, mit Draghi, oder dank Draghi, wurden die bisherigen Experten nach Hause geschickt, die Problemlösung in die Hände eines Generals gelegt. Und dieser Herr mit dem schön klingenden Namen Francesco Paolo Figliuolo hatte den Auftrag von Draghi, die Impfkampagne neu zu organisieren und binnen kürzester Zeit die Anzahl der täglich verarbreichten Impfdosen auf mindestens 500.000 zu erhöhen. Und ja, es hat geklappt. Auch das ist Italien.

Diese positiven Entwicklungen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Regierung Draghi vor einer schweren Zeit steht. Eine Regierung, die von allen politischen Kräften gestützt wird, nur nicht von der Faschistin Giorgia Meloni von Fratelli d´ Italia. Sie ist in die Opposition gegangen und bleibt konsequent dabei, anders als manche ander, die formell die Regierung unterstützen, aber in der Realität mit Ungarns Orban und Frankreichs Marie Le Pen zusammenarbeiten oder Bünde schließen. Ihr Ziel ist eine Allianz der äußerst Rechten in ganz Europa. Das könnte eines Tages die Stabilität der Regierung Draghi gefährden.

Einer der Problemfälle war die geplante Abschaffung des außerordentlichen Arbeitslosengeldes, das wegen Corona komplett vom Staat bezahlt wurde. Auch hier war Draghi sehr geschickt, er traf die Vertreter der Gewerkschaften und zusammen fanden sie einen praktikablen Ausweg, indem das Arbeitslosengeld erst Schritt für Schritt abgeschafft wird und nicht auf einmal. Einzige Ausnahme auch langfristig ist die Textilindustrie, die weiter uneingeschränkt unterstützt wird. Die Folge: die sonst sicheren Streiks finden nicht statt. Und Streiks in Italien heißen, das ganze Land würde sonst lahm gelegt.  

Nächstes Problem ist die Steuerreform. Man will das System vereinfachen und es soll gerechter werden. Hierüber ist die bunt gemischte Regierungs-Koalition in Streit geraten. Zunächst war daran gedacht, eine Art Kapitalsteuer einzuführen, die in erster Linie die Super-Reichen im Lande belastet und die Immobilien und Vermögen auf Banken betroffen hätte. Der Zinssatz sollte progressiv verlaufen. Der Plan wurde von den Moderaten und Rechten in der Regierung verhindert. Berlusconi und Matteo Salvini sorgten dafür, dass dieser Vorschlag gar nicht weiter behandelt wurde. 

Ein weiteres Problem ist das geplante Homophobie-Gesetz, das schon in der unteren Kammer verabschiedet wurde. Heute im Senat muss ein Datum gefunden werden, wann das Gesetzesvorhaben im Senat der Republik, der oberen Kammer, wenn man so will, zur Wahl steht. Es könnte auf Zeit gespielt werden, weil mindestens die Hälfte der Regierung Draghi das Gesetz verhindern will, also wieder Berlusconi, Lega und die Fratelli d´Italia. In  Wirklichkeit wollen die genannten Parteien keine Gleichstellung von Schwulen und Lesben mit Hetero und verstecken sich hinter der vermeintlich katholischen Moral des Vatikan, der sich eingemischt hat in den Diskurs über das Gesetz, aber natürlich derart,  dass er klar gemacht hat, dass er, der Vatikan, dagegen ist. Draghi hat dagegen gehalten, indem er betont hat, Italien sei ein weltlicher Staat, der nicht von der Kirche regiert werde.

Corona hat Europa ein Jahr lang im Griff gehabt und vieles still gelegt. Im letzten Jahr hat man sich zu früh gefreut, dass die Pandemie vorbei gewesen wäre. Und dann kam die nächste Welle, der Urlaub in Italien fand im Grunde nicht statt. Ein Schlag ins Kontor dieses Landes, für Hoteliers, Restaurants, für viele, die vom Urlaub leben im Land, wo die Zitronen blühen. In diesem Jahr kommen langsam wieder die Touristen, auch aus dem Ausland, aber nicht aus Amerika, wohl aus Angst vor Corona. Damit fällt ein Großteil des Trinkgeldes aus, das Amerikaner gern und ausreichend geben. Taxifahrer und Kellner zum Beispiel lebten all die Jahre davon. Ein Problem ferner: die Russen bleiben weg. Sie sind nur, muss man sagen, mit Sputnik gegen Corona geimpft, dieser Impfstoff ist aber in Europa nicht zugelassen. Und deshalb müssten Russen, die nach West-Europa wollen, zuerst fünf Tage in Quarantäne. Die Erwartungen in Italien sind also besser als im letzten Jahr, aber gedämpft. Vielleicht ein Zeichen, das Italien reifer geworden ist durch Corona. Das würde dem Land den Fehler des letzten Jahres ersparen.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Michelle Raponi, Pixabay License

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Caterina Massai

Caterina Massai stammt aus Florenz, sie hat dort und in München Geisteswissenschaften studiert, sie lebt seit 23 Jahren in Deutschland und wohnt mit ihrer Familie in Bonn. Sie ist VHS-Dozentin und arbeitet als freiberufliche Übersetzerin. Seit 2013 ist sie eingebürgert.


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