Einschussloch in Fenster

John le Carré: Zwischen Fantasie und bitterer Realität

John le Carré ist ein Jahr vor seinem 90. Geburtstag gestorben. Das ist kein schlechtes Alter nach einem bewegten, wachen, kritischen und erfolgreichen Autorenleben.

Als Leserinnen oder Leser haben wir ihn viele Jahre begleitet. Manche fünfzig Jahre und länger. Er hat uns als Autor durch entstehende, entgleitende, verschwindende Gegenwart begleitet: An den Nahtstellen zwischen Fantasie und bitterer Realität, wo die Funken gute Literatur nur so sprühen lassen; als guter Kenner unseres Landes, als hingebungsvoller Europäer, als Menschenfreund.

Le Carré gehörte zu einer respekteinflößenden  Zahl britischer Autorinnen und Autoren, die sich mit Spionage und Geheimdiensten, mit Loyalität und Verrat beschäftigt haben. Deren Geschichten bilden heute Fabelwelten, Fabelwesen ab. Mir liegt der Ausruf auf der Zunge: „Attention! Dragons crossing!“ Dieser Tage war im Fernsehen wenig beachtet Len Deightons „Finale in Berlin“ zu sehen: Spannend, hartnäckig anti-kommunistisch, doppelbödig.

Deighton (91 Jahre alt, ein Kind der britischen Arbeiterklasse) gehört beispielsweise in diese Gruppe. Graham Greene, der den Literatur-Nobelpreis verdient hatte, aber nie bekam, wahrscheinlich den meisten schon kein Begriff mehr („Attention! Dragons….“), muss erwähnt werden. Und natürlich jetzt auch Melita Norwood, die es tatsächlich gab, die Jahrzehnte lang für Moskau spionierte, darf nicht vergessen werden. „Geheimnisse eines Lebens“ heißt die Verfilmung deren Lebens mit einer grandiosen Judi Dench in der Hauptrolle.

Während Melita Norwood der britischen Gesellschaft tatsächlich schweren Schaden zufügte, wird wohl die Bedeutung der „Cambridge Five“, Guy Burgess, Donald MacLean, Kim Philby, Anthony Blunt und John Cairncross, erheblich  überschätzt. Diese Fünf waren wiederum Anknüpfpunkte für John le Carré. Der modellierte aus deren Verrätereien seinen George Smiley, seine zentrale Geheimdienstfigur, wahlweise von Alec Guinness  oder Garry Altman gespielt.

Grandios: le Carré hat sich über die letzten Jahrzehnte seines langen schöpferischen Lebens großenteils aus kaltem Krieg und Empire-Verwesung gelöst. Neues rasch aufgegriffen – religiös gründenden Terror, die Macht großer Konzerne. Er ist nie stehen geblieben. Es gab immer wieder neue doppelte Böden zu entdecken und für uns lässig, ironisch, ohne jeden Opportunismus und ohne Anbiederei bei Mächtigen zu beschreiben. Wir sollten es dieses Mal anders machen als mit Blick auf Graham Green: Nicht vergessen! 

Bildquelle: Pixabay, stux, Pixabay License

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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


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