Flüchtlinge

Kirchentag endet mit klarer Botschaft: „Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“

Der Kirchentag in Dortmund hat ermutigend gewirkt. Er war heiter, lebendig, politisch, streitbar, fröhlich im Miteinander, respektvoll in der Kontroverse. Kurz: er hatte alles, was ein Kirchentag braucht. Eine aufgeschlossene Stadt, Menschen, die zuhören, mitmachen und sich begeistern lassen. Mit Hans Leyendecker und Julia Helmke hatte er eine überzeugende Leitung, in der westfälischen Landeskirche engagierte Unterstützer und mit der Losung einen grandiosen Treffer: „Was für ein Vertrauen“. Mehr als 100.000 Menschen haben hinter dieses Motto ein fettes Ausrufezeichen gesetzt.

Sichtbar mit dem Schlussgottesdienst im Westfalenpark und im schwarz-gelben Fußballstadion, mit der Menschenkette für Frieden und dem Trauermarsch für die im Mittelmeer Ertrunkenen. „Der Kirchentag benennt Unrecht“, sagte Generalsekretärin Julia Helmke. „Er stützt die, die sich einsetzen für Klimaschutz, für eine wirkliche Nachbarschaft von Europa und Afrika, überhaupt für das Geschenk von Europa, dessen Seele im Gestrüpp von Ökonomisierung und Nationalismus verlorengeht, für das praktische Tun des Friedens, für menschenwürdige Arbeitsbedingungen und Sicherheit im weltweiten Netz.“

Damit sind längst nicht alle Themen angesprochen, die in den gut 2300 Veranstaltungen diskutiert wurden. Es gab natürlich auch Skurriles, Irritierendes und Überraschendes, wie es der Pluralität und Offenheit eines Evangelischen Kirchentags entspricht. Er wächst von unten, wie Präsident Hans Leyendecker in seinem Resümee unterstrich, und viele machen ihn zu ihrer Sache.

Nicht jedes Thema verträgt die große Halle, wie sie Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Leichtigkeit für sich einnimmt. Wenn sie von dem „globalen Gemeinwohl“ spricht, für Deutschland Klimaneutralität bis zum Jahr 2050 verspricht und zu den 17 Nachhaltigkeitszielen fast schon trotzig ihr zuversichtliches „Wir schaffen das“ formuliert, jubelt ihr das Publikum in der großen Westfalenhalle begeistert zu. Zugang zu Bildung und sauberem Wasser, die Bekämpfung der Ursachen von Flucht und Vertreibung, die Erderwärmung stoppen.

„Das alles können wir schaffen“, sagt Merkel und erntet dafür auch die Zustimmung von Ellen Johnson-Sirleaf, von 2006 bis 2018 Präsidentin von Liberia. Sie blickt in ihrem eigenen Land auf eine ungeahnte Wendung zum Guten und sagt: „Vieles erscheint unmöglich, bis jemand kommt und es tut.“ Die Friedensnobelpreisträgerin wirbt eindringlich für eine vertrauensvolle internationale Zusammenarbeit. „Kein Land kann es allein schaffen“, sagt die Frau, die Angela Merkel ihre „politische Freundin“ nennt. Auch in dieser Hinsicht sind sie sich einig.

Nur an einem Punkt, als es um sie persönlich geht, widerspricht Merkel der resoluten Freundin. Ellen Johnson-Sirleaf hatte der Kanzlerin unter lautem Applaus des Publikums zugerufen: „Du stehst auf der richtigen Seite der Geschichte“, und „Jetzt, da du so weit gekommen bist, mach weiter, bleibe Motivation für alle Frauen in Führungspositionen weltweit.“ Doch da winkte Merkel, die ohnehin meist spröde reagiert, wenn es um die Frauenfrage geht, gelassen ab. So sei das in einer Demokratie, sagte sie. Aufgaben enden.

Von Niedergang und Neuaufbruch handelte auch die Predigt im Schlussgottesdienst. „Die Volkskirche bröckelt, die Volksparteien auch“, sagte Pastorin Sandra Bils mit Blick auf den Mitgliederschwund. Sie stellte die Frage in den Raum: „Vielleicht ist unsere Zeit wirklich vorbei?“ Doch natürlich war das eine rhetorische Frage. „Wir haben Gott auf unserer Seite. Unsere Zeit ist ganz und gar nicht vorbei. Wir werden gebraucht, mehr denn je. Worauf warten wir noch?“

Ihr konkretes Beispiel: „Lebensrettung ist kein Verbrechen, sondern Christenpflicht. Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“ Damit schlug sie noch einmal den Bogen zu einem der zentralen Kirchentagsthemen. „Was im Mittelmeer passiert, ist eine Schande“, hatte Leoluca Orlando, der Bürgermeister von Palermo, in der Westfalenhalle gesagt. Und: „Wenn wir den Regierungen erlauben, das Recht der Menschen auf Schutz und Leben nicht mehr zu respektieren, nur weil sie aus einem anderen Kontinent kommen, erlauben wir Willkür.“ Er wolle Fremde nicht als Gefahr sehen. „Wer Angst und Hass sät, erntet Gewalt.“

In einer breiten Initiative wenden sich Bürgermeister aus mehreren Ländern gegen die „brutale Flüchtlingsabwehr“, wie Hans Leyendecker sie nannte. Auch Dortmunds OB Ullrich Sierau wirkt mit. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm richtete einen nachdrücklichen Appell an die Bundesregierung. „Wir nehmen Sie jetzt beim Wort und verlangen umgehend konkrete Schritte und nicht nur grundsätzliche Erklärungen“, sagte der Bischof. Es müsse sichergestellt werden, „dass nicht bei jedem Schiff jeweils neu verhandelt werden muss und dass sich nicht die Retter von Menschenleben rechtfertigen müssen, sondern diejenigen, die das verhindern“.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Gerd Altmann (geralt), Pixabay  License

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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