Seehofer, Söder,

Man hat sich nicht verhört: Söder lobt Seehofer „Ein ganz Großer in der CSU-Geschichte“

Es wirkt oft wie Kabarett, wenn Politiker verabschiedet werden. Es wird geflunkert, nenne ich es mal höflich, um nicht von Lügen zu reden, dass sich die Balken biegen. Neues Beispiel: Markus Söder und Horst Seehofer waren sich stets in inniger Abneigung verbunden, sie als Gegenspieler zu bezeichnen, ist eher die höfliche Beschreibung eines Verhältnisses, was Konrad Adenauer mal so ausdrückte: die Steigerung von Feind sei eben der Parteifreund. Jetzt hat der bayerische Ministerpräsident Markus Söder den scheidenden Parteichef als „ganz Großen in der CSU-Geschichte“ gewürdigt. Nein, Sie haben sich nicht verhört. Nicht verbürgt ist, dass Söder bei diesen Worten geschmunzelt haben soll, was natürlich auch sofort offiziell mit Abscheu und Empörung zurückgewiesen würde.

Horst Seehofer also ein ganz Großer. Lang ist er,  so wie der Friedrich Merz aus dem Sauerland. Beide kann man in der Kategorie der Zwei-Metermänner ansiedeln. Aber ist Länge auch Größe? Man denke an den Auftritt des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Chef Seehofer, als er gegen Ende des CSU-Parteitags die Kanzlerin Angela Merkel vom Rednerpult herab abkanzelte, sie stand wie ein begossener Pudel neben dem schwarzen Riesen und ließ es geschehen. Beleidigend war die Art und Weise, eines Regierungschefs kaum würdig. Der die Flüchtlingspolitik von Merkel als eine „Herrschaft des Unrechts“ abtat, gegen die er notfalls vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe klagen werde. Ein Großer, dem Merkel mit der Richtlinienkompetenz drohte? Und der ohne zu Lachen nach dem Rückzug von Merkel vom CDU-Vorsitz tatsächlich verkündete: wir werden sie vermissen, gemeint Angela Merkel. Ob sie gelacht hat?

Die Landtagswahl hat er vergeigt

Ein Großer, den seine Kritiker in Bayern eher als Drehhofer verspotten, weil er seine Meinung so oft verändert hatte, dass kaum noch jemand mitkam? Der hat als CSU-Parteichef die letzte Landtagswahl im Freistaat doch ziemlich vergeigt, die CSU hat mit etwas über 37 Prozent die absolute Mehrheit verloren und musste die Freien Wähler des Herrn Aiwanger mit ins Kabinett nehmen, um weiter regieren zu können. Und die rechten Populisten von der AfD konnte er auch nicht aus dem Landtag heraushalten. Ein ganz Großer?

Nun ist Söder einstimmig vom CSU-Vorstand für die Wahl zum Parteichef nominiert worden. Auf dem Parteitag der Christsozialen am 19. Januar wird Söder Seehofer in der Parteizentrale  in der Schwabinger Parkstadt ablösen. Dann ist der Wechsel komplett, fehlt nur noch, dass der Ingolstädter Seehofer auch sein Amt als Bundesinnenminister, der auch für Heimat zuständig ist, im Kabinett der Angela Merkel abgibt, verliert, oder wie immer man das nennen soll. Er wird sich irgendwann in sein Haus in der Audi-Stadt zurückziehen, in sein Austragsstüberl, wie das die Bayern nennen, wenn der Bauer seinen Hof an den Nachwuchs übergibt.

Auch wenn Abschiede und die gehaltenen Reden fast immer so sind, wie sie sind, fehlt nur die Träne, die man sich nicht mehr verkneifen kann, wenn einer der Großen-oder sollen wir ihn besser der Langen nennen?- seinen Hut nimmt. Glücklich sei er, hat der Horst gesagt bei der Abschiedsvorstellung im Vorstand. Es habe ihm viel Freude gemacht, hat er eingeräumt und hinzugefügt, was man immer in solchen Momenten sagt: Neben Dankbarkeit hat er ein Stück Erleichterung empfunden. Letzteres dürfte auch Söder empfunden haben und andere, die seit Monaten über den Alten aus Ingolstadt mehr gestöhnt haben als sonst was und die sich den Tag des Rückzugs herbeisehnten.

Arm in Arm, das hätte gepaßt

Was ich vermisst habe, sind Bilder von Söder und Seehofer, Arm in Arm, in die Kamera lächelnd, quasi Vater und Sohn. Schade eigentlich. Es hätte so herrlich gepaßt zu der Lobeshymne des Neuen über den Alten. Dabei haben sie sich bekriegt in der Vergangenheit ganz nach dem Urteil des Rhöndorfer Kanzlers Adenauer und seiner Definition vom Parteifreund. Nein, es ist nicht vergessen, dass Seehofer den bayerischen Journalisten einst in die Feder diktierte, dass der Söder sich Schmutzeleien erlaubt habe, Seehofer hatte von charakterlicher Schwäche des Franken gesprochen. Was er damit gemeint haben könnte? Vielleicht die Vermutung, Söder und seine Leute hätten vor Jahren die Geschichte mit Seehofers außerehelicher Beziehung mitsamt Kind in Berlin an die Presse durchgestochen. Zwar hat Söder das immer wieder dementiert, aber manches Dementi bleibt halt wirkungslos.

Söder hat alle Attacken überlebt nach seinem Motto: „Narben sind die Orden in der Politik.“ Django lässt grüßen. Er hat sich durchgeboxt , der Mann, dem das Testosteron aus den Adern zu springen scheint, der ehrgeizig ist wie kaum ein anderer und dem man vieles zutraut auf dem Weg nach oben. Markus Söder, Fan des Abstiegskandidaten FC Nürnberg, der als Knabe ein großes Poster seines Vorbilds Franz Josef Strauß über dem Bett hängen hatte, selbst dann, wenn er Besuch von einer Freundin hatte, der mit 16 der CSU beitrat, mit 27 in den Landtag zog, mit 36 Generalsekretär der Partei wurde, mit 40 Minister und mit 51 Jahren Ministerpräsident des Freistaates wurde, eine Bilderbuch-Karriere eines Politikers, der gern daraufhin wies, dass er der Sohn eines Maurermeisters sei. Will sagen, ich bin nicht mit goldenen Löffeln auf die Welt gekommen.

Der graue Wolf Seehofer wollte den Söder lange verhindern, das schien sein Antrieb zu sein, doch der hielt dagegen.Man kennt seine markigen Sprüche. Beim traditionellen Maibock-Anstich kann man sich bei Reden manches erlauben, es wird erwartet, dass „derbleckt“ wird, gefrotzelt, über andere her- und sie durch den Kakao gezogen werden. Markus Söder reizte das gegen Seehofer aus: „Im Kabinett geht es harmonisch zu“, sagte er und schränkte dann ein, „nur einer stört.“ Da wäre dem Seehofer schon das Lachen vergangen, aber Söder legte noch nach: „Unsere Sorge ist nicht, wann er aufhört, sondern ob er überhaupt irgendwann aufhört.“

Strauß als Vorbild, Stoiber als Förderer

Edmund Stoiber gilt als sein Förderer. Ob er deshalb bei der fränkischen Fasnacht mal als Stoiber verkleidet daherkam? Letztes Mal hatte er sich als Prinzregent Luitpold von Bayern verkleidet. Aber er hatte sich auch schon mal in die Gestalt des Mahatma Gandhi verwandelt. Übereinstimmungen mit Gandhi sind aber bisher nicht bekannt, anders seine Bekenntnisse zu Strauß, den er als „Kraftuhrwerk“ pries, als „Titan der Worte“. Da könnte der Oliver Kahn richtig neidisch werden. Der war ja mal der Titan im Tor des FC Bayern München, aber das ist wieder was anderes. Schaun wir mal, ob er eines Tages zum Landesvater reift und was dann seine Bayern-Kinder über ihn reden.  Söder hat gerade betont, er, der als leidenschaftlicher Bierzeltredner gilt, werde sich nicht nur auf „die Lufthoheit über den Stammtischen“ konzentrieren, sondern auch eine „stärkere Prägekraft bei intellektuellen Debatten“ entfalten. Ob das eine Drohung ist?

Bildquelle: Wikipedia, User Freud,  GNU-Lizenz für freie Dokumentation

 

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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